Pablo Escobars Fluch

Kolumbianer versuchen verzweifelt, das Kokain- und Escobar-Klischee loszuwerden. Dann kommt die nächste Drogenschwemme.

Pablo Escobar und seine Ehefrau Victoria Eugenia Henao Vallejo 1983 in Kolumbien. Foto: Eric Vandeville 

Pablo Escobar und seine Ehefrau Victoria Eugenia Henao Vallejo 1983 in Kolumbien. Foto: Eric Vandeville 

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Wer einem Kolumbianer oder einer Kolumbianerin beim Small Talk richtig, aber so richtig die Laune verderben will, braucht dafür gerade mal fünf Silben. «Sie kommen aus Kolumbien? Wie interessant, das Land von . . .» – und nun wird man erleben, wie sich die Mundwinkel des Gegenübers bei der ersten Silbe «Pa» senken, wie seine Augen beim «Blo» in Erwartung des Unvermeidlichen schmal werden, wie ihm die Gesichtszüge bei «Es», «Co» und «Bar» zu einer mimischen «Nicht schon wieder»-Abwehrreaktion entgleiten.

Sie halte es nicht mehr aus, im Ausland ständig auf Pablo Escobar angesprochen zu werden, schreibt die bekannte kolumbianische Journalistin María Jimena Duzán. «Noch nie hat mir ein Taxifahrer gesagt, ich komme aus dem Land mit den schönsten Smaragden, mit zwei Ozeanen oder mit der ältesten Demokratie Lateinamerikas. (. . .) Stattdessen gestehen sie immer, und manche tun es leicht verschämt, dass sie einzig und allein Pablo Escobar kennen. Dabei sprechen sie den Namen aus, als handle es sich um einen Helden, nicht um einen Mörder.»

Wenn jemand die Faszination für den Chef des Drogenkartells von Medellín und für die kolumbianische Drogen­mafia geschürt hat, waren dies aber zunächst die Kolumbianer selbst. Sie schufen eine spezifische Form der Telenovela und exportierten sie erfolgreich in andere spanischsprachige Länder, in die USA, nach Europa und Asien: die Narconovela. Narconovelas sind Fernsehserien, die von Drogenbossen und ihren Geliebten handeln, von Reichtum, Gewalt und Brutalität. Sie tragen Titel wie «Das Kartell der Kröten», «Ohne Titten kein Paradies», «Die Puppen der Mafia».

Walter Stürm redet Bayrisch

Auch auf die Idee, Escobars Leben in einer Fernsehserie semidokumentarisch darzustellen, kam zuerst der kolumbianische Medienkonzern Caracol. Die Narconovela hiess «Escobar, der Patron des Bösen». Mit der Serie «Narcos», die seit 2015 ausgestrahlt wird und mittlerweile bei der dritten Staffel angelangt ist, tat dann das US-amerikanische Streaming- und Produktionsunternehmen Netflix dasselbe. «Narcos» ist gleich eine dreifache Kränkung des kolumbianischen Nationalstolzes. Erstens haben die Amerikaner eine kolumbianische Idee geklaut. Zweitens wird Kolumbien dank der Serie nun stärker denn je und noch im hintersten Winkel des Planeten mit Pablo Escobar assoziiert. Aber wenn das schon so ist, finden seine Landsleute, dann sollte der Grossverbrecher wenigstens reden wie ein Kolumbianer.

Doch Netflix hat, drittens, Escobars Rolle mit dem brasilianischen Schauspieler Wagner Moura besetzt, ohne dessen schwer angebrasilianertes Spanisch zu synchronisieren. Escobar redet in «Narcos», als stamme er nicht aus dem Medellíner Vorort Envigado, sondern aus dem Hinterland von Rio de Janeiro. Das ist etwa so, wie wenn eine deutsche Produktionsfirma eine Serie über, sagen wir, das Leben des Schweizer Ausbrecherkönigs Walter Stürm drehen würde und dieser Bayrisch spräche. «Jo mei, wenn sie mi do im Knast so schlecht behandeln, is’s grod a Froge da Zeid, bis i nomoi obhaue.»

