«Was ist aus uns Amerikanern geworden?»

Ex-FBI-Direktor James Comey glaubt, dass die Bilder mit den weinenden Kindern an der Grenze zu Mexiko ein Wendepunkt sein könnten.

«Ich schäme mich für die Republikaner und sorge mich um die Zukunft der Partei», sagt Ex-FBI-Direktor James Comey. Foto: Justin Tang (AP, Keystone)

«Ich schäme mich für die Republikaner und sorge mich um die Zukunft der Partei», sagt Ex-FBI-Direktor James Comey. Foto: Justin Tang (AP, Keystone)

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Glauben Sie, dass Donald Trump Ihr Buch «Grösser als das Amt» gelesen hat?
Nein, das erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Aus meiner eigenen Erfahrung weiss ich, dass er kein Leser ist. Er sieht lieber fern.

In diesem Buch schreiben Sie sehr positiv über Barack Obama. Ein Unterschied ­zwischen ihm und Trump sei, dass Letzterer nie lacht. Wie erklären Sie sich das?
Es zeigt Unsicherheit. Aufrichtiges Lachen erfordert ein gewisses Selbstvertrauen, denn wir alle sehen dabei ein bisschen dämlich aus. Das macht uns verwundbar, was unsichere Menschen nicht ertragen können. Wenn ich als Führungspersönlichkeit über einen Scherz meines Mitarbeiters lache, dann werte ich ihn auf. Trump habe ich nie lachen sehen – weder beim Smalltalk noch bei jenem Abend­essen, bei dem er meine Loyalität einforderte.

Über Ihre Treffen mit Präsident Trump fertigten Sie Gedächtnisprotokolle an. Haben Sie nach Gesprächen mit Obama und George W. Bush auch solche Memos geschrieben?
Nein, an so etwas habe ich nie gedacht, ich fürchtete nie, dass einer von ihnen lügen würde. Beide wussten, wie wichtig die Distanz zwischen Präsident und FBI ist. Obama sagte mir 2013 vor meiner Nominierung, dass er dann gut schlafen könne, wenn das FBI «kompetent und unabhängig» sei. Er wäre nie auf die Idee gekommen, mich zum Dinner in den Green Room des Weissen Hauses einzuladen. Auch ich dachte, dass so etwas seit den unseligen Zeiten von Richard Nixon und J. Edgar Hoover tabu sein sollte. So etwas tut man nicht.

Das Essen fand Ende Januar 2017 statt. Drei Monate später wurden Sie gefeuert, und Sie bezeichnen Trump nun als «moralisch ungeeignet» für das Amt. Laut «Washington Post» hat er seit der Vereidigung etwa ­3300-mal gelogen oder falsche Dinge gesagt. Lügt er mit Absicht, oder giert er einfach nach Aufmerksamkeit?
Es ist wohl eine Mischung. Von einigen Dingen weiss er sicher, dass sie falsch sind, und er wiederholt sie, weil er sich politischen Nutzen verspricht. Oft hat er wohl einfach keine Ahnung, doch das ist ihm egal. Hat er nicht kürzlich gesagt, dass die Kriminalität in Deutschland nach der Aufnahme der Flüchtlinge angeblich gestiegen sei?


Bilder: Die Geschichte hinter einem herzzerreissenden Foto


Diese falsche Aussage hat er später auf Twitter wiederholt und den deutschen Politikern vorgeworfen, bei den Statistiken zu betrügen.
Oh, wie interessant. Zunächst hat er wohl nur losgeplappert, doch die Wiederholung spricht dafür, dass er denkt, dass diese Merkel-Kritik gut ankommt. Auch früher haben Politiker falsche Zahlen verwendet, aber es war peinlich, wenn sie von der Presse oder den eigenen Mitarbeitern darauf hingewiesen wurden. Trump ist das egal, und auf diese Gefahr will ich hinweisen. Ich will die Amerikaner aufrütteln, denn wir haben unsere Politiker stets daran gemessen, dass sie Fakten präsentieren und akzeptieren. Gewiss: Bush Junior glaubte wohl wirklich, dass es im Irak Massenvernichtungs­waffen gab, und betont noch immer: «Ich habe nicht gelogen.» Aber der jetzige Präsident lügt so oft, dass alle Massstäbe zu verschwinden drohen.

