Hintergrund

Romneys Playboy

Stuart Stevens orchestriert Mitt Romneys Wahlkampf. Im Vergleich zu Obamas Chefstratege David Axelrod ist er der pure Gegenentwurf: Ein Dilettant, Egozentriker und Abenteurer.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Abseits der Politik sind sich die beiden Kandidaten im US-Wahlkampf eigentlich recht ähnlich: gross, schlank, fit, gescheit, verheiratet mit ihrer ersten Liebe, Kinder, Hund, strikte Abstinenzler. Nur Barack Obama gönnt sich das Laster des Tabaks, und auch das nur hinter verschlossener Tür.

Doch die beiden Männer hinter Obama und Mitt Romney könnten vom Naturell her unterschiedlicher nicht sein. Auf der Seite von Obama führt David Axelrod den Wahlkampf. Obamas Chefstratege mit dem freundlichen Schnauzbart gilt als Idealist ohne Starallüren, der eine Lederjacke anziehen muss, um auf der Titelseite des «New York Times Magazine» wie ein harter Bursche auszusehen. Axelrod fällt kaum auf. Trägt mit Vorliebe Schwarz und hält sich möglichst im Hintergrund. Axelrods Gegenentwurf heisst Stuart Stevens, ein Bonvivant mit Silberblick. Stevens ist der Mann, der die Reputationsschäden Romneys in Grenzen hält und aus dem unbeholfenen Buchhaltertyp einen volksnahen Präsidenten zu formen versucht.

«The Most Interesting Man in the World»

Für diesen Job steht Stevens eine erfahrene Truppe aus bekannten Werbern zur Seite, die in ihrer Karriere schon unzählige Werbeschlachten um «Marktanteile» und Imagewerte gewonnen haben. Stevens geniesst im Kreis der Romney-Boys sicherlich den schillerndsten Ruf. Das Politmagazin «The New Republic» zeigte ihn auf dem August-Cover als Playboy mit Zigarre. Mit dem Titel «The Most Interesting Man in the World» (eine Anlehnung an eine viel beachtete Werbekampagne für das Bier Dos Equis) unterstreicht das Magazin Stevens ungewöhnliches Format. Die Titelstory porträtiert dann auch tatsächlich einen polarisierenden Zeitgenossen, einen Frauenhelden, einen versierten Sportler, einen Gourmet und einen Mann, der Reisebücher verfasste und Erfolge als Drehbuchautor mit TV-Serien («Northern Exposure», «I’ll Fly Away») und Hollywood-Projekten («The Ides of March») feierte.

Das Schreiben ist Stevens ausgeprägtes Talent. Der 58-Jährige aus dem konservativen US-Bundesstaat Mississippi ist Verfasser von mehreren Bestsellern. Aufsehen erregte sein 1997 veröffentlichtes Buch «Feeding Frenzy». Während eines Monats klapperte Stevens sämtliche Restaurants mit drei Michelin-Sternen in Europa ab und dokumentierte seine Erfahrungen als Feinschmecker. Als Thema dienten ihm auch seine gefährlichen Reisen durch Zentralafrika, was ihm mitunter den Ruf eines Abenteurers einbrachte. Aber auch sein sportlicher Ehrgeiz zeugt von einem wagemutigen Zeitgenossen, der nichts mehr liebt als den Wettkampf und das Risiko. 1984 nahm er innert acht Wochen an zehn Worldloppet-Rennen (Langlauf-Marathon) teil. In Vorbereitung auf das legendäre Paris–Brest–Paris-Fahrradrennen (1200 Kilometer) setzte er sich einer aufwendigen Steroidtherapie aus und dokumentierte seine Erfahrungen für Magazine.

Telefonkonferenzen und Skifahren gleichzeitig

Das Abenteuer und der Thrill ziehen sich wie ein roter Faden durch Stevens Leben. Seine Vorliebe für Extremsport, Literatur und Filme hat ihm beruflich auch den Ruf eines Dilettanten eingebracht. Das Politleben zieht er nur in kleinen Dosen vor. Stattdessen liebt er das Training, das Reisen und Schreiben. So wird erzählt, dass er Kampagnen auf dem Weg zum Nordpol oder beim Skifahren geführt haben soll. Stevens Stärken sind sein gutes Gespür für das Wesentliche und seine Gerissenheit, im richtigen Moment zuzuschlagen.

