«Sie gaben mir Drogen. Dann musste ich Männer bedienen»

Drei Schwestern sind in Buenos Aires gefangen im Teufelskreis von Armut, Drogensucht und Prostitution. Das einzig Gute in ihrem Leben: Sie haben einander.

Mussten schon mehr durchmachen, als manch einer aushalten würde: Die drei Schwestern: Belén, Lucía und Rosa (von links). Foto: Jan Christoph Wiechmann

Mussten schon mehr durchmachen, als manch einer aushalten würde: Die drei Schwestern: Belén, Lucía und Rosa (von links). Foto: Jan Christoph Wiechmann

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Rosa sieht ihn noch vor sich, den Moment, als ihre Schwestern Belén und Lucía das Haus plötzlich verliessen, es war im April 2017, der argentinische Sommer ging zu Ende, das Schuljahr hatte begonnen, und es lag etwas Neues in der Luft. Wenige Wochen zuvor war die Grossmutter gestorben, die ihnen wie eine Mutter gewesen war und das Zuhause ihrer Migrantenfamilie zusammenhielt, diese kleine, brüchige Hütte in der staubigen Peripherie von Buenos Aires, wo die Viertel keine offiziellen Namen haben und die Strassen keinen Asphalt und die Polizei keinen Zugang.

Ihre Mutter Agustina war Jahre zuvor in Paraguay zurückgeblieben, ihr Vater Luís arbeitete von früh bis spät, er übernahm die Knochenjobs, die Paraguayer in Argentinien so machen, baute den Argentiniern die Häuser und putzte Wohnungen – Migrantenarbeit, ohne die heute kein Industriestaat mehr auskommt.

So waren die drei Schwestern den ganzen Tag allein, was in wild wuchernden Armensiedlungen wie Cuartel V bedeutet, dass Frauen schnell zum Objekt männlicher Begierde werden oder – in den Augen der regierenden Mafia – zu Beute, einer Investition, einem Rohstoff. Cuartel V ist einer jener Orte, an denen nicht der Staat die Macht hat, sondern das organisierte Verbrechen – wie in immer mehr Gebieten Lateinamerikas. Die Mafia kontrolliert nicht nur Drogenhandel und Prostitution, sondern auch den Transport mit Minibussen, den Zugang zum Viertel, die Zwangsabgaben der Händler, die Regeln, sogar die Polizei, kurz: das öffentliche Leben.

Heute wissen alle drei: Diese Entscheidung war ein grosser Fehler.

Es gab eine vierte Person, die sich häufiger in der Einzimmerhütte der drei Schwestern aufhielt: Ayelén, 21, die neue Freundin eines Cousins, schillernd und sexy, sie gebärdete sich wie eine ältere Schwester und kam an jenem Apriltag 2017 mit einer Idee, die Belén und Lucía attraktiv erschien und Rosa eigenartig:

Schwestern, wir könnten zusammen in meiner neuen Wohnung leben, nur wenige Minuten entfernt. Ihr drei könnt gegen ein Taschengeld auf mein Kind aufpassen, während ich nachts arbeite, und ansonsten machen wir uns eine tolle Zeit. Sie versprühte einen Hauch ihres Lebens, das nach Parfüm roch und Gras und schnellem Geld, nach Abenteuer und Freiheit am Rand der grossen Stadt.

Lucía, 15, die Älteste, sagte: Ja.
Belén, 13, die Jüngste, sagte: Ja.
Rosa, 15, die Mittlere, sagte: Nein.

Heute wissen alle: Das Ja war ein verhängnisvoller Fehler, der schon bald zum Fall 19701/2017 bei der Staatsanwaltschaft 7 in Buenos Aires wurde. Und zu einem der jährlich mehr als zwanzig Millionen Fälle von Menschenhandel und Zwangsprostitution weltweit.

Rosa, die Mittlere

Die drei Schwestern stammen ursprünglich aus Encarnación, einer seelenlosen Grenzstadt am Rio Paraná in Paraguay, die vom Schmuggel lebt, von Billigprodukten und vom Menschenexport nach Argentinien. Sie waren zusammen in einer noch kleineren Hütte aufgewachsen und seit der Kindheit unzertrennlich. Sie hatten Hunger gelitten und an Krankheiten, und als darüber die Ehe der Eltern zerbrach, nahmen Vater und Grossmutter sie mit auf die Flucht, 1200 Kilometer bis ins Umland von Buenos Aires, wo Hunderttausende Paraguayer stranden, um die Brosamen der Wohlstandsgesellschaft zu verwerten. Vom äusseren sozialen Rand Südamerikas an den äusseren sozialen Rand Argentiniens – ein Aufstieg.

Die Migrationsroute von den Slums in die Armenviertel Argentiniens ist eine viel genutzte; mehr als zwei Millionen Paraguayer leben heute allein in der Provinz Buenos Aires.

Eigentlich ist Rosa die Cousine von Belén und Lucía, aber nach dem mysteriösen Tod ihrer Mutter hatte deren Bruder Luís sie wie eine Tochter aufgenommen. Man sagte ihr, ihre Mutter sei an einem Gehirnschlag gestorben, aber heute weiss Rosa, dass die Mutter als Prostituierte verschleppt wurde. «Meine Mutter arbeitete für mich – damit ich mal ein besseres Leben habe», sagt sie traurig. Weil die Zuhälter die Mutter an Weihnachten nicht zu den Angehörigen reisen liessen, kam es zum Streit. Die Familie glaubt, dass sie erschlagen wurde.

Sie hat gesehen, was sich sonst nur in Filmen abspielt: Erpressungen, Überfälle, Mord.