Im November findet die Kongresswahl statt. Sie waren selbst Republikaner. Nur wenige konservative Senatoren und Abgeordnete haben das Rückgrat, Trump zu widersprechen oder ihn für seine Attacken auf die Medien oder das FBI zu kritisieren.
Ich frage immer: «Wie werdet ihr einmal euren Enkeln erklären, dass ihr geschwiegen und all das toleriert habt?» Glauben die Politiker wirklich, dass sie ihr Verhalten mit «Ich hatte Angst vor den Trump-Fans und wollte meinen Sitz im Kongress behalten» rechtfertigen können? Zu viele geben ihre Integrität auf, um ihren Job zu behalten. Ich schäme mich für die Republikaner und sorge mich um die Zukunft der Partei. Der ich nicht mehr angehöre.

«Bob Mueller erinnert mich an Atticus Finch, hart und unabhängig.»

An der Grenze zu Mexiko wurden bis vor kurzem Kinder von ihren Eltern getrennt und in Käfige gesperrt. Welche Wirkung hat das auf Amerika?
Womöglich sind die Bilder ein Wendepunkt. Vielleicht erleben wir gerade einen jener wiederkehrenden Momente, in denen der schlafende Riese aufwacht. Damit meine ich, dass die grosse Masse der Amerikaner so schockiert ist und sich fragt: «Was ist aus uns geworden?» So war es etwa 1963, als schwarze Schulmädchen von Polizeihunden in Birmingham, Alabama, gebissen wurden. Danach wuchs die Unterstützung für die Bürgerrechts­bewegung, und das Land hat sich zum Besseren verändert.

Sonderermittler Robert Mueller, der Trumps Russlandbeziehungen untersucht, war Ihr Vorgänger. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Ehrlich. Unabhängig. Hart. Bob erinnert mich immer an Atticus Finch, den unbestechlichen Anwalt aus dem Roman «Wer die Nachtigall stört». Das Wichtigste ist auch: Ihm geht es um die Sache, und Parteipolitik ist ihm völlig egal. Ich hoffe, dass beide Parteien dies erkennen und ihn seine Arbeit machen lassen.


«Er hat Störungen der gefährlichsten Art» Robert Jay Lifton, einer der bekanntesten Psychiater der USA, hält Donald Trump für den gefährlichsten Mann der Welt. (Abo+)


Sie sind ein Lieblingsziel von Trumps Twitter-Attacken. Wie reagieren Sie, wenn er Sie «verlogener Schleimball» nennt?
Ich zwinge mich, das nicht zu ignorieren. Eine Zeit lang habe ich es nicht beachtet, aber ich will nicht, dass ich – und damit auch andere – abstumpfe. Ich frage die konservativen Amerikaner immer wieder, wie sie es finden würden, wenn Obama oder der nächste demokratische Präsident morgens twittern würde: «Meine politischen Gegner und kritische Journalisten gehören ins Gefängnis.» Ihr Kopf würde explodieren, und sie würden sich zu Recht schrecklich aufregen.

Sie haben 971 000 Follower auf Twitter. Neulich posteten Sie ein Foto aus Iowa, dem Bundesstaat, wo die erste Vorwahl stattfindet. Sofort hiess es: «Er kandidiert 2020.»
(seufzt) Meine Frau kommt aus Iowa, ich war dort an einer Hochzeit. Aber ich wiederhole es gern: Ich strebe kein politisches Amt an, das ist nichts für mich.

Nach dem G-7-Gipfel haben Sie ein altes Foto getwittert, das Sie in Ottawa zeigt, und Sie lobten die exzellente Zusammen­­arbeit mit Kanada. Sind Trumps Attacken auf die westlichen Verbündeten ein Sicherheitsrisiko?
Sie könnten es werden, wenn wir vergessen, wie eng die Beziehungen zu unseren Partnern vor Trump waren und wie sie nach Ende seiner Amtszeit wieder sein werden. Ich weiss, wie schwer es ist, eine Behörde wie das FBI zu reformieren, und kann alle Welt beruhigen: Kein US-Präsident regiert lange genug, um unsere Institutionen zu zerstören und alle Kontrollmechanismen auszuhebeln.


