Totempfahl gegen Dreck-Energie

Kohle- und Erdölprojekte bedrohen ihre Heimat: Aus Protest ziehen Indianer durch Nordamerika. Ein 8000 Kilometer langer Demonstrationsmarsch.

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Das Symbol ihres Protests ist ein fast sieben Meter langer Totempfahl. Die Ureinwohner vom Stamm der Lummi ziehen die bunt bemalte Skulptur auf einem Tieflader fast 8000 Kilometer weit durch Kanada und die USA. Ihr Ziel: Sie werben um Unterstützung für ihren Kampf gegen Kohle- und Erdölprojekte, die ihre Heimat bedrohen.

Geschlossene Front aller Stämme

Es ist bereits das vierte Jahr, in dem die Lummi-Indianer aus dem Nordwesten des US-Staats Washington ihre «Totem-Reise» antreten. Sie bemühen sich damit um eine geschlossene Front aller Stämme in Nordamerika, die sich bislang noch als Einzelkämpfer gegen Kohleterminals und Erdölpipelines in ihren jeweiligen Reservaten wehren.

Die vielbeachtete Tour sei typisch für das verstärkte Bemühen der Ureinwohner, Aufmerksamkeit auf ihren Umweltaktivismus zu lenken, sagt der auf indigene Völker und Umweltgerechtigkeit spezialisierte Umweltforscher Robin Saha von der University of Montana. «Stämme bekommen die Auswirkungen des Klimawandels ziemlich dramatisch zu spüren und reagieren darauf auf sehr unterschiedliche Weise», erklärt er. «Einige von ihnen fürchten um ihr Überleben.»

Widerstand gegen Ölpipeline

In North Dakota etwa machten Mitglieder von 60 Stämmen und Unterstützer aus dem ganzen Land international Schlagzeilen mit ihrem gemeinsamen Widerstand gegen eine Ölpipeline. Deren Standort in der Nähe des Sioux-Reservats Standing Rock ist in der kommenden Woche einer der Stopps der Totem-Tour.

Im Pazifischen Nordwesten wehren sich Stämme mit Protestaktionen und vor Gericht gegen Erdöl- und Kohleunternehmen, die sich zunehmend an Häfen der Westküste breitmachen. Von dort wollen sie Kunden im energiehungrigen Asien beliefern. An der Küste von Oregon und Washington sollen dafür sieben Exportterminals umgewandelt, erweitert oder neu gebaut werden. Das hat bereits zu einer Zunahme des Frachtzug-Verkehrs in der malerischen Schlucht des Columbia River geführt, wo Lachsgründe örtlicher Stämme liegen.

Erfolgreiche PR-Kampagne gegen Kohleexport

Nach der Entgleisung eines Ölzugs in der Ortschaft Mosier im Juni schlossen sich mehrere Stämme zu einer Koalition zusammen. Ein Grossteil des Öls brannte beim anschliessenden Grossfeuer ab, doch kleine Mengen gelangten in den Columbia River. Die Ureinwohner verfügen dort über von Washington garantierte Fangrechte. «Wir versuchen, alle mit einer Stimme zu sprechen, damit wir besser gehört werden», sagt Lummi-Mitglied Jewell James.

Sein Volk startete im vergangenen Jahr eine clevere PR-Kampagne gegen ein geplantes riesiges Kohleexport-Terminal im Herzen seines Stammlands bei Cherry Point in Washington. Das Ingenieurcorps der US-Armee verweigerte dem Terminal Gateway Pacific schliesslich die Genehmigung und erklärte, das Projekt habe die Fischfangrechte von Stämmen verletzt.

Um die Chance auf solche Erfolge zu erhöhen, schickten die Lummi am Dienstag in Vancouver erneut ihren Totempfahl auf eine 19-tägige Reise. Am Freitag stoppte die 1,3 Tonnen schwere Skulptur aus Zedernholz in Longview in Washington, wo ebenfalls ein Exportterminal für jährlich 44 Millionen Tonnen Kohle für den asiatischen Markt geplant ist. Nachdem das Gateway-Pacific-Projekt auf Eis liegt, wäre das in Longview geplante Terminal jetzt das landesweit grösste für den Kohleexport.

Täglich 16 zusätzliche Kohlezüge

Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Columbia Riverkeeper würden im Fall eines Terminal-Baus täglich 16 zusätzliche Kohlezüge verkehren, die meisten davon aus Bergwerken in Montana und Wyoming. Auf dem unteren Teil des Columbia-Flusses würden weitere 1600 Hin- und Herfahrten von Schiffen anfallen, wie Cheforganisatorin Jasmine Zimmer-Stucky sagt. Es sei zu befürchten, dass dies die Lachsbestände gefährde.

Die Planer des Terminals weisen die Umweltbedenken als unbegründet zurück. Vielmehr werde die Anlage auf dem Gelände einer alten Aluminiumhütte Hunderte von dringend benötigten Jobs schaffen und daher auch von Gewerkschaften unterstützt, sagt der Präsident von Millennium Bulk Terminals, Bill Chapman. «Wir bauen an einem Standort, an dem es seit mehr als 70 Jahren Industrie gibt», erklärt er. «Unser Exportterminal befindet sich an einem Abschnitt des Columbia River, der übersät ist mit Produktionsanlagen und Docks.»

Wolf und ein Bär als Symbole von Stärke und Mut

Die Ureinwohner dürfte das Argument kaum überzeugen. Die Umwelt leide unter den «unsicheren Methoden des Kohlebergbaus und des Energietransports», sagt Lummi-Mitglied Randy Peters bei einer Segnungszeremonie für den Totempfahl in Seattle. Die diesjährige Skulptur zieren ein Wolf und ein Bär als Symbole von Stärke und Mut, wie James erklärt, der den Pfahl geschnitzt hat. Auf der Spitze sitzt ein Holzadler mit einer Flügelspannweite von dreieinhalb Metern.

Bis zu ihrem Ziel im kanadischen Winnipeg, wo Ureinwohner sich gegen mehrere Ölpipelines zur Wehr setzen, werden die Lummi bei Stämmen in Oregon, Montana, Idaho, North Dakota, South Dakota und Kanada zu Gast sein. «Heiligtümern kann man kein Preisschild umhängen. Unser Land und unser Wasser sind heilig», sagt Reuben George vom Stamm der Tsleil-Waututh aus Vancouver, der ebenfalls gegen eine Grosspipeline kämpft. «Dieses Totem symbolisiert unsere Gesetze, unsere Kultur und unsere Spiritualität.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2016, 17:00 Uhr

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