«Sie werden ihn nicht unterkriegen»

Lilian Tintori, die Ehefrau von Leopoldo López, spricht über die Haftbedingungen des führenden venezolanischen Oppositionellen und über ihre Hoffnung auf ein besseres Venezuela.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor einigen Tagen wurde gegen Ihren Ehemann Leopoldo López der Prozess wegen Aufruf zur Gewalt und anderer Delikte eröffnet. Sie haben nicht nur seine im Februar erfolgte Verhaftung, sondern auch das Verfahren als willkürlich und politisch motiviert bezeichnet. Gibt es überhaupt realistische Hoffnungen auf einen Freispruch?

Hoffnung gibt es immer. Aber es ist klar, dass es sich um einen politischen Prozess handelt und dass die Regierung unter Präsident Nicolás Maduro meinen Mann fürchtet, weil er die Sehnsucht nach einem besseren, gerechteren Venezuela verkörpert. Millionen stehen auf seiner Seite, Millionen wollen eine Veränderung. Und es sind nur noch wenige, die das bestehende Regime unterstützen. Leopoldo López muss freigelassen werden, weil die Staatsanwaltschaft nicht einen einzigen Beweis gegen ihn vorlegen konnte. Das Gericht hat sämtliche Zeugen und angeblichen Beweise der Anklage zugelassen, aber nicht einen entlastenden Beweis der Verteidigung. Das ist eine Verhöhnung der Justiz und der Gerechtigkeit. Nicht einmal Hugo Chávez hätte so etwas geduldet.

Wie sind die Haftbedingungen Ihres Mannes?

Sie sind eine einzige Verletzung der Menschenrechte. Mein Mann wird in einem Militärgefängnis festgehalten. Es ist ihm verboten, mit anderen Häftlingen in Kontakt zu treten, und die Wärter sind angewiesen, kein Wort mit ihm zu sprechen. Sie wollen ihn isolieren und letztlich eliminieren. Wir haben gegen diese Isolationshaft geklagt, worauf es eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft gab. Sie befand, dass Leopoldos Menschenrechte verletzt werden, und verfügte die sofortige Aufhebung der Isolationshaft. Allerdings befolgte die Gefängnisleitung dies nur für zwei Tage. Mittlerweile sind die Bedingungen für meinen Mann wieder gleich wie zuvor.

Wie reagiert er darauf?

Er hält stand. Leopoldo ist ein sehr spiritueller Mensch, er hat viel gelesen und sich geistig auf diese Situation vorbereitet. Er ist sich bewusst, dass er psychischer Folter unterworfen wird, aber sie werden ihn nicht unterkriegen. Genauso wenig wie seine Familie.

Nachdem López zur Verhaftung ausgeschrieben wurde, hat er sich freiwillig der Justiz gestellt. Sie haben ihm davon abgeraten. Hätte er Ihrer Meinung nach in der Illegalität leben oder ins Ausland flüchten sollen?

Als seine Ehefrau wollte ich nicht, dass er sich ausliefert, weil ich nicht an die Justiz meines Landes glaube – wie wir jetzt sehen zu recht. Die meisten Richter befolgen schlicht die Befehle, die sie von der Regierung erhalten. Ich wollte nicht, dass unsere Familie mit zwei kleinen Kindern die in Venezuela herrschende Rechtlosigkeit am eigenen Leibe erfährt. Allerdings hätte sich Leopoldo im Ausland als Gefangener seiner eigenen Seele gefühlt, und ein Leben in der Illegalität hätte bedeutet, seine Kinder nicht mehr sehen zu können. Jetzt sitzt er zwar im Gefängnis, aber ich und die Kinder können ihn am Wochenende besuchen und Stunden mit ihm in der Zelle verbringen. Er hat diesen Weg gewählt, und als seine Frau unterstütze ich ihn. Leopoldo López repräsentiert im heutigen Venezuela eine Hoffnung, ein Licht, er ist ein Leuchtturm in der Dunkelheit.

