So gefährlich ist rechtsextremer Terror in den USA

Trump verharmlost die Bedrohung, die von Rechtsradikalen ausgeht. Sie sind für einen Grossteil der Anschläge in Amerika verantwortlich.

Einheimischer Terroranschlag: Ein Neonazi fährt mit seinem Auto absichtlich in eine Gruppe von Gegendemonstranten in Charlottesville.

Einheimischer Terroranschlag: Ein Neonazi fährt mit seinem Auto absichtlich in eine Gruppe von Gegendemonstranten in Charlottesville. Bild: Keystone

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Es gebe «Verschulden auf beiden Seiten», sagte US-Präsident Donald Trump gestern über die Ausschreitungen in Charlottesville und relativierte damit seine Verurteilung von Rassisten und Neonazis vom Montag. Zudem nahm er einige der rechtsradikalen Demonstranten in Schutz. Unter ihnen seien längst nicht nur Gewalttätige gewesen, sondern auch Unschuldige, die friedlich gegen den Abriss der Statue des Südstaatengenerals Robert E. Lee hätten protestieren wollen.

Was Trump vergessen zu haben schien: Am Vorabend zogen die Demonstranten mit Hitlergruss, antisemitischen Gesängen und «Heil Trump»-Rufen über den Campus der Universität von Virginia. Diesen offen gezeigten Rassismus unterschlug der US-Präsident. Und, vielleicht noch weitreichender: Mit seinen Aussagen verharmloste er die Gefahr, die von Ultrarechten in den USA ausgeht.

Der Mann, der in Charlottesville mit seinem Auto absichtlich in eine Gruppe von Gegendemonstranten fuhr, dabei eine 32-Jährige tötete und 19 Menschen verletzte, ist nachgewiesenermassen ein überzeugter Neonazi. US-Medien stufen die Tat als heimischen Terrorismus ein. Und dieser sogenannte «domestic» oder «homegrown terrorism» wird mit Abstand am häufigsten von Rechtsradikalen verübt, wie verschiedene Erhebungen zeigen.

Zwischen 2008 und 2016 identifizierte das Center for Investigative Reporting 115 Fälle von rechtsextremem Terror in den USA. Dazu zählt die gemeinnützige Organisation rechte Bürgerwehren, weisse Nationalisten, Extremisten und radikale Christen, die gegen die Regierung, Muslime, Migranten und Abtreibungen sind (Link: So erhebt das Center for Investigative Reporting seine Daten). Personen, die unter diese Kategorien fallen, verübten in den besagten neun Jahren fünfmal so viele Anschläge wie solche, die als islamistisch oder linksextrem eingestuft wurden.

75 rechte Terrorattacken wurden durchgeführt, nur gut ein Drittel aller Fälle konnten vereitelt werden. Bei denjenigen von islamistischer Seite waren es mehr als drei Viertel. Das dürfte in erster Linie mit dem Fokus der US-Regierung auf islamistischen Terror zu tun haben. In 48 Prozent der erhobenen Fälle liefen verdeckte Ermittlung. Bei Verdacht auf rechtsextreme Anschläge führten die Behörden jedoch nur in 12 Prozent der Fälle Undercovereinsätze durch.

Wie stark auf die Gefahr muslimischer Täter fokussiert wird, zeigen auch die Zahlen der Gerichtsprozesse. In 84 Prozent der islamistischen Fälle wurden die vermeintlichen Täter wegen Terrorismus angeklagt. Von den rechtsradikalen Fällen wurden gerade einmal 9 Prozent als eigentlicher Terrorakt eingestuft.

Rechtsextreme Gewalt wird also als weniger gefährlich eingestuft, und die Behörden setzen weit weniger investigative Ressourcen wie Analysten, bezahlte Informanten und Undercoveragenten ein, um solche Attacken zu unterbinden. Dabei endet rechter Terror häufiger tödlich. Fast ein Drittel der 75 durchgeführten Anschläge in der untersuchten Periode forderte Opfer. Bei islamistischen Taten waren es 13 Prozent.

Trump aber bezeichnet «radikalislamischen Terror» immer wieder als grösste Gefahr für sein Land. Seit er sein Amt angetreten hat, wurde eine Person von einem Jihadisten getötet. In Denver erschoss ein 37-jähriger Weisser, der zum Islam konvertiert war, einen Wachmann. Rechtsradikale hingegen brachten drei Menschen um. Mit dem Vorfall in Charlottesville sind es schon vier.

Bei etwa 87 Prozent aller Anschläge in den USA handelt es sich um «homegrown terrorism». Sie werden also von US-Bürgern oder ständigen Einwohnern verübt. Ein Grossteil von ihnen sind Rechtsextreme. Doch die US-Regierung verkennt den Ernst der Lage und verharmlost die Gefahr, die von ihnen ausgeht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.08.2017, 20:17 Uhr

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