Es war dieser grausame Tod ihrer jungen Mutter, der Rosa lehrte: Folge nicht dem einfachsten Weg, vor allem dann nicht, wenn er nach Parfüm riecht und schnellem Geld.

Man kann es im Nachhinein so sagen: Dank des Mordes an ihrer Mutter blieb Rosa womöglich vor dem eigenen frühen Tod verschont.

Rosa Bogarín Ortiz, Identifikationsnummer 95.294.587, trägt eine aufgeschnittene Jeans, in der genauso viel Haut zu sehen ist wie Stoff, und lila Lippenstift. Es ist November 2017, die erste von vier Begegnungen des Fotografen und des Autors mit der Familie Ortiz. Rosa spricht wie eine erfahrene Frau, geprägt von einem Leben, in dem sie alles gesehen hat, was sich für Teenager sonst nur in Filmen abspielt: Erpressungen, Überfälle, Mord, Drogensucht.

«Aber nichts ist so schlimm wie das mit meinen Schwestern», sagt sie leise.

Rosa erinnert sich noch genau an die letzte Diskussion an jenem Apriltag 2017, die sie so gern ungeschehen machen würde. Lucía sagte ihrem Vater, sie habe dieses Leben in Armut satt und wolle nun wie Ayelén Geld verdienen. Belén sagte, sie habe es satt, immer in der Hütte eingesperrt zu bleiben. Ihr Vater Luís, müde von der Plackerei, erwiderte, wenn Ayelén auf sie aufpasse wie eine grosse Schwester, könnten sie das versuchen. Und ansonsten sollten sie ihn in Ruhe lassen.

«Für mich war es unendlich hart, zum ersten Mal im Leben ohne meine Schwestern.»Rosa, mittlere Schwester

Er stürmte aus der Hütte.
Da gingen auch Belén und Lucía.
Und Rosa blieb allein.
«Für mich war es unendlich hart», sagt sie: «zum ersten Mal im Leben ohne meine Schwestern.»

Rosa hatte nicht nur ihre Mutter früh verloren. Ihre zweite, die leibliche Mutter von Lucía und Belén, blieb in Paraguay zurück. Ihre dritte Mutter, die Oma, starb am Herzinfarkt – der Notarzt brauchte zu lang für die Anfahrt nach Cuartel V. Und jetzt drohte sie die Schwestern an ihre angeblich neue Schwester Ayelén zu verlieren.

«Da gingen sie entlang.» Rosa zeigt auf die Strasse, die nicht viel mehr ist als eine Buckelpiste aus Sand. «Und dort, hinter dieser Ecke, verschwanden sie.»
Und dann?
Rosa druckst herum. «Das können nur Belén und Lucía beantworten.»

Belén, die Jüngste

Das neue Leben mit Ayelén in einem Zimmer mit kleinem Fenster und vielen Matratzen erschien den beiden Schwestern kurz wie ein Paradies, wie der vorgezogene Eintritt in die Volljährigkeit. Ayelén verhielt sich weniger wie eine ältere Schwester und mehr wie eine irre Tante, die alles erlaubte, was Teenagern sonst verwehrt bleibt, ein Leben in totaler Freiheit, ohne Schule, ohne Regeln und Grenzen. Belén passte auf Ayeléns Tochter auf, während sie angeblich zum Putzen und Kellnern verschwand – und mit ihr immer öfter auch Lucía. Belén schien das unverdächtig, es waren die Jobs, für die Paraguayer ihre Heimat verlassen und nach Argentinien gehen.

In der Gesellschaftshierarchie bilden Migranten die unterste Stufe. Sie werden gehasst von den Armen, ausgebeutet von Unternehmern, sie leben ohne Schutz vor Banden, aber auch in ständiger Angst vor der Staatsaufsicht, ausgestattet mit Identifikationsnummern, die sie als Migranten markieren.

Es gibt, das wissen Belén und Lucía nicht, noch einen weiteren Grund für die starke Migration der Paraguayerinnen: Sie werden, manche noch minderjährig, in eins der 1500 Bordelle der argentinischen Hauptstadt gelockt oder entführt. Oder weitertransportiert nach Mar del Plata und Patagonien, in die raue Männerwelt der Bergwerke und Häfen.

«Durch die Drogen konnte ich alles vergessen.»Belén, jüngste Schwester

Tatsächlich kamen Ayelén und Lucía am Morgen zurück ins Zimmer und brachten den Geruch von Parfüm und Gras mit, aber auch den von Geld, Alkohol und harten Drogen.

Belén listet sie wie selbstverständlich auf: «Cola-Rum und Wodka, Porro (Joints), Merca, Falopa (Kokain).» Sie benutzt die Begriffe wie eine erfahrene Konsumentin.
Was hast du genommen?
«Alles. Reichlich.»
Was hat es mit dir gemacht?
«Ich konnte alles vergessen.»

Sie beschreibt nichts anderes als das «Anfüttern» junger Konsumenten oder – wie im Bericht ans Gericht festgehalten – den Beginn «ihrer Abhängigkeit von diversen psychoaktiven Substanzen».

Es kommen noch viele Gefahren auf Belén zu, die fragilste der drei Schwestern.

Mariá Belén Bogarín Ortiz, Identifikationsnummer 95.303.000, ist ein kleines schmales Mädchen, nur 35 Kilo schwer. Sie sitzt beim ersten Gespräch im November 2017 im abgedunkelten Zimmer der Hütte, die Arme verschränkt, der Blick störrisch. Sie antwortet in Einwortsätzen, wie sie es auch gegenüber dem Staatsanwalt getan hat, oftmals nur ein Ja oder Nein, als befände sie sich in einem Verhör. Immerhin ist bei dieser ersten Begegnung der Ansatz einer Konversation noch möglich.

