Rückkehr in dunkle Zeiten

Donald Trumps Streit mit den Medien eskaliert. Der Präsident bezeichnet sie als Feinde der USA und wähnt sich im Krieg. Dahinter verbirgt sich eine Strategie.

Reagiert sensibel auf kritische Berichterstattung: Donald Trump mustert einen Journalisten an einer Pressekonferenz (16. Februar 2017).

Reagiert sensibel auf kritische Berichterstattung: Donald Trump mustert einen Journalisten an einer Pressekonferenz (16. Februar 2017). Bild: EPA/Shawn Thew/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist der gesellschaftliche Höhepunkt Washingtons. Jedes Jahr im Frühling treffen die Korrespondenten des Weissen Hauses auf ihren Präsidenten. George W. Bush machte sich 2002 in seiner Rede über seine Bretzel lustig, an der er beinahe erstickt wäre. Bill Clinton zeigte ein Video seiner letzten Monate im Amt, in dem man ihn beim Autowaschen sah. Keiner aber beherrschte die Kunst der humorvollen Rede so gut wie Barack Obama, der sich in seinem letzten Korrespondenten-Dinner bei den Journalisten bedankte: «Ich werde euch vermissen», sagte er – und fügte nach einer Atempause hinzu: «Na ja, nur ein bisschen.»

Die langjährige Tradition findet nun ein jähes Ende. Präsident Donald Trump hat seine Teilnahme abgesagt. Der letzte Präsident, der dem Treffen mit der Presse fernblieb, war Richard Nixon im Jahr 1972, der, ähnlich wie Trump heute, von Journalisten als «Feinden» sprach. Selbst Ronald Reagan liess sich 1981 per Telefon zuschalten. Er könne persönlich nicht dabei sein, er habe aber «die perfekte Entschuldigung». Reagan erholte sich damals vom Attentat, das Wochen zuvor auf ihn verübt wurde.

Donald Trumps Absage ist der nächste Tiefpunkt im erbitterten Streit des Präsidenten mit den Medien. Seit Wochen spricht der Präsident nur noch von der Lügenpresse. Journalisten seien, so Trump, die unterste Gattung Mensch und neuerdings auch: «die Feinde Amerikas».

Heimspiel: Trump wiederholte seine Angriffe gegen die Medien an der jährlichen CPAC-Konferenz der Konservativen (Video: Reuters, 25. Februar 2017).

Einen Tag vor Trumps Absage zum Pressedinner wurde bekannt, dass Zeitungen wie die «New York Times» und die «LA Times» und der Fernsehsender CNN vom Pressebriefing mit Regierungssprecher Sean Spicer ausgeschlossen wurden. Rechtskonservative Medien wie «Breitbart» und die «Washington Times» hingegen wurden zugelassen. Auf Anfrage erklärte Trumps Pressesprecher Spicer, er wolle nicht mehr zusehen, wie «falsche Tatsachen» über die Regierung verbreitet würden.

In einer Diskussionsrunde vor zwei Monaten, in der es um Donald Trumps Umgang mit Journalisten ging, versicherte Spicer noch: «Wir werden alle Medien gleich behandeln. Das unterscheidet eine Demokratie von einer Diktatur.» Offenbar hat sich Spicers Meinung nun geändert. Die Verbannung einiger Journalisten sei seine Entscheidung gewesen, so der Pressesprecher am Samstag.

Spicers Ausschluss sorgte für wütende Kommentare in den amerikanischen Medien. «Politico» schrieb von einer «neuen Zensur» und einem Rückschlag in die finsteren Zeiten von Nixon. Die Website «Daily Beast» fragte: «Sind das Anzeichen einer Diktatur?» So etwas habe es im Weissen Haus «in der langen Geschichte unserer Berichterstattung noch nie gegeben», erklärte «New York Times»-Chefredaktor Dean Baquet. Offenbar sei das die Art, wie die neue Regierung zurückschlage, wenn man über Fakten berichte, die ihr nicht gefielen, schrieb CNN.

Die «New York Times» und andere Medien reagieren mit Werbung auf Trumps Angriffe.

