Schüsse ins Gesicht

Nach dem Schlussbericht des US-Justizministeriums und dem Rücktritt des Polizeichefs hoffte Ferguson auf einen Neuanfang. Nun sorgt der Angriff auf zwei Polizisten für neue Anspannung.

Polizeifoto vom Tatort nach den Schüssen auf Beamte vor dem Polizeihauptquartier der US-Kleinstadt Ferguson.

Polizeifoto vom Tatort nach den Schüssen auf Beamte vor dem Polizeihauptquartier der US-Kleinstadt Ferguson. Bild: Reuters

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Ferguson kommt nicht zur Ruhe. Unbekannte haben in der Nacht zum Donnerstag Schüsse auf eine Gruppe von Polizisten abgegeben, welche das Polizeihauptquartier der Kleinstadt gegen Demonstranten sicherten. Dabei sind zwei Beamte erheblich verletzt und ins Spital gebracht worden. Ein 41-Jähriger sei an der Schulter, sein 32-jähriger Kollege im Gesicht getroffen worden, sagte der Polizeichef des St. Louis County an einer nächtlichen Pressekonferenz. Beide gehörten auswärtigen Polizeieinheiten, nicht der Ortspolizei an. «Die Beamten standen da und wurden beschossen. Dies ist ein sehr gefährliches Umfeld für unsere Leute hier.»

In Stellung gebracht hatte sich die Polizei wegen neuer Strassenproteste. Der örtliche Polizeichef Thomas Jackson hatte am Mittwoch die Konsequenzen aus dem vernichtenden Ferguson-Bericht des US-Justizministeriums gezogen und seinen Rücktritt erklärt. Daraufhin hatte sich eine Menschenmenge vor der Polizeistation versammelt, um zu feiern und ihrem Ärger über die ihm Bericht angemahnten rassistischen Praktiken der Polizei Luft zu verschaffen. Die Proteste verliefen friedlich und waren nicht vergleichbar mit den Ausschreitungen, welche Ferguson nach der Erschiessung eines schwarzen Teenagers letzten Sommer erlebt hatte. Zum Zeitpunkt der Schüsse sollen sich weniger als 100 Demonstranten vor der Wache befunden haben.

Schwarze grundlos kontrolliert

Wer geschossen hat, blieb zunächst unklar. Zeugen berichten, die Schüsse seien nicht aus der Menge abgegeben worden, sondern von einer dahinter liegenden Anhöhe aus: «Die Schüsse kamen aus einem Haus auf dem Hügel gegenüber der Wache», meldete eine Reporterin der Lokalzeitung «St. Louis Post-Dispatch». Es scheint weder eine Warnung noch einen sichtbaren Anlass für den Angriff gegeben zu haben. Das Krachen der Schüsse löste Panik aus, Demonstranten wie Polizisten warfen sich zu Boden oder suchten Schutz hinter Autos und Mauern. Später in der Nacht versuchten Ermittler, die Demonstranten zu befragen. Über Festnahmen wurde nichts bekannt.

Die Gewalt erschüttert Ferguson zu einem Zeitpunkt, da viele auf einen Schlussstrich gehofft hatten. Der vergangene Woche vorgelegte Untersuchungsbericht des Justizministeriums hat ein für allemal eine systematische Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung durch die mehrheitlich weisse Ortspolizei festgestellt. Junge Männer wurden über Jahre hinweg grundlos kontrolliert, wer auf seine Rechte pochte, wurde nicht selten verhaftet oder mit der Elektroschockpistole traktiert. Über gezielt verhängte Bussen scheint sich die Stadt zudem unrechtmässig bereichert zu haben.

Der scheidende Justizminister Eric Holder nannte die Erkenntnisse «schockierend». Das «tiefe Misstrauen und die Feindseligkeit» in Ferguson erklärten, weshalb die Lage nach der Erschiessung des unbewaffneten Teenagers Michael Brown «wie ein Pulverfass» habe explodieren können. Der damalige Schütze allerdings wurde in einem separaten Bericht entlastet; der Bundesjustiz lägen keine Indizien für ein Fehlverhalten vor, weshalb sie kein Verfahren anstrenge.

«Nach vorn» blicken

Der Rassismusbericht sollte Wirkung haben. Justizminister Holder drohte damit, die Ortspolizei von Ferguson aufzulösen, wenn nicht sofort der Umbau der Truppe angepackt würde. In der Folge war Polizeichef Thomas Jackson (58) der dritte lokale Amtsträger, der sein Amt zur Verfügung stellte. Vor ihm waren der Geschäftsführer der Stadtverwaltung sowie ein Richter zurückgetreten. Bürgermeister James Knowles hatte den Polizeichef für seinen Entscheid gelobt; nun könne die Stadt «nach vorn» blicken.

Der Ferguson-Bericht hat in den USA für Aufsehen gesorgt. Kritiker der Polizeikräfte werfen den Beamten vor, Afroamerikaner routinemässig härter anzu­packen als Weisse – nicht nur in Ferguson, sondern überall. Erst letzte Woche erschoss ein Beamter in Madison, Wisconsin, einen 19-jährigen Schwarzen in dessen Wohnung, obwohl der junge Mann unbewaffnet war. Präsident Barack Obama aber hat davor gewarnt, den Bericht als Beleg für landesweiten Polizeirassismus zu verstehen. «Was in Ferguson geschehen ist, mag nicht einzigartig sein, doch es ist auch nicht länger endemisch», sagte er am Samstag an einem Gedenkanlass für die Bürgerrechtler von Selma, Alabama. Anders als vor 50 Jahren seien Vergehen wie in Ferguson nicht mehr vom Gesetz gedeckt. «Es stimmt nicht, dass sich nichts verändert hat.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 19:16 Uhr

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