«Ich wollte immer mehr Drogen.»
Woher kam das Geld?
«Das verdiente Lucía.»
Und wo war Lucía?
«Nebenan. Im Möbelgeschäft.»
Ein Möbelgeschäft?!
«Eine Art Bar.»
Wer war da sonst noch?
«Viele Männer.»
Weisst du, was da passiert ist?
Sie nickt, sagt aber weiter nichts.

Und man ahnt jetzt schon: Es kommen noch viele Gefahren auf Belén zu, die fragilste der drei Schwestern.

Lucía, die Älteste

Die sogenannte Möbelhandlung liegt nur vier Strassenecken von der Hütte der Schwestern entfernt. Sie ist kaum als Haus zu identifizieren, eher ein Labyrinth aus Baracken und Brettern, von Blicken geschützt durch Decken und Planen, sandbraun vom Staub. Dahinter erstrecken sich verwinkelte Gassen und Räume, wie Lucía sich dunkel erinnert. Aber sie erinnert sich kaum. «Es ist alles wie eine Wolke», sagt sie.

Lucía Bogarín Ortiz, Identifikationsnummer 95.302.988, liegt auf einer Bank in einer Suppenküche im Zentrum von Buenos Aires. Es ist November 2017. Ihr Gesicht ist aufgeschwemmt, ihre Augen drehen öfter ab, als verlöre Lucía das Bewusstsein. Es ist ein schwieriges Gespräch, das erste von vielen in den kommenden Monaten. Es findet an einem geheimen Ort statt, wo Lucía vor der Mafia geschützt ist.

«Sie gaben mir Drogen. Ich war den ganzen Tag auf Kokain. Ich erinnere mich nicht an viel.»
Woran erinnerst du dich?
«Ich bekam das Zeug. Dann musste ich Männer bedienen. Zuerst nur Mauricio.»
Wer ist das?
«Der Besitzer.»
Und dann?
«Dann mehr. Drei auf einmal. Fünf auf einmal. Ich weiss es nicht. Ich habe nichts mehr gespürt.»
Sie spricht über Details, die man Lesern nicht zumuten will. Und Ayelén?
«War weg. Sie sagte, dass ich so viel arbeiten muss, um unsere Kokainschulden zu bezahlen. Sie drohte, wenn ich es nicht mache, würden sie Belén nehmen.»

Lucía musste anschaffen, um zu verhindern, dass Freier die jüngere Belén vergewaltigen.

Das war die Gleichung: Weil Belén auf Drogen war, musste Lucía anschaffen, um zu verhindern, dass Freier die jüngere Belén vergewaltigen.
Eine Flucht war nicht möglich?
«Wir wurden nicht mehr rausgelassen. Sie sagten, sie werden uns in ein anderes Land verschicken.»

Lucía und Belén Ortiz, waren nun Gefangene oder, in den Augen der Justiz: minderjährige Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel, dokumentiert in den Protokollen der Kinderschutzorganisation «Mütter der Opfer von Menschenhandel», Seite eins, unter den Schlagworten: «Das Verschwinden» und «Sexuelle Ausbeutung». Von den jährlich 20,9 Millionen Opfern von Menschenhandel sind gemäss UN 49 Prozent Frauen, weitere 23 Prozent Mädchen. Die grosse Mehrheit wird sexuell ausgebeutet. Es ist die drittwichtigste Einnahmequelle des organisierten Verbrechens nach Drogen- und Waffenhandel: 150 Milliarden Dollar pro Jahr.

Für Lucía und Belén war nun die Frage: Kommen sie da jemals wieder raus? Oder werden sie vorher in einen anderen Teil Argentiniens verschleppt – oder gar der Welt?

Der Arzt

Lucía fällt immer wieder in einen Kurzschlaf, das Resultat der Betäubung durch drei verschiedene Psychopharmaka. Sechs Monate sind vergangen seit den schrecklichen Geschehnissen, vier davon war sie in stationärer Behandlung in der Psychiatrie des Kinderkrankenhauses Tobar García. Noch immer muss sie täglich hingehen.

Der behandelnde Kinderpsychiater Dr. Gabriel Salorio sagt in Anwesenheit einer Vertreterin der Kinderschutzorganisation: «Als Lucía kam, war sie wie ein Tier. Sie ging auf allen vieren.» Ein Zustand, den sie im Bericht als descompensada festhielten – dekompensiert. «Sie zog sich vor uns männlichen Ärzten sofort nackt aus, als wären wir Freier. Kein Wunder bei dem, was ihr zugestossen war. Es ist ein schwerer Fall von Schizophrenie und Traumatisierung.»

«Wir haben eine Menge solcher Fälle, aber selten so schlimm wie bei Lucía.»Gabriel Salorio, Doktor

Dr. Salorio empfängt im Wartesaal des Krankenhauses im Stadtteil Constitucíon. Es liegt gleich neben dem berüchtigten Rotlichtviertel, aus dem viele drogenabhängige Jugendliche auf seine Station kommen.

«Wir haben eine Menge solcher Fälle, aber selten so schlimm wie bei Lucía. Das ist wie ein Autounfall der Seele. Sie ist schwer verletzt. Manche Patienten kriegen wir nie mehr hin. Bei Lucía haben wir viele Medikamente erfolglos ausprobiert. Jetzt steht sie unter dem Antipsychotikum Clozapin. Es schlägt ganz gut an.»