Trump verfolgt mit seiner Medienkritik ein einziges Ziel: Er wolle die Nation weiter spalten, schrieb die «Washington Post», die online neu mit dem Slogan auftritt: «Democracy Dies in Darkness». Im ganzen Lärm gehe unter, dass der Präsident in seinem ersten Monat noch gar nichts erreicht habe. Je lauter seine Kritik, so die «Post», desto grösser sei der Verdacht, der Präsident habe in Wahrheit etwas zu vertuschen.

Donald Trump aber nutzte auch seinen Auftritt auf der CPAC, der jährlichen Konferenz der Konservativen, für einen weiteren Angriff auf die Medien. «Wir befinden uns im Krieg», sagte er – und seine Worte finden bei seinem Stammpublikum offenbar immer mehr Gehör. Die «liberale Lügenpresse», wie Trump viele traditionelle Medienhäuser nennt, verliert bei Trump-Wählern gemäss Umfragen immer mehr an Glaubwürdigkeit. Bereits berichten Journalisten von feindseliger Stimmung unter konservativen Wählern. Schon im Wahlkampf sah man viele Trump-Unterstützer mit Pins an ihren Jacken, auf denen stand: «Ich spreche nicht mit der linken Mainstream-Presse».

Angriff auf den Quellenschutz

In seiner Rede an der CPAC-Konferenz behauptete Trump ausserdem, die Journalisten hätten oft gar keine Quellen und würden sie sich ausdenken. Damit kritisierte er frontal einen Grundsatz der Pressefreiheit, den Quellenschutz: «Den Medien sollte nicht mehr erlaubt sein, Quellen zu benutzen, wenn sie nicht die Namen der Quellen nennen.»

Mehrere Journalisten wiesen darauf hin, dass Donald Trump in den vergangenen Jahren bekannt dafür war, Verschwörungstheorien zu befeuern, wenn er glaubte, sie würden ihm nützen. Seit Wochen spricht er etwa von «Wahlbetrug im grossen Stil». Gemäss Trump hätten im November drei Millionen Menschen illegal ihre Stimmen abgegeben. Beweise für den angeblichen Wahlbetrug hat er keine. Auf Twitter schreibt Trump regelmässig, er habe das «von vielen Menschen» gehört.

«Die Medienhäuser haben ihre eigene Agenda», rief Trump seinen Anhängern an der CPAC-Konferenz zu: «Glaubt ihnen kein Wort.» So würde niemand darüber berichten, dass vor dem Konferenzgebäude eine lange Schlange von Menschen stehe, die aus Platzgründen nicht mehr hereingelassen werden konnten, sagte der Präsident am Freitag. Auf den Fotos der Journalisten, die Trumps Aussage prüften, sah man dann – menschenleere Strassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2017, 19:51 Uhr

Artikel zum Thema

«Nenn mich Tom. Ich werde dein schlimmster Albtraum»

Der neue Chef der US-Demokraten will den Widerstand gegen Trump anführen. Wer ist Tom Perez? Mehr...

Trumps Krieg gegen die Medien – wie weit kann er gehen?

«Feinde des Volkes», «unehrlich», «Fake-News» – kein Tag, an dem Donald Trump nicht gegen die Medien wütet. 8 Fragen und Antworten. Mehr...

Die US-Demokraten haben einen neuen Chef

Der frühere Arbeitsminister Tom Perez soll künftig dem republikanischen US-Präsidenten Donald Trump die Stirn bieten. Seine Wahl verlief nicht problemlos. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Paid Post

Zucker reduzieren und geniessen

Früher heiss begehrt, später vom Light-Trend verstossen, heute wieder bewusst verzehrt – das Image von Zucker hat sich in den vergangenen 100 Jahren immer wieder drastisch verändert.

Die Welt in Bildern

Bad Hair Day: Auch US-Präsidenten kann der Wind etwas zusetzen. Aber Donald Trump lässt sich beim Einsteigen in die Air Force One nicht beirren (22. September 2017).
(Bild: Aaron Bernstein ) Mehr...