Schweizer half Maduro, tonnenweise Gold zu verkaufen

Das Regime in Venezuela braucht Geld. Ein Ex-Banker, gegen den wegen Korruption ermittelt wird, hat geholfen – und gerät nun ins Visier der USA.

Nicolás Maduro versucht, die Goldreserven des Landes zu verkaufen. Foto: Ariana Cubillos (Keystone)

Nicolás Maduro versucht, die Goldreserven des Landes zu verkaufen. Foto: Ariana Cubillos (Keystone)

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Das Regime des angeschlagenen venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro versucht derzeit als letztes Mittel, die Goldreserven des Landes zu verkaufen. Offiziell will der Präsident Geld für Grundnahrungsmittel beschaffen. Doch Maduro steht am Abgrund. Die USA und mehrere Staaten Europas haben Oppositionsführer Juan Guaidó als Übergangs-Präsidenten anerkannt. Wenn ein Präsident kurz vor einem möglichen Machtwechsel grosse Staatsvermögen in die Hände bekommt, kann das heikel werden. Es gibt zahlreiche Beispiele, bei denen Ex-Präsidenten plötzlich mit der Kasse verschwanden.

Am 21. Januar verkaufte Maduros Regierung nun insgeheim drei Tonnen Gold an die Vereinigten Arabischen Emirate. Geplant ist sogar ein weiterer Verkauf von 15 bis 30 Tonnen in diesem Monat. Insgesamt wäre das ein Wert von 630 Millionen bis 1,2 Milliarden Franken. Doch die Opposition erfuhr von dem Verkauf und machte ihn publik. Die USA drohen inzwischen jedem Sanktionen an, der das Gold Venezuelas kauft und damit Maduro mit flüssigen Mitteln versorgt.

Im weltweit grössten Korruptionsfall verstrickt

Der Senator des US-Bundesstaates Florida, Marco Rubio, prangerte in einem Tweet das Unternehmen in den Emiraten an, welches die drei Tonnen Gold aus der Zentralbank gekauft hat: die Firma Noor Capital. Rubio drohte der Firma, all ihren Mitarbeitern und sogar den Fluggesellschaften, die den Schatz transportieren, mit «Sanktionen des US-Finanzministeriums». Am 31. Januar tweetete er noch: «Ein Franzose ist heute in Caracas, um den Diebstahl von mehr Gold aus Venezuela zu organisieren.»

Dieser Franzose namens C. ist allerdings Doppelbürger – er hat auch einen Schweizer Pass. C. arbeitete lange Jahre als Banker in Genf, unter anderem bei Credit Suisse, bevor er schliesslich in die Emirate auswanderte. Das Recherchedesk von Tamedia kontaktierte C. am Telefon. Er bestätigte seine Beteiligung am Verkauf von drei Tonnen Gold aus Venezuela am 21. Januar an die Firma Noor in den Emiraten. Der Schweizer versichert, dass dieser Verkauf vollkommen legal gewesen sei. Er selber sei nicht der Käufer, sondern Noor.

Gemäss zuverlässigen Quellen arbeitete C. beim Verkauf des Goldes aber als Mittelsmann zwischen den venezolanischen Behörden, und Noor und erhielt dafür auch Provisionen. Heikel ist das, weil C. seit Jahren im Visier von Ermittlern steht – wegen Korruption.

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Der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa führt seit 2016 ein Verfahren gegen C. Er soll ein Millionenvermögen mit komplizierten Finanzstrukturen versteckt haben, die ein ehemaliger Kollege bei Credit Suisse unterschlagen hat. Sein Kollege, ein Vermögensverwalter, wurde inzwischen verurteilt. Die Ermittlungen gegen C. laufen noch. Für ihn gilt also die Unschuldsvermutung.

Es ist allerdings nicht die einzige Affäre, in die C. verstrickt ist. In einem zweiten Verfahren ermittelt die Genfer Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Korruption. Laut den Staatsanwälten spielte er eine Rolle bei der Verschiebung von 20 Millionen Dollar durch Airbus an einen Geschäftsmann in Mali. Das Geschäft ging um eine Goldmine in Mali.

Zu guter Letzt taucht C. auch noch im derzeit wohl grössten Korruptionsprozess der Welt auf: dem Verfahren rund um den Kauf eines gigantischen Ölfeldes in Nigeria durch die Ölriesen Eni und Shell. Ein zentrales Beweisstück in dem Fall ist ein Koffer voller Dokumente, Pässe und USB-Sticks. Einer der Hauptbeschuldigten hat ihn in einer Wohnung in Genf «vergessen». Die Wohnung gehört C.

Auf der Agenda von Cassis steht: «Entwicklungen in Venezuela».

Mit dem Verkauf des Goldes von Venezuela kommt C. nun zusätzlich auch in den USA unter Beschuss. Womöglich gefolgt von einem weiteren Schweizer. Geholfen hat beim Goldverkauf aus Venezuela auch der Partner einer kleinen Kanzlei im Genfer Stadtteil Champel. Er will zu dem Geschäft nichts sagen und verweist auf die «sehr strengen Vertraulichkeitsvereinbarungen», die bei dieser Art von Transaktionen üblich seien.

Angesichts des Drucks aus den Vereinigten Staaten hat Noor Capital inzwischen verkündet, dass die Firma auf weitere Transaktionen verzichten würde, bis sich die Situation in Venezuela stabilisiert hat. Auch C. sagt, er sei nicht an den Plänen beteiligt, weitere 15 bis 20 Tonnen Gold aus Venezuela zu verkaufen.

Ob es überhaupt zu weiteren Goldverkäufen kommt, ist ohnehin fraglich, denn die Drohungen der USA haben inzwischen die Investoren abgeschreckt. Trumps Sicherheitsberater John Bolton gab bekannt, dass ein Teil der im Ausland gelagerten Goldreserven Venezuelas mithilfe europäischer Länder bereits blockiert wurden. Insbesondere soll sich die Bank of England geweigert haben, Caracas den Gegenwert von 1,2 Milliarden Dollar Gold zurückzugeben. Die Briten selber kommentieren dies nicht.

Cassis vor Treffen mit Bolton

Für die Schweiz ist Venezuela mittlerweile ein hochsensibles Thema. In den letzten Jahren wurden von regierungsnahen Geschäftsleuten und von Firmen der nationalen Ölgesellschaft PDVSA riesige Summen bei Schweizer Banken eingezahlt. Gemäss Insidern hat die Bundesverwaltung inzwischen genaue Daten bei der Geldwäscherei-Meldestelle eingeholt. Sie zeigen, wie viel verdächtiges Geld aus Venezuela zu Schweizer Banken floss.

Nach Schweizer Recht kann der Bundesrat diese Gelder jederzeit blockieren, sollte er zur Auffassung gelangen, dass ein Regimewechsel in Venezuela unabwendbar ist. Dies ist angeblich auch Gesprächsthema zwischen US-Sicherheitsberater John Bolton und Aussenminister Ignazio Cassis, der derzeit in Washington ist. Auf der Agenda von Cassis steht: «Entwicklungen in Venezuela».

Erstellt: 06.02.2019, 17:02 Uhr

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