Die Heldin

Nach zwei Wochen ohne ihre Schwestern begann Rosa sich Sorgen zu machen. Auf Facebook richteten die beiden aus, alles sei okay, sie meldeten sich aber immer seltener. Belén kam einmal kurz nach Hause – von Ayelén geschickt, um den Vater zu beruhigen –, Lucía kam gar nicht mehr. Es sei alles gut, sagte Belén, aber die Drogen waren ihr anzumerken. Rosa kannte die Kleine zu gut, ihr fielen die geröteten Augen auf, die Nervosität.

Ihr Vater Luís wirkte in jenen Tagen fast erleichtert, dass nach zehn Stunden Schuften und vier Stunden Pendeln in vollen Bussen keine Teenagerprobleme mehr auf ihn warteten, sondern nur noch Schlaf und Taubheit, ein Schicksal, wie es sich millionenfach in Armenvierteln abspielt.

Also schmiedete Rosa einen Plan. Gemeinsam mit ihrer Freundin würde sie in das Möbelgeschäft eindringen und ihre Schwestern befreien. Zur Polizei konnte sie nicht gehen, denn die, das weiss jeder im Viertel, erhält Schmiergelder fürs Weggucken und für das Dulden von Bordellen.

Ein gewagtes Vorhaben, aber Rosa sagt lapidar: «Was blieb mir sonst?»

Rosa befreite ihre Schwestern und ist jetzt für diese «eine echte Heldin».

An jenem Tag gingen sie in der Frühe los. Ihr Puls raste wie wahnsinnig, erzählt Rosa. Sie beobachteten das Grundstück, bis der letzte Kunde verschwunden schien. Dann traten sie in einen Seiteneingang, gingen von Fenster zu Fenster und sahen Lucía und Belén tatsächlich auf dem Boden schlafen. Auch Ayelén schlief ihren Rausch aus.

Rosa weckte die benommenen Schwestern und zerrte sie raus. «Ihr kommt jetzt mit», befahl sie ihnen. Im Nachhinein sagt Rosa über die Befreiungsaktion: «Ich habe gar nicht gross nachgedacht.» Alle anderen sagen: «Rosa ist eine echte Heldin.»

In der Logik der Mafia jedoch war es Raub. Rosa nahm dem Handel die Ware. Und sie würde womöglich die Justiz informieren.

Als Vater Luís am Abend von der Arbeit nach Hause kam, bot sich ihm ein Bild des Grauens. Seine Tochter Lucía war nackt auf den Wassertank geklettert und wollte nicht mehr herabsteigen. «Es kam Schaum aus ihrem Mund», erzählt er. «Sie wollte sich erhängen.»

«Sie war wie ein Stück Fleisch, nicht wie ein Mensch.»Onkel

Sein Bruder half und zerrte Lucía vom Tank herunter. «Sie war wie ein Stück Fleisch, nicht wie ein Mensch», erinnert er sich. «Ich bin ein starker Mann, aber sie hat sich so gewehrt, dass ich sie nicht überwältigen konnte.» Luís rief den Notarzt, aber der traute sich nicht hinein in diesen von der Mafia regierten Slum. Also lieh Luís sich Geld und liess Lucía per Auto ins Krankenhaus fahren, von wo sie schliesslich in die Kinderpsychiatrie überwiesen wurde.

Luís Bogarín Ortiz ist ein hagerer Mann, über den die Staatsanwaltschaft festhält: «Er verfügt über wenige Mittel, um zu kommunizieren.» Seine Antworten kommen nach kurzer Pause, als müssten die Worte erst einige Runden durchs Gehirn drehen. Er spricht einfaches Spanisch, seine Muttersprache ist Guaraní, die indigene Landessprache Paraguays.

Es ist Februar 2018, Luís sitzt vor seiner Hütte, an die er sich eine kleine Kapelle mit Marienfigur gebaut hat. Er lässt tereré kreisen, das paraguayische Getränk aus Mateblättern, und redet über Fussball, um dem Thema sexuelle Ausbeutung zu entgehen. Er ist arbeitslos, weil er – laut Gerichtsprotokoll – «seinen Job nach der Flucht Lucías aus dem Bordell verlor. Er musste sich um seine Tochter und deren Einweisung in die Klinik kümmern und um Behördengänge.»

Die Leute in den Slums sind ausgelaugt vom Leben am Rand der Gesellschaft.

Warum hat er nicht besser auf seine Kinder aufgepasst? Die Frage nagt an ihm.
«Sie brauchen eine Mutter», antwortet er. «Ich bin keine Mutter. War ich nie.»
Das ist keine Erklärung.
«Ich war am Ende», gibt er schliesslich zu, und eine Leere steigt nun in seine Augen, die wir oft vorfinden bei den Menschen in den Slums, ausgelaugt vom Leben am Rand der Gesellschaft, geplagt von Depressionen, die nicht diagnostiziert, geschweige denn behandelt werden.

«Der Vater wirkte wie ein kleiner Bruder der Mädchen», sagt der Psychiater Dr. Salorio. «Er hatte keine Autorität und keine Kraft nach dem Tod der Grossmutter. Die Mädchen waren Freiwild.»

In dem Leben, das Luís kennt, seit fast vierzig Jahren, ist die systematische Vergewaltigung eines Mädchens keine Seltenheit, so hart das klingen mag. Seine Schwester starb in einem Bordell. Seine Cousine wurde Opfer von Menschenhändlern, konnte aber aus dem Bordell fliehen. Jetzt hat es seine Tochter getroffen. «Es gibt in meinem Land Eltern, die ihre Kinder verkaufen», sagt er, als könnte ihn das entlasten.