Vor seiner Verhaftung hat Ihr Mann auf Twitter geschrieben: «Maduro, du hast nicht den Mut, mich festnehmen zu lassen.» Hat er damit gerechnet, dass man ihm den Prozess machen würde?

Den Satz schrieb er, nachdem ihm Maduro während eines Jahres öffentlich immer wieder die Verhaftung angedroht hatte. Mit diesem Damoklesschwert über dem Kopf zu leben, wünsche ich niemandem, schon gar nicht einer Familie. Im Moment seiner Festnahme hatte Leopoldo eine Vision entwickelt, um die katastrophale Lage in Venezuela zu bekämpfen, um Inflation, Versorgungsengpässe, die überbordende Kriminalität einzudämmen. Ausserdem forderte er Maduros Rücktritt, was in Venezuela Anfang Jahr zu einem Aufstand führte. Das ganze Land erhob sich und protestierte friedlich, weil Leopoldo und andere Oppositionsführer dazu aufgerufen hatten. Dass eine antidemokratische Regierung wie jene Maduros mit Repression reagieren würde, damit war leider zu rechnen. Leopoldo sagt immer, er repräsentiere im Gefängnis Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner, die keine Stimme hätten und sich nach Gerechtigkeit sehnten.

Ihr Mann wird nicht nur in regierungstreuen venezolanischen, sondern auch in internationalen Medien oft als konservativ oder rechtsstehend bezeichnet. Trifft das aus Ihrer Sicht zu?

Nein, absolut nicht. Leopoldo steht politisch Mitte-links, und unser Lebensstil, unsere Weltanschauung, unsere Art zu denken, sind alles andere als konservativ.

Bei den Demonstrationen haben Oppositionelle Gewalttaten begangen und Strassensperren errichtet. Wo hört für Sie der friedliche, legitime Protest auf?

Leopoldo lehnt Gewalt und Repression ab. Die Schuld an der Gewalt, die auf Venezuelas Strassen während Monaten herrschte, trägt allein die Regierung. Noch nie ist ein Regime derart repressiv gegen friedliche Kundgebungen vorgegangen. Sie sind es, die Waffen besitzen, nicht wir.

Die brennenden Strassenblockaden, die man in Venezuela «guarimbas» nennt, haben Demonstranten errichtet.

Guarimbas lehne ich persönlich ab. Aber sie sind Ausdruck des Protests und eine Folge davon, dass die Bevölkerung endgültig genug hat von diesem Regime und dieser ganzen Misere. Ich stehe auf der Seite des Volkes, und wenn das Volk eine Strasse sperren will, um seine Unzufriedenheit zu manifestieren, stehe ich noch immer auf seiner Seite.

Die Studentendemonstrationen haben allerdings weitgehend aufgehört. Enttäuscht Sie das?

Nein. Die Kundgebungen haben wegen staatlicher Repression und willkürlicher Gewaltanwendung der Polizei aufgehört und nicht, weil sich die Lage verbessert hätte. Die Unzufriedenheit ist nach wie vor enorm.

Aber die von Ihrem Mann unterstützte oppositionelle Strategie, Maduro durch Demonstrationen zum Rücktritt zu zwingen, ist gescheitert.

Sie ist so lange nicht gescheitert, wie der millionenfache Wille besteht, Venezuela friedlich und nach verfassungsrechtlichen Prinzipien zum Bessern zu verändern. Und dieser Wille ist nicht schwächer, sondern stärker geworden. Venezuelas Regierung ist korrupt, undemokratisch, ungerecht. Sie missachtet die Gewaltentrennung und hat sich als unfähig erwiesen, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Gescheitert sind dieses System und diese Regierung.

Man hört und liest häufig, der ehemalige Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles und Leopoldo López würden um die Position als Oppositionsführer rivalisieren.

Das ist falsch. Sie sind seit langem Kampfgefährten, sie sind im gleichen Alter, sie haben dieselbe Vision eines neuen, gerechten, friedlichen Venezuela.

