Späte Einsicht eines Superreichen

Der Milliardär David Rockefeller will keine Ölaktien mehr besitzen.

Unangefochtener Patriarch: David Rockefeller, hier bei einem Anlass des Museum of Modern Art Anfang Juni 2015 in New York City. Foto: Paul Zimmerman (WireImage)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist der älteste Milliardär der Welt – Erdöl ist die Quelle seines Reichtums. Er ist ein langjähriger Förderer der Republikanischen Partei – und will nicht mehr in Kohle, Schiefersand oder Bohrtürme investieren. Gerade hat die von David Rockefeller Sr. vor 50 Jahren mitgegründete Rockefeller-Familienstiftung angekündigt, dass sie alle Beteiligungen an Unternehmen, die klimaschädigende Rohstoffe fördern, abstösst.

Besonders scharf kritisieren die Rockefellers dabei Exxon Mobil, die grösste Erdölfirma der Welt – ein Unternehmen, das John Rockefeller Sr. 1870 als Standard Oil gründete und damit das Fundament für den legendären Familienreichtum legte. Exxon habe «die Öffentlichkeit in die Irre geführt» in der Diskussion um den Klimawandel, hiess es in einer Erklärung der Familienstiftung. Forscher haben in den letzten Jahren Beweise gefunden, dass Exxon schon Anfang der 80er- ­­Jahre von den katastrophalen Auswirkungen der Klimagase wusste – diesen Zusammenhang aber leugnete und Untersuchungen bezahlte, die gegen den Klimawandel agitierten.

Exxon-Sprecher reden von einer «Verschwörung» der Gründerfamilie gegen den Konzern. Sie hätten «fehlerhafte und absichtlich irreführende Berichte» über Exxon finanziert. In Wahrheit ermitteln Staatsanwälte in New York und Kalifornien, ob Exxon die Öffentlichkeit wissentlich getäuscht hat. Das könnte zu Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe führen – wie schon bei Tabakkonzernen, die den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs leugneten.

Pikant an der Ankündigung der Rockefellers ist nicht nur, dass die Gründerfamilie ihr eigenes Unternehmen verwünscht, sondern auch, dass die Rockefellers alles andere als Wirtschaftsfeinde sind. David Rockefeller zählt zu den Säulen des amerikanischen Establishments – obwohl er nie ein politisches Amt hatte. Sein Bruder Nelson, der es bis zum US-Vizepräsidenten unter Gerald Ford brachte, war viel ehrgeiziger. Doch David pflegte in den 70er- und 80er-Jahren die besseren Kontakte weltweit, da er sich für eine Internationalisierung der Politik einsetzte.

David machte Karriere als Bankier, wurde Vorsitzender der Chase Manhattan Bank – und löste mit Henry Kissinger die Iran-Geiselkrise aus. Rockefeller war mit dem Schah von Persien befreundet und drängte US-Präsident Jimmy Carter, den Schah zu einer medizinischen Behandlung in die USA zu holen. Darauf stürmten revolutionäre Studenten die US-Botschaft in Teheran. David herrscht seit Jahrzehnten als unangefochtener Patriarch über den Clan. Dass er im Juni 101 Jahre alt werden könnte, ist nicht nur der legendären Lebenslust zu verdanken: Zweimal wurden seine Nieren ausgetauscht. Und letztes Jahr, vor seinem 100. Geburtstag, liess er sich zum sechsten Mal ein neues Herz einsetzen. Keine Krankenkasse protestierte, dass die Operation in diesem Alter nicht mehr sinnvoll sei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2016, 22:49 Uhr

Artikel zum Thema

Die Rockefellers denken um

John D. Rockefeller wurde im 19. Jahrhundert dank dem Ölgeschäft zum reichsten Mann der Welt. Jetzt schlägt die Familienstiftung einen neuen Weg ein. Mehr...

Öl: Antizyklisch auf Preiswende positionieren

Der Ölpreis ist tief, doch bei einer Trendwende profitiert man von heute günstigen Royal Dutch und Exxon Mobil. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

«Erotik und nichts anderes»

Aus Umfragen ergibt sich einstimmig: Immer mehr Frauen wollen eine spontane, erotische Erfahrung mit einem Fremden erleben.

Kommentare

Blogs

Welttheater Big Ben verstummt
Blog Mag Das Auto, dein Partner
Mamablog Kinder beschimpfen

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Installationskünstler: Präsentation des Werks «Der Baum, der blinzelte» vom britischen Künstler Karel Bata in einem Nachtfestival in Singapur. Das Lichtspektakel findet vom 18. bis 26. August 2017 statt (16. August 2017).
(Bild: Wallace Woon) Mehr...