Trump über die Immigrationskrise: Es dauert schon seit vielen, vielen Jahrzehnten an. Video: White House


Vergangene Woche hat das Justizministerium einen Bericht zu den FBI-Ermittlungen über Hillary Clintons E-Mails veröffentlicht. Darin wird Ihr Verhalten als «ungehorsam» kritisiert. Gibt es rückblickend etwas, was Sie anders hätten machen sollen?
Eigentlich nicht. Anfangs hat mich das Wort «ungehorsam» verärgert, aber es stimmt ja, weil ich meine Vorgesetzten bewusst nicht informiert habe. Die Umstände waren sehr kompliziert, aber ich glaube noch immer, dass ich richtig gehandelt habe, um den unabhängigen Ruf des FBI zu bewahren. Andere Optionen wären noch katastrophaler gewesen – etwa, nicht über die E-Mails zu informieren, die kurz vor der Wahl auf dem Computer des Ehemanns der Clinton-Vertrauten Huma Abedin aufgetaucht waren. Wichtig ist, dass die internen Kontrolleure keine Belege für fehlerhafte Ermittlungen gefunden haben und dass das Vorgehen nicht politisch motiviert gewesen sei.

Konnten Sie für Ihr Buch auf Tagebücher zurückgreifen?
Leider nicht, und mir war bewusst, dass ich meinem Gedächtnis nicht zu sehr trauen sollte. Niemand sollte das tun. Aber es gibt ja genug Originalquellen. Die Geschichte vom Anfang des Buchs, als ein bewaffneter Mann ins Haus meiner Eltern eindringt – darüber hatte ich drei Tage später für die Schülerzeitung meiner Highschool geschrieben. Andere Beschreibungen habe ich mit Familie oder Freunden abgeglichen, die wertvolle Anmerkungen gaben und mich korrigierten. Und ich hatte stets meine Lektoren im Ohr, die mir immer einhämmerten, «mehr Details, mehr Details».

Haben Sie deswegen so genau beschrieben, was es beim Dinner mit Trump zu essen gab? Salat, Scampi, Hühnchen mit Parmesan und Pasta sowie zwei Kugeln Vanilleeis.
Daran konnte ich mich gut erinnern, aber ich hatte die Memos über die Treffen mit Trump nicht vorliegen, als ich das Manuskript schrieb. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Buchs wurden diese Dokumente veröffentlicht. Dort hatte ich notiert, dass Trump mir erzählt hatte, dass Russlands Präsident Putin ihm gesagt habe: «Die russischen Huren sind die schönsten der Welt.» Kurze Zeit später rief mein Verleger an und brüllte: «Warum ist das nicht im Buch?» Ich konnte nur sagen, dass ich es vergessen hatte. Aber in der Taschenbuchausgabe wird das Zitat drin sein.

Als Sie Ihr Buch in New York präsentierten, wurden im Internet Tickets für 850 Dollar verkauft. Manche sehen in Ihnen einen Retter.
Das ist ein seltsames Gefühl. Ich wollte allen zurufen: «Ich kriege das Geld nicht, ich verkaufe die Karten nicht.» Diese Erfahrungen sind komisch, ich wollte nie zur Berühmtheit werden. Ich bin eigentlich introvertiert und sehr gern allein. Aber das Gute ist: Der Trubel wird vorbeigehen.

Ist es Ihr Traum, in zehn Jahren unbemerkt an einem College unterrichten zu können?
Wie wäre es schon mit dem nächsten Jahr?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2018, 12:35 Uhr

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James Comey

Ex-FBI-Direktor und Ex-Republikaner

Viele Jahre galt James Comey als hoffnungsvoller Aufsteiger in Washington. Als Vize-Justizminister unter George W. Bush hatte sich der Republikaner einen so guten Ruf erworben, dass ihn Barack Obama 2013 zum FBI-Direktor machte. Die Karriere endete abrupt, als ihn Donald Trump im Mai 2017 feuerte. Im Januar 2018 befragte ihn Sonderermittler Robert Mueller in einem mehrstündigen Gespräch zu den Russland-Verbindungen des Präsidenten. Aus dessen Partei ist Comey inzwischen ausgetreten.
Das Buch, das der 57-Jährige über die Begegnungen mit Trump schrieb, steht in der Schweiz und in Deutschland
seit Wochen auf der Bestsellerliste. (Red)

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