Russland und China zeigen mit dem Finger auf Ferguson

Wie oft kritisieren die USA den Umgang Chinas und Russlands mit Menschenrechten. Nun drehen die ewig Kritisierten den Spiess um, mit spitz formulierten Kommentaren zur Gewalt in Ferguson.

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Staatliche Medien in China und Russland haben die tödlichen Schüsse eines weissen Polizisten auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen in der US-Stadt Ferguson und die nachfolgenden Unruhen zum Anlass genommen, die USA in ihrer Berichterstattung als Land der Ungleichheit und brutaler Polizeitaktik darzustellen – offenbar eine willkommene Gelegenheit, häufig geäusserte Kritik Washingtons an den Regierungen in Peking und Moskau zu erwidern. Denn beide Länder ärgern sich immer wieder über amerikanische Proteste bezüglich ihres Umgangs mit Dissidenten und Minderheiten.

«China wird so oft vom Westen kritisiert, dass es, wenn so etwas passiert, zweckmässig ist, eine Gegenkritik zu äussern», sagt Ding Xueliang, ein Experte für chinesische Politik an der Universität für Wissenschaft und Technologie in Hongkong. Der Tod des 18-jährigen Michael Brown am 9. August durch Schüsse eines weissen Polizisten schürte die Spannungen im überwiegend von Schwarzen bewohnten Ferguson. Die meisten Polizisten dort sind Weisse. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten waren die Folge. Dabei kamen Tränengas, Blendgranaten und Molotowcocktails zum Einsatz.

«Brutale Art, Minderheiten zu assimilieren»

In einem spitz formulierten Leitartikel der chinesischen Zeitung «Global Times» hiess es am Dienstag, zwar trenne eine «unsichtbare Kluft» noch immer weisse und schwarze Amerikaner, doch sollten Staaten mit ihren Problemen auf eigene Weise fertigwerden, ohne andere zu kritisieren. «Es ist eine Ironie, dass die USA, mit ihrer brutalen Art, Minderheiten zu assimilieren, nie aufhören, China und ähnliche Länder zu beschuldigen, die Rechte von Minderheiten zu verletzen», erklärte das populäre Boulevardblatt, das vom Leitorgan der regierenden Kommunistischen Partei, «Renmin Ribao», veröffentlicht wird.

Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua brachte einen ähnlichen Kommentar mit Anspielungen auf anhaltenden Rassismus, die Spionagetätigkeit des Geheimdienstes NSA und US-Drohnenangriffe im Ausland. «Die USA müssen sich darauf konzentrieren, ihre eigenen Probleme zu lösen, anstatt immer mit den Fingern auf andere zu zeigen», erklärte Xinhua.

Unterschwellige Botschaft in Russland

US-Kritik gegenüber China bezieht sich vor allem auf Übergriffe gegen Dissidenten sowie ein hartes Vorgehen gegen Minderheiten, insbesondere Tibeter und das muslimische Volk der Uiguren. Auch Russland bekommt von Washington Kritik wegen mangelnder Toleranz gegenüber Regierungskritikern zu hören. Wegen der russischen Annektierung der Krim und Unterstützung von Separatisten in der Ukraine verhängten die USA Sanktionen gegen das Land.

Dort verwies der staatliche Fernsehsender Rossija auf den Einsatz von Gewalt zur Auflösung von Protesten in Ferguson. Die unterschwellige Botschaft: Die Sicherheitskräfte im demokratischen Westen gingen nicht weniger brutal vor als in Russland, und ebenso wenig duldeten sie Proteste. Aufnahmen randalierender Demonstranten sollten wohl zudem als Warnung davor dienen, Proteste ausser Kontrolle geraten zu lassen.

«Wie eine Militäroperation in Afghanistan»

Auch eine Anspielung auf die jüngsten Militärinterventionen der USA fehlten in der Sendung vom Montag nicht: «Alles sah aus, als es ob es sich um eine Militäroperation irgendwo in Afghanistan oder Irak handelte», erklärte Reporter Alexander Christenko. «Die Polizei rückte langsam vor und räumte die Strasse, und die Leute brachten sich in Sicherheit, indem sie in Wohngebiete rannten.»

Wie Rossija entsandte auch der staatliche chinesische Sender CCTV einen Reporter, um live aus Ferguson zu berichten - was im Fall ähnlicher Unruhen in China umgekehrt undenkbar wäre. CCTV zeigte auch Ausschnitte aus US-Talkshows, in denen das Vorgehen der Polizei verurteilt wurde. Der afroamerikanische Kommentator Richard Fowler wurde mit den Worten zitiert, die soziale Ungerechtigkeit verschärfe sich. «Ich glaube nicht, dass es nur um Afroamerikaner geht. Ich glaube, es handelt sich um einen andauernden Kampf zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen», sagte Fowler.

Armut und Militarisierung

Der Sender Russia Today brachte ein Interview mit dem US-Professor und Regierungskritiker Mark Mason, der die Unruhen in Ferguson als Nebenerscheinung von Einkommensunterschieden und einer Militarisierung der US-Polizei bezeichnete. «Die Polizei schützt die Wall-Street-Banker, die das Rathaus besitzen, den Stadtrat, das Abgeordnetenhaus des Staats, die Bundesregierung, den Präsidenten der USA und den Kongress», sagte Mason.

Doch es gab auch Unterschiede zwischen der russischen und der chinesischen Berichterstattung, was unter anderem mit dem jeweiligen Stand der Beziehungen zu den USA zu tun haben mag. Während Russland und die Vereinigten Staaten ihre Differenzen erbittert und öffentlich austragen, bemüht sich Peking um ein stabiles Verhältnis als gleichberechtigter Partner zu Washington. Anders als in Russland finden die USA in der chinesischen Öffentlichkeit breite Bewunderung, was sich nicht zuletzt in der Zahl chinesischer Studenten und Emigranten sowie in der Höhe chinesischer Investitionen in den USA spiegelt.

Abgesehen von den Kommentaren war die chinesische Berichterstattung vergleichsweise direkt. Peking verfolgt offiziell eine Politik der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten – zu viel öffentliche Kritik könnte diese Haltung untergraben. Darüber hinaus sind Themen wie Rassismus und soziale Unruhen auch in China heikel. Es bestehe die Gefahr, dass zu viel Kritik an den USA chinesische Bürger auch zu mehr Kritik am eigenen Land veranlassen könnte, sagt Experte Ding. «Sie möchten eine unbeabsichtigte öffentliche Aufklärungskampagne vermeiden.»

Erstellt: 21.08.2014, 13:13 Uhr

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