«Erschiesse den Täter und bringe die Leiche aus dem Viertel. Wir gucken weg.»Polizei

Was will er nun tun?
«Ich warte, dass die Justiz bestraft. Wenn nicht, mache ich es selbst.» Er meint nichts anderes als Selbstjustiz. «Ich weiss nicht, wie Lucía das überlebt hat», spricht er atemlos vor sich hin. «Zehn Typen auf einmal. Der Gedanke bringt mich um.»

Sein Bruder Victor ergänzt: «Ich bin zur Polizei gegangen. Die haben gesagt: Wir haben dringendere Fälle. Was sollen wir also tun?, fragte ich. Sie empfahlen mir: Erschiesse den Täter mit drei Schüssen und bringe die Leiche aus dem Viertel. Wir gucken weg.»

Die dringlichste Frage für Luís ist: Wohin mit den Töchtern? Hier, in Cuartel V, können sie nicht bleiben. Laut Gerichtsprotokoll, Seite drei, haben Männer einen Lastwagen vor seiner Tür geparkt und nach Lucía gefragt.

Der Racheengel

Um sie vor der Mafia zu schützen, kommt Lucía vorübergehend bei Margarita Meira unter, 64, Tochter eines Paraguayers, Vorsitzende der Kinderschutzorganisation «Mütter der Opfer von Menschenhandel». Eine resolute kleine Frau, die ohne Furcht durchs Leben geht. «Mir können sie eine Knarre an den Kopf halten, ich lege mich auch mit der Mafia an», sagt sie.

Meira betreibt eine Suppenküche in einem alten Haus mitten im Rotlichtviertel Constitucíon. Lucía hilft hier bei der Arbeit, schläft aber immer wieder ein, sediert von Antidepressiva.

«Das ist die Sklaverei des 21. Jahrhunderts.»Margarita Meira, Kinderschutzorganisation

Fast ein Jahr ist nun seit den Vergewaltigungen vergangen. Lucías Leben besteht nicht aus dem Rhythmus Schule und Freizeit. Es besteht aus dem Rhythmus Schlaf und Medikation.

Was sich im Cuartel V abspielte, erklärt Meira, folgt der klaren Strategie der Mafia.

Meira holt einen Zettel hervor und beschreibt den Menschenhandel anhand eines Diagramms: Die Banden schicken sogenannte entregadoras, Mädchen wie Ayelén, die minderjährige Töchter aus den Familien locken. Dann setzen sie diese unter Drogen und zwingen sie zur Prostitution, der «Sklaverei des 21. Jahrhunderts», wie Meira es nennt. Bordelle sind für sie «Orte von Vergewaltigung, Folter und Tod», die geschlossen gehören, wie es ihre Organisation in ihren Forderungen an den Staat, Punkt eins, festgehalten hat.

Hier entlang verläuft der Menschenhandel: Die Ruta 12 an der Grenze zwischen Argentinien und Paraguay. Foto: Jan Christoph Wiechmann

«Es ist eine kalte Kalkulation», erläutert Meira: Mit einem Mädchen verdienen die Zuhälter 1500 Pesos pro Freier, 30 Dollar, davon bekommen die Mädchen vier Dollar. Bei zehn Freiern sind das 300 Euro. Bei zehn verschleppten Mädchen 3000 Dollar pro Nacht. «Das kannst du selbst mit Drogen schwer reinholen.»

Die Mädchen und jungen Frauen aus Paraguay sind nichts anderes als ein Rohstoff, ein Wegwerfprodukt der sexuellen Industrie, eine Billigware der Konsumgesellschaft.

Meira spricht nüchtern über die grausamsten Taten. Sie hat recherchiert, dass es Pläne gab, Belén und Lucía zu verkaufen. Rosa habe die beiden gerade noch gerettet. «Die verkaufen die Mädchen nach Mexiko, Kolumbien, bis nach Europa, aber meist innerhalb des Landes, von einem Ort zum anderen. Manchmal für nur vier Wochen, dann lassen sie die Mädchen frei, damit es heisst: Die Kleine ist mit dem Freund durchgebrannt. In der Zwischenzeit haben sie fast 10'000 Dollar mit jeder von ihnen gemacht.»

Die Verbrechen ereignen sich nicht zufällig an Orten wie Cuartel V. Es sind Räume der Gesetzlosigkeit, wo Lateinamerikas grösste Probleme kulminieren: Korruption und Straflosigkeit. Banden bringen Quartiere unter ihre Kontrolle und herrschen dort willkürlich und tyrannisch wie im Feudalismus. Wo Täter keine Strafverfolgung fürchten müssen, sind die grausamsten Verbrechen möglich – und die Schwächsten der Gesellschaft sind die Opfer.

Wenn der Staat nicht will oder kann, sind Bürger eben selbst der Staat.

«Die Mafia nimmt das Gesetz in die Hand», sagt Meira. «Aber wir Bürger auch», fügt sie hinzu. Sie hat sich des Falles der drei Schwestern als eine Art Privatdetektivin angenommen. Zuerst hat sie Lucía in Sicherheit gebracht, dann Belén aufs Polizeirevier geschleppt – für eine Zeugenaussage. Erfährt Meira von verschwundenen Mädchen, derzeit über tausend in Argentinien, recherchiert sie auf eigene Faust. Druckt Fahndungsplakate. Protestiert vor dem Präsidentenpalast. Zieht sogar durch Bordelle, um Mädchen zu suchen.