Capriles hat die von López unterstützte Strategie, Maduro durch Demonstrationen zum Rücktritt zu zwingen, abgelehnt und stattdessen dafür plädiert, die Regierung an der Urne zu bezwingen.

Für Henrique Capriles kann ich nicht sprechen, da müssen Sie ihn selber fragen. Aber ich versichere Ihnen, die beiden sind Brüder im Kampf und im Geiste.

Sie bezeichnen Venezuela als Diktatur. Sie können jedoch oppositionellen und ausländischen Medien Interviews geben und ins Ausland reisen, um die Regierung zu kritisieren. Heute hat ein von der Opposition organisierter Kongress unzufriedener Bürger stattgefunden. Ist das nicht widersprüchlich?

Venezuela ist eine Diktatur, aber es ist eine Diktatur im Jahre 2014. Hier werden Oppositionelle verfolgt, beschattet und bespitzelt. Das Gespräch, das wir gerade führen, wird ohne Zweifel aufgezeichnet. Militärpolizisten haben Studenten erschossen, Oppositionelle werden verhaftet, es ist zu mehreren dokumentierten Folterungen gekommen. Mehrere oppositionelle Medien hat die Regierung geschlossen, zum Beispiel den Fernsehsender RCTV. Andere wie den Sender Globovisión hat sie gekauft, worauf Journalisten wegen ihrer politischen Einstellung entlassen wurden. Was muss noch geschehen, bevor man von einer Diktatur sprechen kann?

Die Regierung wirft Ihrem Mann, aber auch anderen Oppositionsführern wie Henrique Capriles oder María Corina Machado vor, sich 2002 am Putsch gegen Hugo Chávez beteiligt zu haben. Die Regierung sagt: Damals ist der Putsch gescheitert, nun versuchen sie es erneut. War der versuchte Staatsstreich im April 2002 aus heutiger Sicht ein Fehler?

Leopoldo glaubt nicht an Staatsstreiche, sondern an Verfassung und Demokratie, und dasselbe gilt für María Corina Machado.

Beide haben aber damals das Dekret Carmona unterschrieben, welches das Parlament und das oberste Gericht auflösen und dem Übergangspräsidenten Carmona diktatorische Vollmachten zusprechen wollte.

Das war, bevor ich Leopoldo López kennenlernte. Davon weiss ich nichts.

Das Interview wurde telefonisch geführt.

Erstellt: 15.08.2014, 10:13 Uhr

Zur Person

*Lilian Tintori (1978) ist Erzieherin, Spitzensportlerin und seit der Verhaftung ihres Mannes Aktivistin innerhalb der venezolanischen Opposition. Die zweifache Mutter lebt in Caracas.

Bildstrecke

Verhärtete Fronten in Venezuela

Verhärtete Fronten in Venezuela In Venezuela stehen sich Regierung und Opposition unvereinbar gegenüber.

Artikel zum Thema

Einsame Stimme, langer Atem

Porträt Lilian Tintori, die Frau des verhafteten venezolanischen Oppositionellen Leopoldo López, fordert Gerechtigkeit. Mehr...

«Der Chavismus hat eine gewaltige historische Leistung vollbracht»

Der Schweizer Ex-Botschafter in Caracas, Walter Suter, und TA-Korrespondent Sandro Benini streiten sich über Chávez, die venezolanische Opposition und die Demonstrationen gegen die Regierung. Mehr...

Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts ist gescheitert

Analyse Ein Jahr nach dem Tod von Hugo Chávez steht Venezuela vor einem Umbruch. Die Massenproteste dauern an und gefährden die Macht von Präsident Maduro. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Power und Passion in Ihrer Tasse

Von Venedig bis Palermo ist Kaffee mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Kunst. Mit der Kollektion «Ispirazione Italiana» bringt Nespresso ein Stück Italien in Ihr Ritual.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...