Plaudereien eines Grosskriminellen

Mexikos Journalist Nummer 1 interviewt Drogenboss Ismael Zambada und sorgt für Aufruhr.

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Kürzlich kamen in Mexiko zwei Meister ihres Fachs zu einem einzigartigen Treffen zusammen: auf der einen Seite der Drogenboss Ismael «El Mayo» Zambada, die Nummer zwei des berüchtigten Sinaloa-Kartells, und einer der meistgesuchten Männer des Landes. Auf der anderen Seite der Journalist Julio Scherer García – ein Urgestein mexikanischer Publizistik, von mehreren Präsidenten innigst gehasst, Begründer des angesehenen Wochenmagazins «Proceso» und preisgekrönter Verfasser zahlreicher Bücher.

Durch eine knappe Nachricht hatte Scherer García erfahren, dass ihn Zambada kennen lernen wolle. Falls er Interesse habe, solle er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort begeben, wo man ihn abholen werde. «Nach kurzer Fahrt musste ich in ein zweites Auto umsteigen, dann in ein drittes und schliesslich in ein viertes», schreibt Scherer García.

Brisante Anreise

Zwei Tage wartete er in einem kärglich eingerichteten Haus, ehe man ihn zum Versteck des Drogenbosses brachte, irgendwo in einem entlegenen Berggebiet. Den genauen Ort behält Scherer García natürlich für sich. «Ismael Zambada begrüsste mich mit ausgestreckter Hand. Er sei schon lange neugierig gewesen, mich kennen zu lernen.» In «Proceso» erschien das Gespräch als Titelgeschichte.

Die folgende Polemik war gewaltig. Ein blendender journalistischer Scoop, sagten die einen. Schliesslich sei es noch nie jemandem gelungen, einen Capo von diesem Kaliber in freier Wildbahn zu interviewen. Eine Verantwortungslosigkeit sondergleichen, entgegneten die anderen. Scherer García habe sich zum publizistischen Laufburschen eines Verbrechers gemacht, an dessen Händen das Blut ungezählter Opfer klebe.

Belanglose Details

Wie auch immer: Bei der Lektüre des Gesprächs stellt man ernüchtert fest, dass Mexikos berühmtester Journalist offenbar ebenso unfähig ist, einen Kartellboss anständig zu befragen, wie der mexikanische Staat, den Drogenkrieg zu gewinnen. Hat Ismael Zambada für sein grausiges Treiben eine Rechtfertigung? Verspürt er manchmal Gewissensbisse? Würde er sich nochmals für dasselbe Leben entscheiden? All dies fragt Scherer García nicht – oder Zambada weigert sich, darauf zu antworten. Stattdessen dreht sich das Gespräch zumeist um belanglose Details – etwa die journalistische Qualität von «Proceso». Immerhin wird klar, dass der Alltag des Grosskriminellen keineswegs glamourös ist. Die ständige Angst, verhaftet zu werden, treibt ihn von einem Versteck ins andere, öffentlich auftreten kann er nirgendwo, und er zweifelt daran, ob er im Falle einer Festnahme den Mut hätte, Selbstmord zu begehen. Schliesslich bietet er Scherer García auch ein Interview mit seinem Boss Chapo Guzmán an, dem legendären Chef des Sinaloa-Kartells, mit dem er fast täglich telefoniere. «Gerne», antwortet der Journalist.

Aber plötzlich ist das Gespräch zu Ende. Die beiden gehen nach draussen, um ein Erinnerungsfoto zu schiessen, das später als Titelbild von Proceso erscheinen wird: Der etwas verlegen lächelnde 84-jährige Scherer García mit zerzaustem Haar und blauem Hemd, aus dessen Brusttasche zwei Kugelschreiber ragen. Und der 60-jährige Ismael Zambada, mit Lacoste-Shirt und schwarzer Mütze, den einen Arm in die Hüfte gestemmt, den anderen um die Schultern seines Gesprächspartners gelegt.

Alle Exemplare ausverkauft – durch zwei Personen

Ganz glücklich war Zambada dann aber doch nicht. Im Begleitartikel zum Interview schildert nämlich ein anderer Journalist, wie geschickt der Drogenbaron die Ordnungskräfte infiltriert und Beamte besticht. Als die «Proceso»-Nummer nach Sinaloa ausgeliefert wurde, kauften zwei Unbekannte alle 1700 Exemplare auf, bevor sie in die Kioske gelangten. ()

Erstellt: 19.04.2010, 22:11 Uhr

Zwei Welten prallen aufeinander: Julio Scherer García (l.) und Ismael Zambada in «Proceso».

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