Sie folgt dabei einer Logik, die sich an vielen Orten Lateinamerikas durchsetzt, ob bei Bürgerwehren in Mexiko, indigenen Völkern in Kolumbien oder Frauengruppen in Favelas: Wenn der Staat nicht Staat sein will oder kann, sind Bürger eben selbst der Staat.

Es ist auch eine Art Rachefeldzug, gibt sie zu. Sie hat ihre Tochter vor 27 Jahren an Menschenhändler verloren: Susana wurde entführt, in verschiedenen Bordellen gefangen gehalten, am Ende ermordet. Bis heute sind die Täter auf freiem Fuss. Seitdem weiss Meira: «Die Polizei steckt oft mit der Mafia unter einer Decke. Ich muss bei meiner Polizeiarbeit die Polizei umgehen. Ich gehe nur direkt zu Colombo.»

Der Ermittler

«Colombo» ist eine Art Codewort. Es steht für den Staatsanwalt Marcelo Colombo. Er führt eine eigens gegründete Sondereinheit an, die PROTEX. Sie sucht in Argentinien, diesem weiten Land, fast achtmal so gross wie Deutschland, nach entführten Opfern des Menschenhandels. Das Problem ist so gross, dass sie eine eigene Hotline geschaltet haben, Telefon 145. Innerhalb von Interpol ist Colombo gleichzeitig Koordinator für ganz Lateinamerika und Spanien.

März 2018. Fast ein Jahr ist seit der Zwangsprostitution Lucías vergangen, und noch immer gibt es keine Festnahmen.

«Wir haben von dem Fall erfahren», sagt Colombo. «Ich kann herausfinden, wie weit er ist.» Er lässt sich eine Statistik reichen. Etwa tausend Fälle von Menschenhandel gab es in Argentinien seit 2014 plus eine hohe Dunkelziffer. Mehr als die Hälfte fallen unter die Kategorie «Sexuelle Ausbeutung», zehn Prozent sind Minderjährige. Weniger als die Hälfte der Fälle enden mit Verurteilungen. Und die erstaunlichste Zahl: 40 Prozent sind Paraguayerinnen.

«Die Polizei arbeitet oft mit Zuhältern Hand in Hand, es besteht ein gegenseitiger Schutz.»Marcelo Colombo, Staatsanwalt

«Die Armut in Paraguay ist die Ursache», sagt er. Zudem würden Mädchen aus Paraguay oft «vom inneren Zirkel verschleppt, sogar von Müttern, Schwestern». Viele würden in Bordellen der Peripherie gehalten, für die es so viele Synonyme gibt wie für Frauen: Whiskeria, Bar, Pub, VIP. Die meisten jedoch in privados, Privatwohnungen, die als Bordelle genutzt werden, wie im Fall Lucía. Zu denen kommt die Polizei nur schwer durch.

Colombo neigt sich nun nach vorn, als wolle er ein Geheimnis verraten. Die Polizei arbeite oft mit Zuhältern Hand in Hand, es bestehe «ein gegenseitiger Schutz». «Acht Prozent der Verurteilten beim Menschenhandel sind Polizisten», sagt er. «Die erhalten Schmiergelder, um die Taten nicht anzuzeigen. Ein perverses System.»

Es ist ein Offenbarungseid: Der Mann der Strafverfolgung traut den Strafverfolgern nicht. Zum Fall Lucía verspricht er: «Ich melde mich. Ich gebe euch, was wir haben.»

Die Abtreibung

Die grossen Kriminalfälle im Fernsehen haben ein klares Ende. In der Wirklichkeit enden sie nie. Sie wandeln sich. Kommt man Monate später an den Ort zurück, ergibt sich eine neue Geschichte.

Im Oktober 2018, ein Jahr nach unserem ersten Besuch, hat sich die Lage gedreht. Keine der drei Schwestern ist mehr zu Hause. Lucía lebt mittlerweile in einem Kinderheim in La Plata, hundert Kilometer entfernt, sie ist raus aus der Gefahrenzone Cuartel V, aber auch aus der Geborgenheit der Familie. Sie sieht gesünder aus, ihre Augen sind wacher, das Gesicht ist voller. Sie sagt, sie wolle die Schule beenden. Aber die Frage ist: Wie will sie das ohne regelmässigen Schulbesuch schaffen?

Rosa, die Heldin, ist zu einem Freund gezogen, sie hat die Schule geschmissen und jobbt im Schönheitssalon, um Geld für die Familie zu verdienen, aber die Frage stellt sich: Ist das nicht der Eintritt in den nächsten Teufelskreis?

Belén, die Jüngste, liegt verletzt und schwanger im Spital der Vorstadt Moreno. Sie wirkt abwesend, das Haar ist zerwühlt, der Blick müde. Unter ihrem T-Shirt mit dem Aufdruck «Be a nice human» wölbt sich der Bauch. Sie ist im fünften Monat.

«Die Kerle haben mit Belén dasselbe gemacht wie mit Lucía.»Margarita Meira, Kinderschutzorganisation

Am Bett sitzen ihr Vater Luís und Margarita Meira.
«Die Kerle haben mit Belén dasselbe gemacht wie mit Lucía», sagt Meira.
Belén schweigt. Sie starrt auf ihr Handy.
Meira fährt fort: «Die Ärzte haben Infektionen festgestellt, innere Verletzungen. Deswegen können sie die Abtreibung noch nicht durchführen.»

Belén ist jetzt 15 und drogenabhängig. Wie bei Lucía ein Jahr zuvor weiss niemand, ob sie es schaffen wird. Stimmt das alles?, fragt der Fotograf Belén. «Ich erinnere mich an nichts», sagt sie.

