Totalversagen in den «schlimmsten zwei Minuten im TV»

Trump stellte den Kandidaten, der musste ins Hearing – und das wurde zum Fiasko. Was der Fall von Matthew Petersen über die zerstrittenen Lager in Washington aussagt.

Prozesserfahrung? Keine. Lektüre von grundlegenden Gesetzestexten? Ähm, vielleicht einmal während des Studiums: Die Befragung von Matthew Petersen wurde zum Debakel.
Video: Tamedia-Webvideo/Agentur

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Das Phänomen des «Fremdschämens» wütet bei der Betrachtung des Videos mit der Heftigkeit eines Wirbelsturms: Matthew Petersen, den US-Präsident Donald Trump als Bundesrichter vorgeschlagen hatte, musste sich vergangene Woche im Senat Fragen zu seiner Erfahrung und zu seinen juristischen Kenntnissen stellen. Worauf immer ihn der republikanische Senator John Neely Kennedy anspricht, kommt schlicht: nichts.

Prozesserfahrung? Keine. Lektüre von grundlegenden Gesetzestexten? Ähm, vielleicht einmal während des Studiums. Kenntnisse von juristischen Verfahrensweisen und Eingaben? Fehlanzeige, all dies gehöre nicht zu seinem beruflichen Alltag als Mitglied der Bundeskommission zur Wahlkampffinanzierung. Petersen zieht während der Befragung seinen zusammengekniffenen Mund schräg nach hinten, hebt die Augenbrauen, legt die Stirn in Falten. Er versucht, das Unrettbare zu retten, indem er sagt: «Ich sehe die Herausforderung, die ich bestehen müsste, wenn ich das Glück hätte, Bundesrichter zu werden.»

Nach der Befragung geschieht, was heutzutage in solchen Fällen unvermeidlich ist: Das Video «geht viral», das heisst, es wird im Internet tausendfach angeschaut und kommentiert. Die Blamage des amerikanischen Juristen provoziert weltweit Gelächter und Häme. Der sich unter den prasselnden Fragen windende, in seiner ganzen Ignoranz demaskierte Petersen befriedigt neben dem gruseligen Lustreiz des Fremdschämens auch andere gemeine kleine Alltagsbedürfnisse: Schadenfreude gegenüber jemandem, der sich eigentlich eine ansehnliche berufliche und gesellschaftliche Position erworben hat und dann in einem entscheidenden Moment spektakulär versagt. Trost, weil man in Prüfungssituationen auch schon gerne besser abgeschnitten hätte, aber immer noch tausendmal kompetenter wirkte als dieser Rundum-Loser.

Unter dem Hashtag #MatthewSpencerPetersen liest man auf Twitter Einträge wie diese:

  • Was für ein Idiot! Wen hat er bestochen, oder wem hat er eins geblasen, um in seinem Leben überhaupt so weit zu kommen?
  • Hat offensichtlich nicht einmal «Jus für Dummies» gelesen.
  • Das ist das qualvollste Job-Interview aller Zeiten. Aber nur, weil Donald Trump nicht auf dieselbe Weise befragt wurde, um seine Stelle zu erhalten.
  • Der sollte lieber als Grüssaugust bei der Warenhauskette Walmart arbeiten, falls er das schafft.

Angesichts dieses Shitstorms – ein weiteres Schlüsselwort des Internetzeitalters – zog Petersen seine Kandidatur zurück. In einem Brief an Trump schrieb er, politische Realitäten akzeptieren zu können, wie sie sind. Er wünsche keinesfalls, zur «ständigen Ablenkung» für die Trump-Administration zu werden, und fügte hinzu: «Ich hatte gehofft, meine nahezu zwei Jahrzehnte im öffentlichen Dienst hätten mehr Gewicht als meine schlimmsten zwei Minuten im Fernsehen.»

Von Trump-Gegnern inszeniert?

Ein Sprecher des Weissen Hauses behauptete, die öffentliche Demontage Petersens sei das Werk notorischer Trump-Gegner, die angeblich von den Erfolgen des Präsidenten bei der Ernennung von Richtern ablenken wollen. Allerdings ist Senator John Kennedy aus Louisiana, der den Möchtegern-Bundesrichter ins Kreuzverhör nahm, ein Republikaner. Während des Wahlkampfs hatte er Trump unterstützt. Ausserdem lobte der Regierungssprecher Petersen für seine Arbeit als Mitglied der Wahlkampffinanzierungskommission.

Doch selbst wenn das Interview nicht unbedingt etwas über Petersens Leistung in seiner gegenwärtigen beruflichen Stellung aussagt, bleibt die Frage: Warum um Himmels willen hat er sich auf sein «lifetime appointment» (CNN) vor dem Senat offensichtlich keine Sekunde vorbereitet?

Ideologie vor Kompetenz

Bei den Kritikern des US-Präsidenten provoziert der blamable Auftritt des Juristen noch andere, wichtigere Fragen und Bedenken. Sie betrachten die Nominierung eines offensichtlich ungeeigneten Anwärters wie Petersen als Symptom dafür, dass für Trump die ideologische Einstellung alles und die berufliche Kompetenz nichts zählt. Sie weisen darauf hin, dass Trump trotz des Totalversagens seines Kandidaten bei der Ernennung von Richtern durchaus erfolgreich ist. Sie betonen, dass er dabei mit einer nie gesehenen Geschwindigkeit vorgeht und damit die amerikanische Justiz in all ihren Facetten für Jahrzehnte prägen wird. Denn die meisten von Trump Berufenen sind relativ jung, und sie dürfen ihren Beruf bis zum Lebensende ausüben.

Von den 58 Richtern, welche die Trump-Administration bisher an nationale und regionale Gerichte berufen hat, sind 53 weiss und 47 männlich. Und sie vertreten Trumps Weltsicht. Dass Richter auch nach politischen Kriterien ernannt werden, ist zwar nichts Neues. Die Einseitigkeit und Radikalität, die Trump bei den Ernennungen pflegt, ist aber laut Kritikern aussergewöhnlich und in einem von Spannungen zwischen den Rassen geprägten Land wie den USA allein schon aus ethnischen Gründen äusserst gefährlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 13:12 Uhr

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