Strauss-Kahn warf seiner Frau eine Kusshand zu

Dominique Strauss-Kahn verlässt das Gefängnis unter strengen Auflagen. Zuvor wurde er in sechs Punkten formell angeklagt, was der Richter detailliert begründet hat. Weiter ist bekannt, welche Haftstrafe ihm droht.

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Dominique Strauss-Kahn erschien zum Gerichtstermin in einem grauen Anzug und einem offenen, blauen Hemd. Als er den Gerichtssaal betrat, drehte er sich kurz um, um seiner Frau und Tochter zuzulächeln, die auf der Empore Platz genommen hatten. Vor dem Gerichtssaal drängten sich die Reporter. Einem Gerichtssprecher zufolge war es der grösste Medienauflauf in einem Gericht seit 1980, als Mark David Chapman nach der Ermordung von John Lennon festgenommen worden war.

Strauss-Kahn kommt zwar unter harten Bedingungen aus der Haft frei, jedoch akzeptiert die Grand Jury in New York alle von der Staatsanwaltschaft genannten Vorwürfe gegen den 62-Jährigen. Strauss-Kahn werden damit sechs Straftaten zur Last gelegt. Weil er bei der schwersten – «sexuelle Belästigung in einem besonders schweren Fall» – gleich zweimal angeklagt ist, sieht er sich sieben Punkten gegenüber.

Strauss-Kahn erklärte gestern seinen Rücktritt als IWF-Chef. Der Währungsfonds verbreitete eine entsprechende persönliche Erklärung von Strauss-Kahn in Washington. Darin bestreitet er weiter entschieden alle Vorwürfe gegen ihn.

Kusshand zugeworfen

Das Gericht stimmte seiner Freilassung gegen harte Auflagen zu. Die von seinen Anwälten angebotene Eine-Million-Dollar-Kaution in bar ist nur ein Teil eines ganzen Pakets, mit dem seine Flucht nach Frankreich verhindert werden soll.

Dem 62-Jährigen, der unter dem Verdacht der versuchten Vergewaltigung steht, war die Erleichterung deutlich anzusehen. Er warf seiner Frau, der Journalistin Anne Sinclair, eine Kusshand zu. Während der Anhörung äusserte sich Strauss-Kahn nicht. Sein Anwalt sagte aber, sein Gemütszustand sei jetzt schon sehr viel besser als zu Beginn.

«Wir gehen davon aus, dass er heute freigelassen wird», erklärte William Taylor. Das Gericht ordnete ein umfassendes Paket an Auflagen an. Strauss-Kahn wird unter Hausarrest in einer Wohnung in Manhattan stehen. Nach Angaben seiner Anwälte handelt es sich um ein von Sinclair angemietetes Appartement in Manhattan.

Hohe Bürgschaft und Hausarrest

Der Franzose kann seine Zelle auf der Gefängnisinsel Rikers erst verlassen, wenn die Million da ist. Zudem muss Strauss-Kahn aber noch fünf Millionen Dollar bereithalten, die er jedoch in Form von Bankbürgschaften hinterlegen kann. Er darf New York nicht verlassen. Eine Sicherheitsfirma wird damit beauftragt, jeden Schritt Strauss-Kahns zu überwachen. Die bewaffneten Sicherheitsleute sollen über jeden Besuch und jede Bewegung Protokoll führen.

Alle Reisedokumente – Strauss-Kahn hat zwei Reisepässe – werden einbehalten. Selbst die Wohnung wird mit Videokameras ausgerüstet. Der Richter machte deutlich, dass der Politiker beim geringsten Verstoss wieder ins Gefängnis gehe.

Die Staatsanwaltschaft erklärte, die Beweise gegen ihn seien erheblich. Mit jedem Tag der Ermittlungen kämen neue hinzu. Man habe es mit einem Mann zu tun, der gemessen an seinem Betragen in diesem Fall zu kriminellen Impulshandlungen neige. Mittlerweile wurde offiziell Anklage gegen Strauss-Kahn erhoben, aber noch kein Prozesstermin festgelegt.