Sein Äusseres ist dem 58-Jährigen wichtig. Der Zeitung «The Baltimore Sun» sagte er einst: «In den meisten Städten ist es zwingend erforderlich, sexy zu sein.» Deshalb soll er in Washington auch selten anzutreffen sein. Für den Südstaatler mit dem leicht schielenden Blick laufen zu viele Frauen in Reebok-Turnschuhen herum.

Doch auch wenn Stevens dekadenter Lebensstil und Snobismus gelegentlich in Kritik geraten, sein Leistungsausweis ist beeindruckend. In Politkreisen geniesst Stevens die Aura eines Winnertyps. Stevens Handschrift ist unverkennbar. Den sachlichen Diskurs mag er nicht. Er spielt immerzu direkt auf den Mann. Neben den unzähligen Wahlkampfspots, die Obama der Korruption und des Kommunismus bezichtigen und Masseneinwanderung und Massenarbeitslosigkeit thematisieren, war auch die «Obama Isn't Working»-Kampagne Stevens' Idee. Dazu muss man allerdings sagen, dass die Idee eigentlich geklaut ist. Das Wortspiel «Labour isn't working» kam 1979 im Wahlkampf von Margaret Thatcher zum Einsatz.

Immer auf den Mann

Nebst den unzähligen Werbespots gegen Obama trimmt Stevens Mitt Romney auch für seine Auftritte. «Wir suchen den Streit», erklärte Stevens dem «New York Times Magazine» seine einfache Formel. Stevens Taktik: Auf Besonderheiten einer Frage dürfe Romney nicht eingehen. Stattdessen müsse er sein Thema heraushören, den Rest weglassen, seine Botschaften platzieren und das Publikum vergessen. «It's not about the room. It's about the answer», so Stevens.

Auch trotz seinem Flair für gute Storys und Ästhetik, ein Handicap hat er allerdings: Teamplayerqualitäten gehen Stevens ab. Er wird von ehemaligen Mitarbeitern als zu überheblich und egozentrisch empfunden. Gegenüber seinem Gegner ist er – zumindest öffentlich – aber keineswegs hochmütig: «If you don't enter this process humbly, you will leave it humbly.» (Zu Deutsch: «Wenn du nicht demütig in den Wahlkampf gehst, wird er dich am Ende Demut lehren.») Öffentlich bezeichnet er Obama als «terrible candidate». Für Obamas Wahlkampftruppe allerdings hat er nur Lob übrig. Es sei das beste Team, das jemals zusammenkam. «Das Gefühl, jemanden ins Weisse Haus zu bringen, wirkt berauschend. Aber berauschender ist der Schrecken, die Macht zu verlieren. Sie werden brutal kämpfen, um diese zu erhalten», so Stevens. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.08.2012, 12:01 Uhr

Video

Stuart Stevens' «Obama Isn't Working»-Kampagne.
(Video: Youtube)

Video

Wahlkampfvideo vom Team Obama.
(Video: Youtube)

Artikel zum Thema

Zur Primetime gibts aufgewärmte Lügen

Hintergrund Die Gegner von Barack Obama überschwemmen die TV-Sender mit zweifelhaften Spots. Meist werden Lügen aufgewärmt, die seit Jahren widerlegt sind. Doch auch der amtierende US-Präsident kann austeilen. Mehr...

Anti-Obama-Film avanciert zum Hit

Eine konservative Kritik an Obamas Politik sorgt in den USA für einen Überraschungserfolg. Der Film «2016: Obama's America» zeichnet ein düsteres Bild davon, wie das Land aussähe, wenn er Präsident bliebe. Mehr...

Der Bullshit-Detektor

Hintergrund Im amerikanischen Wahlkampf gibt es nur eine Stimme, der die Amerikaner noch wirklich vertrauen. Sie gehört Jon Stewart, dem Genie für politische Satire. Mehr...

Dossiers

Blogs

Sweet Home Bed and Breakfast im Toggenburg

Mamablog Erstklassig unterwegs als Schwangere

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Prinzessin auf der Rose: Während des jährlichen Seerosenfestes in Taipeh posiert ein Mädchen auf einem der gigantischen Exemplare für ein Foto. (16.August 2018)
(Bild: Tyrone Siu) Mehr...