Wie sehr Kolumbianerinnen und Kolumbianer unter ihrem Narco-Image leiden, bewies vor einiger Zeit ein Experiment in Ecuador: Eine Ecuadorianerin und eine Kolumbianerin riefen bei Wohnungsvermietern an und gaben vor, sich für eine Immobilie zu interessieren. In jedem dritten Fall erhöhte der Hausbesitzer bei der Kolumbianerin spontan den Mietpreis, und mehr als jeder zehnte machte rassistische Bemerkungen. Das Finanzinstitut Bancolombia, die Zeitung «El Colombiano» und die Stadtverwaltung von Medellín haben deshalb das Projekt «Colombian Ambush» (kolumbianischer Hinterhalt) gegründet. «Als Kolumbianer sind wir seit Jahrzehnten mit der negativen Wahrnehmung unseres Landes konfrontiert. Nun benützen wir das Stereotyp, um das Stereotyp zu bekämpfen», heisst es auf der Website des Projekts.

Die von «Colombian Ambush» praktizierte Dialektik des Klischees besteht darin, im Internet an «Narcos» und ähnliche Serien erinnernde Videosequenzen zu publizieren – um ihnen eine Wendung zu geben, die auf Kolumbiens Schönheiten, Errungenschaften oder auf seine bewundernswerten Figuren hinweist. Eine Gruppe von vermeintlichen Killern überreicht ihrem Boss einen Koffer, doch statt Geld oder Kokain befinden sich darin die Romane von Gabriel García Márquez. Der vermeintliche Drogenboss tobt, aber nicht, weil er zu wenig Stoff oder Geld erhalten hat, sondern weil im Koffer jener Roman des Literaturnobelpreisträgers fehlt, den er gerade lesen wollte.

Video: Youtube/Colombian Ambush

Eine weitere Initiative zur Imagepolitur ist die vom Architekten Mauricio Faciolince organisierte internationale Vortragsreihe «Medellín jenseits von Netflix», in der nur Gutes über die Millionenmetropole im Aburrá-Tal gesagt wird. Faciolince hat sich auch dafür eingesetzt, das achtstöckige Wohnhaus «Mónaco» abzureissen. In dem Gebäude haben Escobar und seine Familie einst gelebt, hier hat er an den Fäden der Macht gezogen, Millionen Dollar in bar gehortet, seine Gegner gefoltert. «Das Mónaco war unser KZ», sagte einer von Escobars Killern nach seiner Verhaftung. Der wohlige Gruseleffekt, den das Haus seit 25 Jahren auf Touristen ausübt, endet im kommenden Dezember. Dann wird es abgerissen und durch einen Park ersetzt.

Das Cover der neusten Ausgabedes Magazins «Semana». Foto: PD

Doch wer Kolumbiens Ansehen verbessern will, hat neben der globalen Wirkungsmacht von Netflix einen weit schrecklicheren Gegner: die Realität. Dargestellt wird sie auf dem jüngsten Cover des kolumbianischen Magazins «Semana», und es ist, als wolle die angesehene Publikation das antikolumbianische Urklischee schlechthin zelebrieren: Die Umrisse des Landes sind gezeichnet durch Kokain, daneben eine Rasierklinge und eine gerollte Dollarnote. Der Titel lautet: «Ohne Ausweg?» Der Stoff, der Escobar in den 80er-Jahren reich und mächtig machte, überschwemmt heute nach den Worten des Medellíner Bürgermeisters Federico Gutiérrez «buchstäblich das ganze Land bis in jeden Winkel».

Tiefes Chaos und neue Gewalt

Statistiken des Justiz- und Verteidigungsministeriums zufolge sind die Flächen für den Anbau der Koka­-pflanze allein zwischen 2013 und 2017 um das Dreifache angewachsen, auf 209'000 Hektaren. Der kolumbianische Drogenexperte Daniel Rico vermutet, in Wahrheit seien es 300'000 Hektaren. Verdreifacht hat sich auch die Menge des sichergestellten Kokains, wobei es den Ordnungskräften laut offizieller Schätzung jeweils gelingt, etwa 10 Prozent der produzierten Gesamtmenge zu beschlagnahmen. Gestiegen ist der Drogenkonsum unter Schülern und Studenten, zugenommen hat die Gewalt zwischen rivalisierenden Kartellen, insbesondere in den Städten Bogotá, Cali und Medellín. Die Zeitschrift «Semana» schreibt: «Alle diese Zahlen widerspiegeln ein tiefes Chaos, ein beunruhigendes soziales und wirtschaftliches Pa­norama, das neue Gewalttaten provozieren wird.»

