Analyse

Retour in Unterhosen

Weshalb ein politisches Comeback des Sozialisten selbst bei einer Entlastung unwahrscheinlich ist. Eine Analyse von Oliver Meiler.

Wird er versuchen in die Politik zurückzukehren?: Dominique Strauss-Kahn verlässt am 6. Juni 2011 sein vorübergehendes Zuhause in New York.

Wird er versuchen in die Politik zurückzukehren?: Dominique Strauss-Kahn verlässt am 6. Juni 2011 sein vorübergehendes Zuhause in New York. Bild: Reuters

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Kann er? Darf er? Will Dominique Strauss-Kahn, wenn er bald ganz entlastet wird von der New Yorker Justiz, wie es den Anschein macht, ein politisches Comeback versuchen und vielleicht doch noch für die französische Präsidentschaft kandidieren? Und was ist mit dem Fall der jungen Pariser Autorin Tristane Banon, die ihn neun Jahre nach der angeblichen Tat wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt hat: Ist das nicht der politische Gnadenstoss für DSK?

Frankreich ist gespalten, aufgewühlt, teuflisch fasziniert von dem Fall. Jede Weiterung wird im Detail studiert, jede kleine Wendung wie eine Zeitenwende begangen. Wenn DSK seine New Yorker Wohnung verlässt, zum Beispiel für ein italienisches Essen mit seiner Frau und einer Flasche Brunello, dann stehen Fernsehteams bereit, um jede Gesichtsregung festzuhalten, jedes Lächeln zu sezieren. Es gibt Umfragen zu allen Aspekten, vor allem aber zur Frage, ob ein politisches Comeback «möglich», «wünschenswert» und «wahrscheinlich» wäre. Und immer ist die französische Gesellschaft in zwei fast genau gleich grosse Hälften geteilt.«Möglich» ist eine politische Rückkehr durchaus. Sollte ihn die Justiz entlasten, die New Yorker wie die Pariser, dann würde DSK theoretisch nichts hindern.

Revanche üben

Sein Fremdgehen betrifft nur ihn und seine Frau. Und wenn es strafrechtlich irrelevant ist, dann ist es das faktisch auch politisch. Es bliebe genügend Zeit für eine Kandidatur fürs Elysée, die Wahl findet erst 2012 statt. Die Sozialisten würden wohl auch ihre Primärwahl verschieben, damit «Dominique», der Genosse im Sturm, daran teilnehmen könnte.«Wünschenswert» wäre ein solches Comeback allenfalls für ihn selbst. DSK könnte, verletzt in seinem Stolz, versucht sein, Revanche zu üben: an einigen Freunden, die ihn etwas schnell fallen gelassen haben; und an seinen politischen Gegnern um Nicolas Sarkozy, denen seine Entourage eine dunkle, gar verschwörerische Rolle in der Affäre zuschreibt.

Für den Parti Socialiste wäre DSKs Retour aber eine Hypothek: Er polarisierte die Linke schon ideologisch, nun polarisiert er sie auch privat.«Wahrscheinlich» ist das Comeback aber nicht. Strauss-Kahn hat in der Vergangenheit, vor seinem Fall, immer wieder durchblicken lassen, dass er, der deklarierte Lebemann, die höchsten Würden der Republik nicht mit letzter Konsequenz sucht, dass er im Leben auch andere Qualitäten sieht. Diese Lässigkeit machte ihn populär und suspekt: DSKs lockere Beziehung zu den Frauen und zum reichlich vorhandenen Geld waren immer seine grössten Faiblessen. Das wusste er. Das wussten auch seine Freunde. Einer fragte ihn vor einem Jahr, ob er sich denn tatsächlich vorstellen könne, in die Rolle des Präsidenten zu schlüpfen, viel zu arbeiten und sich kaum eine Gourmandise zu gönnen. Darauf soll DSK gesagt haben: «Zwei Jahre würde ich das schon schaffen.» In Frankreich dauert ein Präsidialmandat fünf Jahre.

Sein Privates ist politisch

Nun steht er gewissermassen in den Unterhosen da. Seine sprichwörtliche Schwäche für Frauen hat karikatureske Formen angenommen, nun, da bekannt ist, dass er sich selbst mitten in seinem Aufstieg zu einer Affäre mit einer Hotelangestellten hinreissen liess und sich so erpressbar machte. Das gilt auch für die Eventualität, dass die sexuelle Begegnung einvernehmlich war. Und das gilt auch für den Fall, dass man ihm eine Falle gestellt haben sollte. Seine Privatsphäre ist durch diese verstörende Nonchalance zum politischen Faktor geworden. Sie wird ihn wohl am Comeback hindern.

Erstellt: 06.07.2011, 22:19 Uhr

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