Der Verdacht lautet, dass auch Belén zur Prostitution gezwungen wurde; festgehalten ist dies im Bericht ans Gericht, Seite drei: «Belén kam mehrere Tage nicht nach Hause und ging nicht zur Schule. Sie hielt sich im Haus eines Nachbarn auf, bekannt als Mauricio. Am selben Ort, der in der Anzeige wegen der Prostituierung ihrer Schwester genannt wird.»

«Wenn ich das Kind kriegen muss, bringe ich mich um.»Belén

Ihr Vater Luís sitzt ratlos daneben und schweigt. Es scheint, als brauche er am meisten Trost. Er weiss als gläubiger Katholik nur eines: Er ist gegen Abtreibung.
«Zum Glück entscheiden in Argentinien Frauen», faucht Meira. «Deine Tochter wurde vergewaltigt. Im Fall einer Vergewaltigung darf sie laut Gesetz abtreiben. Aber du als der Sorgeberechtigte musst zustimmen.»
Luís sagt nichts.
Belén spricht den furchtbaren Satz: «Wenn ich das Kind kriegen muss, bringe ich mich um.»

Muss der Staat nicht endlich ermitteln?
«Belén will nicht aussagen», sagt Meira resigniert.
Belén schweigt. Sie macht Fotos vom Fotografen, während der sie fotografiert.
Wer war der Täter?
Keine Antwort. Ohne Antwort keine Anklage. «Sie hat Angst vor den Typen», sagt Meira.

Es klopft an der Tür. Drei junge Frauen treten ein. Sie stellen sich als Angehörige einer evangelikalen Kirche vor. Sie wollen Belén die Abtreibung ausreden. «Jedes Leben zählt. Abtreibung ist illegal. Du wirst es bereuen.»
«Sie wurde vergewaltigt», erregt sich Meira.
«Das muss bewiesen werden.»

Die Situation ist kaum zu ertragen. Da liegt ein schwangeres Kind apathisch im Bett, im Schoss das Handy, umklammert wie einen Rosenkranz. Daneben streiten sich fünf Erwachsene über Argentiniens Dauerthema Abtreibung.

Wie immer ist es Rosa, die die richtige Entscheidung trifft. Sie ist, so scheint es, die einzige Erwachsene.

Irgendwann blickt Meira aus dem Fenster. Vor der Klinik, glaubt sie zu beobachten, positionieren sich finstere Gestalten aus Cuartel V. «Die wollen sicherstellen, dass Belén nicht aussagt.» Belén schweigt dazu. Es entsteht der Eindruck: Sie hat sich entschieden. Die Mafia hat den Machtkampf gewonnen.

Drei Tage später unterschreibt die Ärztin ein Protokoll, das die Abtreibung zulässt für Belén, Opfer einer Vergewaltigung. Weitere drei Tage später, nach der erfolgten Abtreibung, ist Belén plötzlich verschwunden. Für ein paar Stunden herrscht grosse Angst: Hat die Mafia sie sich zurückgeholt?

Doch es war eine andere Person. Sie tauchte in der Früh aus dem Nichts auf. Schlich sich an der Wache vorbei in den ersten Stock. Schickte zunächst Belén in Strassenklamotten aus dem Zimmer. Dann schmuggelte sie sich selbst raus und begleitete Belén in den Vorort Tigre zur Tante.

Es war Rosa. Auf die Frage nach dem Grund sagt Rosa: «Damit Belén nicht nach Cuartel V zurückmuss. Und nicht ins Heim. Ich fühle mich verantwortlich. Angst habe ich vor nichts mehr.» Wie immer ist es Rosa, die die richtige Entscheidung trifft. Sie ist, so scheint es, die einzige Erwachsene. Vielleicht sogar: eine Art Mutter.

Agustina, die Mutter

Wenn es überhaupt Konstanten im Leben der drei Schwestern gibt, dann sind es Armut und Gewalt und die Abwesenheit einer Mutter. Diese eine quälende Frage, die nie Ruhe gibt: Wie konnte sie, die uns in die Welt setzte, uns im Stich lassen?

Belén sagt: «Ich möchte sie nie wiedersehen.»
Lucía sagt: «Ich möchte sie fragen, warum sie uns verliess.»

Encarnación ist so etwas wie eine grosse Ausgabe von Cuartel V, direkt hinter der Grenze zu Paraguay gelegen. Die Slums wachsen hier nicht die Berge hinauf, sondern tief in die Viertel hinein, bis in die Grundstücke. Ein Haus an der Strasse geht über in eine ärmliche Hütte und eine noch ärmlichere Hütte bis zu einem Verschlag aus ein paar Holzleisten und Erde.

Vor einer dieser Baracken sitzt eine kleine, dünne Frau, die Beléns Figur hat und Lucías Augen. Auf dem Schoss hält sie ein Baby – Nummer sechs, wie sie sagt. Nummer fünf wurde ihr vom Jugendamt gerade weggenommen. Nummer vier, zehn Jahre, macht das Fläschchen für Nummer sechs fertig. Daneben steht ein Mann, der misstrauisch blickt.

«Ich weiss, was ihnen zugestossen ist. Es ist die Schuld des Vaters.»Mutter

Der Vater des Babys?
«Nein, der ist gestorben», sagt sie. Agustina Ortiz, 37 Jahre, will nicht reden, sie erwartet nichts Gutes von Wörtern. Aber da wir ein Hühnchen mitgebracht haben, redet sie doch. Wir kommen direkt von Ihren Töchtern, sagen wir und erwarten einen Gefühlsausbruch, viele Fragen.

