Aus Hunderten könnten heute Tausende werden

Die Proteste gegen die Banken werden heute wohl einen neuen Höhepunkt erleben: Tausende Demonstranten werden allein in New York erwartet. Die Bewegung geniesst viel Sympathie im Volk und breitet sich aus.

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Mehrere Tausend Teilnehmer werden heute allein in New York zu einem Demonstrationszug vom Rathaus bis zur Wall Street erwartet. Die Protestbewegung ist längst über eine Gruppe von Studenten hinausgewachsen, die vor knapp drei Wochen mit dem Slogan «Occupy Wall Street» (Besetzt die Wall Street) auf sich aufmerksam gemacht hatte.

An den Demonstrationen beteiligen sich inzwischen der grosse Gewerkschaftsverband AFL-CIO und viele Einzelgewerkschaften. Auch lokale Gruppen wie Vereinigungen von Krankenschwestern, Lehrern und selbst Nachbarschafts- und Mietervereinen machen mit.

Weitverbreiteter Frust

Die Proteste richten sich in erster Linie gegen die Macht der Banken. Die Finanzinstitute seien übermächtig geworden und hätten viel zu viel Einfluss auf die Politik, klagen die Demonstranten. Diese wenden sich ausserdem gegen die hohen Gehälter in der Finanzwirtschaft. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass die Banken die Finanzkrise zwar verursacht haben, aber kaum zur Beilegung beitragen.

Dennoch bleibt es schwer, die Konturen der Protestbewegung genau nachzuzeichnen. Frust über Arbeitslosigkeit und Finanznot von Studenten und kleinen Leuten mischt sich mit Ärger über «Polizeistaat-Methoden», Erderwärmung und Ellenbogengesellschaft.

Unfähigkeit der Politiker

Als die ersten Aktivisten vor bald drei Wochen im Zuccotti-Park, unweit von der Wall Street, ihre Transparente und Schlafsäcke ausrollten, waren zunächst die Vergleiche mit den Protesten am Tahrir-Platz in Kairo in aller Munde. Inzwischen ist klar, dass die Parallelen zum Umbruch in den arabischen Staaten eher minimal sind. Die Zahl der Demonstranten bleibt überschaubar, der Sturz der Regierung steht nicht auf dem Programm, die Sicherheitskräfte schiessen nicht auf die Protestteilnehmer.

Da gibt es schon eher Gemeinsamkeiten mit den Protesten in Spanien, Italien und Griechenland. Denn die Kritik entzündet sich vor allem an der Unfähigkeit der westlichen Regierungen, mit der Finanzkrise fertig zu werden.

Auch Parallelen zur Anti-Vietnamkriegs-Bewegung in den 1960er Jahren werden gezogen. Die Beweggründe von «Occupy Wall Street» sind vielfältig, der Unmut aber gross. Dies zeigt sich auch daran, dass der Protest schon seit Wochen anhält.

Aufmunterung und Spenden

«Es hat noch immer klein angefangen», sagt die 61-jährige Eleanor Buckley, die an Jugendliche in Chicago Getränke und Essen verteilt. Die Zeit werde zeigen, welches Ausmass die Proteste noch annähmen. Auf die unterschiedlichsten Weisen stärken Passanten den Protestierenden den Rücken. Autofahrer hupen aufmunternd, und eine regelrechte Spendenflut hat eingesetzt.

Die Unterstützer seien «sehr grosszügig», schwärmt die Kunststudentin Victoria Sobel, die spontan ins Finanzkomitee delegiert wurde. «Wir haben wohl schon an die 35'000 Dollar erhalten.» (rub/sda)

Erstellt: 05.10.2011, 16:08 Uhr

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