Rosaroter Fleischschleim

Fleischreste werden in den USA aufgeheizt, mit Ammoniak gewaschen, zu Hamburgern verarbeitet – und an Schulkinder verfüttert. Ist das ein neuer Nahrungsmittelskandal oder die Rettung für Millionen von Rindern?

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«Pink Slime» (rosaroter Schleim) werden sie genannt, die Fleischtaschen, die derzeit die amerikanische Bevölkerung in Aufruhr versetzen. Worum geht es? Der sogenannte Fleischschleim wird aus Schlachtabfällen gewonnen. In seiner TV-Kochsendung hat der Starkoch Jamie Oliver seinem Publikum aufgezeigt, wie das Prinzip funktioniert: Die Fleischreste werden in einer Zentrifuge heiss geschleudert, damit sich das Fett vom Fleisch trennt. Die entstandene cremige Masse wird mit Ammoniumhydroxid – in Wasser aufgelöstem Ammoniak – behandelt, um Salmonellen und E-Coli-Bakterien abzutöten. Der Fleischteig wird dann zu einer Fleischtasche geformt, tiefgefroren – und fertig ist der Billig-Hamburger.

Fleischschleim wird als Billigfleisch verkauft, aber vor allem auch in den Schulen an die Kinder verfüttert. Fastfood-Ketten wie McDonald's hingegen legen Wert darauf, dass sie dieses Fleisch nicht verwenden. Übrigens: Die Fleischindustrie selbst spricht natürlich nicht von «rosarotem Schleim», sondern bezeichnet das Produkt als «mageres, fein strukturiertes Rindfleisch» (lean finely textured beef).

Kinder essen die Billig-Hamburger mit Vergnügen

Klar: Auf den ersten Blick ist Fleischschleim widerlich und eine typisch amerikanische Nahrungsmittel-Perversion. Nur ist es auf den zweiten Blick nicht ganz so einfach: Gesundheitlich gesehen sind die Hamburger daraus unbedenklich. Dank der Behandlung mit Ammoniak sind sie frei von den heimtückischen E-Coli-Bakterien und die Kinder essen sie mit Vergnügen, sobald sie wieder vergessen haben, wie sie hergestellt worden sind.

Trotzdem, immer noch eine Riesensauerei, werden Sie einwenden. Aber hören Sie auch, was die bekannte und mit Sicherheit nicht von der Industrie gekaufte Nahrungsmittelexpertin Marion Nestle dazu sagt: «Der Fleischschleim löst für die Fleischproduzenten ein gewaltiges Problem. Nur etwa die Hälfte des Fleisches der rund 34 Millionen Rinder, die jährlich geschlachtet werden, ist für den Verzehr durch Menschen geeignet. Der Rest wird verbrannt, vergraben oder als billiges Hunde- und Katzenfutter verwendet. Fleischschleim macht es möglich, dass bis zu zwölf Pfund dieses Fleisches für Menschen essbar werden, und rettet damit jährlich rund 1,5 Millionen Rindern das Leben.»

Fazit: Fleischschleim ist eklig. Aber die Lösung liegt nicht darin, das Abfallfleisch zu entsorgen und noch mehr Tiere zu töten. Viel sinnvoller wäre es, weniger Fleisch zu essen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2012, 17:15 Uhr

Jamie-Oliver-Video

Jamie Oliver über Pink Slime

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