Aber Agustina Ortiz sagt nur: «Sie haben ihre arme Mutter bis heute nicht besucht.»
Ihre Töchter haben kein Geld, erklären wir. Sie sind bitterarm.
«Sie leben in Argentinien», antwortet Agustina, als handelte es sich ums Paradies. Sie weist ihren Freund an, das Huhn zu braten, das erste Fleisch seit langem. Sie sagt nun, sie werde ein Haus kaufen, wenn die Mädchen zurückkehren. Aber ihre Einnahmen als Strassenhändlerin reichen nicht mal, um genug Essen für sich selbst zu kaufen. Ihre Kraft reicht nicht für ihre drei Mädchen hier – wie soll sie für die drei Mädchen dort reichen?

Ihren Töchtern geht es nicht gut.
«Ich weiss, was ihnen zugestossen ist», sagt sie barsch. «Es ist die Schuld des Vaters. Er hätte sie nicht mitnehmen sollen.»
Er sagt, sie haben damals am Hungertuch genagt.
«Geht es ihnen jetzt etwa besser?», entgegnet Agustina. «Er hat sie damals nach Argentinien geschleppt. Er trägt die Verantwortung. Ich habe damit nichts zu tun.»
Will sie ihre Töchter wirklich nicht einmal besuchen? Ein Busticket kostet 350 000 Guaraní, 50 Dollar.
«Ich gehe nicht. Ich habe meinen Stolz. Die Mädchen wissen, wo sie mich finden. Hier wären sie sicher.»

Das Gespräch geht nicht weiter, der Besuch ist verstörend. Wir gehen. Dem Fotografen ruft eine andere Frau bei der Verabschiedung hinterher: Willst du meine Jüngste nicht mitnehmen?

Die Mafia weiss, dass niemand gegen sie aussagen will.

Ende Januar 2019 besuchen wir die drei Schwestern und ihren Vater Luís ein vorerst letztes Mal. Es ist ein heisser Tag im argentinischen Hochsommer. Das Treffen soll trotz Bedrohungen durch die Mafia in ihrer Hütte in Cuartel V stattfinden.

Die Mafia weiss längst, dass Ermittlungen laufen. Sie weiss auch, dass Reporter berichten. Sie weiss aber vor allem, dass niemand gegen sie aussagen will. Weder Lucía. Noch Belén. Und auch Rosa nicht.

Sonderermittler Colombo greift nicht ein. Er überlässt die Arbeit der lokalen Staatsanwaltschaft. Er lässt ausrichten: Der Fall wird weiter untersucht.

Luís und seine drei Töchter sitzen vor der Hütte und trinken tereré. Die Mädchen machen sich die Nägel und die Haare, sie albern herum, die Stimmung ist gelöst. So scheint es.

«Wir müssen hier weg. Aber wohin? Wir haben kein Geld.»Vater

Luís geht nicht mehr aus dem Haus. Er bewacht Belén rund um die Uhr. Sie lebt nun als Gefangene. Es ist gleichzeitig ihr Entzug.

«Es gab Schüsse vor dem Haus um drei Uhr früh», sagt Luís. Er sieht das als Warnung, nicht mit der Polizei oder Journalisten zu sprechen. «Wir müssen hier weg», sagt er. «Aber wohin sollen wir gehen? Wir haben kein Geld.»

Sie müssten, das fühlt er, auf die nächste Flucht. Auf die Flucht vor der Armut in Paraguay folgt die Flucht vor Menschenhandel und nun die Flucht vor Morddrohungen.

Was hast du im Leben vor?, fragen wir Lucía, die ihren Freund dabeihat, einen Paraguayer, 18 Jahre, Tagelöhner. Zum ersten Mal nach Monaten sehen wir ein zartes Lächeln unter ihren dunklen Augenrändern.
«Ich möchte Ärztin werden», sagt sie, aber es klingt wie ein weit entfernter Traum. Noch immer nimmt Lucía Antidepressiva.

Und Rosa, die neben dem Jobben wieder zur Schule geht?
«Psychologin», sagt sie bestimmt. «Um meinen Schwestern zu helfen», und es klingt nicht wie ein so entfernter Traum.

Und Belén, die apathisch dabeisitzt, willenlos, dünn wie ein Stab?
«Weiss nicht», sagt sie.
Zurück nach Paraguay zur Mutter?
Sie schütteln den Kopf. Das kommt für keine infrage.

Ihre Geschichte ist eine von Zerstörung, aber auch von Halt und Geschwisterliebe.

Die drei Schwestern verschwinden in der kleinen Küche, um sich die Haare zu machen und über Jungs zu reden. Sie umarmen einander. Sie lachen sogar. Sie nennen sich gegenseitig hermosa, wunderschön, divina, göttlich, und schreiben auf Facebook: «Liebe dich, Schwesterchen.»

Ihre Geschichte ist eine von Zerstörung, von Rohheit, aber auch von Halt und Geschwisterliebe. Die Mädchen zu trennen wäre fatal. Auf den Vater, die Mutter und den Staat ist kein Verlass. Sie haben nur sich.

Am liebsten wollen sie zusammenziehen. Margarita Meira möchte ein Heim für Mädchen wie sie schaffen, wo sie in Sicherheit vor der Mafia leben können. Aber das Geld fehlt. Für einen kurzen Moment herrscht an diesem Sommertag 2019 der Eindruck eines Happy Ends. Zeit, die Geschichte zu beenden, bevor sie wieder aus den Fugen gerät.

(Das Magazin)

Erstellt: 19.08.2019, 21:45 Uhr

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