Zweimal 25 Jahre Haft

Laut Anklageschrift soll Strauss-Kahn am Samstag die Tür seines Hotelzimmers zugeschlagen haben, als ein Zimmermädchen zum Aufräumen eingetreten war. «Er griff dem Opfer ohne Einwilligung an die Brust, versuchte, die Strumpfhose herunterzuziehen und griff ihm in den Schritt. Sein Penis hatte gewaltsam zweimal Kontakt mit dem Mund des Opfers.»

Wegen dieses zweimaligen Kontakts wirft die Staatsanwaltschaft dem 62-Jährigen die doppelte «sexuelle Belästigung ersten Grades» vor. Dafür allein drohen jeweils 25 Jahre Haft. Hinzu kommt «versuchte Vergewaltigung ersten Grades», dafür könnten 15 Jahre verhängt werden.

«Sexueller Missbrauch» steht zweimal in der Anklage, das wird ersten Grades mit sieben Jahren, dritten Grades mit drei Monaten Haft geahndet. Die Schliessung der Tür, um die Frau am Weglaufen zu hindern, wird zudem als Freiheitsberaubung gewertet. Dafür droht Strauss-Kahn ein Jahr Gefängnis, ebenso wie für «unsittliches Berühren», der sechste Anklagepunkt.

Suche nach Nachfolger könnte lange dauern

Unter den Mitgliedsstaaten des IWF ging nach Strauss-Kahns Rücktritt sogleich die Debatte um die Nachfolge los. Die Europäer, die dem IWF die grössten Beiträge zahlen, pochen dabei auf einen Nachfolger aus ihren Reihen.

Aber auch die Schwellenländer – allen voran China und Brasilien – drängen auf einen Nachfolger aus ihren Ländern. Der IWF-Chef müsse aufgrund seiner Leistungen ausgesucht werden und nicht weil er Europäer sei, sagte der brasilianische Finanzminister Guido Mantega. Ganz ähnlich argumentierte die Sprecherin des chinesischen Aussenministeriums, Jiang Yu. Die Leitung «sollte auf Fairness, Transparenz und Leistung beruhen».

Der geschäftsführende IWF-Direktor John Lipsky dämpfte inzwischen Hoffnungen auf eine rasche Nachfolgeregelung. In der Vergangenheit sei das Auswahlverfahren eine Sache von mehreren Monaten gewesen, sagte er in Washington. Möglicherweise stehe der Nachfolger auch nicht umgehend zur Verfügung. (rub, jak, bru/sda)

Erstellt: 20.05.2011, 06:40 Uhr

Der wegen versuchter Vergewaltigung angeklagte frührer IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn kommt gegen Kaution frei. Am Freitag soll er entlassen werden. (Video: Reuters )

Dominique Strauss-Kahn darf das Gefängnis unter Auflagen verlassen. (Video: Reuters )

Interimsdirektor John Lipsky: Suche nach neuem IWF-Chef könnte Monate dauern. (Video: Reuters)

Neue Verhaltensregeln beim IWF

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat am Donnerstag neue Verhaltensregeln für seine Mitarbeiter veröffentlicht, die unter anderem intime Beziehungen zwischen IWF-Angestellten und den Umgang mit Fällen sexueller Belästigung regeln. Der neue Kodex sei bereits am 6. Mai nach zwei Jahre langen Beratungen beschlossen worden, teilte der IWF mit. Unklar blieb zunächst, warum die Regeln erst am Donnerstag veröffentlicht wurden – an dem Tag, an dem IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn erst von seinem Amt zurücktrat und später formell wegen der Vorwürfe zu erzwungenem Sex mit einer Hotelangestellten angeklagt wurde. Strauss-Kahn war 2008 nach einer Affäre mit einer Mitarbeiterin beschuldigt worden, seine Machtposition als IWF-Chef missbraucht zu haben. Der Währungsfonds sprach ihn nach einer externen Untersuchung aber von dem Vorwurf frei, Druck auf die Frau ausgeübt zu haben. Die neuen Verhaltensregeln halten unter anderem fest, dass eine «enge persönliche Beziehung» etwa zwischen einem Vorgesetzten und einer Mitarbeiterin einen «potenziellen Konflikt» darstellt und in der Regel zu einer Versetzung eines der Beteiligten führen muss. Das neue Regelwerk verstärkt zudem die Massnahmen gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. (dapd)

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