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Dass Kokain auf den Strassen von Zürich, New York oder Barcelona in jüngster Zeit billiger geworden ist, dass sein Reinheitsgrad oft 70 Prozent und mehr erreicht, liegt vor allem an der Entwicklung in Kolumbien. Wenn es jemanden gibt, den das einheimische Wehklagen über den angeblich verzerrenden Ruf des Landes unbekümmert lässt, dann ist es die amerikanische Regierung. In einem jüngst veröffentlichten Bericht bezeichnet das US-Aussenministerium Kolumbien als den grössten Kokainexporteur der Welt und hält fest, dass 90 Prozent des in den USA konsumierten Stoffs aus kolumbianischen Drogenlabors stammen. «Wenn wir keine Lösung finden, die für beide Länder akzeptabel ist, werden wir bilaterale politische Probleme bekommen», drohte kürzlich der US-Staatssekretär für internationale Drogen- und Sicherheitsfragen, William Brownfield. Die amerikanische Regierung erwägt, die finanzielle Unterstützung zur Bekämpfung des Drogenhandels in Kolumbien kommendes Jahr um 35 Prozent zu kürzen. «Die Drogenfrage hat binnen weniger Monate einen Einfluss auf die bilaterale Agenda erhalten wie im besten Stil der 90er-Jahre», hält «Semana» fest.

Wenn es ein Ereignis aus jüngster Zeit gibt, das Kolumbiens internationales Ansehen trotz allem verbessert hat, ist es der Frieden zwischen Regierung und marxistischer Farc-Guerilla. Die Beilegung eines bewaffneten Konflikts, der ein halbes Jahrhundert gedauert und einer Viertelmillion Menschen das Leben gekostet hatte, trug dem kolumbianischen Ex-Präsidenten Juan Manuel Santos 2016 den Friedensnobelpreis ein. Es wirkt wie eine ätzende Ironie der Geschichte, dass dieser Frieden entscheidend zur exorbitanten Steigerung der kolumbianischen Kokainproduktion beigetragen hat. Denn während der Verhandlungen in Havanna verzichtete die Regierung als Zeichen des guten Willens darauf, Kokafelder aus der Luft mit Herbiziden zu zerstören. Die Farc, die rund drei Viertel der Plantagen kontrollierte, nutzte das Zugeständnis, um die Anbauflächen entschlossen auszuweiten. Wären die Verhandlungen gescheitert, so das Kalkül der Rebellen, hätten sie es leichter gehabt, die Wiederaufnahme ihres Kampfs zu finanzieren.

Gut gemeint, aber eben

Überdies verbot 2015 das kolumbianische Verfassungsgericht aus Sorge um Umwelt und Gesundheit, Kokafelder mit Glyphosat zu besprühen. Den Bauern, die gemäss Friedensplan auf den Anbau der Pflanze verzichten müssen, versprach die Regierung finanzielle Entschädigung und Hilfe bei der Kommerzialisierung anderer Agrarprodukte. Um später so viel Subventionen wie möglich einzustreichen, dehnten die Bauern darauf so schnell wie möglich ihre Kokafelder aus. Das Gutgemeinte hat sich in Kolumbien einmal mehr als Feind des Guten erwiesen.

Eine wirksame Strategie, um der Misere zu entkommen, ist nicht zu erkennen. Man ist geneigt, die auf dem Cover von «Semana» gestellte Frage «Ohne Ausweg?» mit Ja zu beantworten. Ganz sicher kein Ausweg ist die Massnahme, die Kolumbiens neue Regierung unter dem konservativen Präsidenten Iván Duque umsetzen will: War bisher der Besitz von kleineren Drogenmengen für den persönlichen Konsum erlaubt, soll die Polizei diese in Zukunft wieder beschlagnahmen dürfen. Sein von Pablo Escobar und Kokain geprägtes Image wird Kolumbien dadurch nicht loswerden. Aber wenigstens kann Duque behaupten, nicht mit gut gemeinten Videoclips dagegen anzukämpfen, sondern mit der repressiven Härte des Gesetzes. Auch wenn die Erfahrung längst gezeigt hat, dass es nichts nützt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.09.2018, 22:58 Uhr

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