Totgesagte fahren länger

Nicht immer fruchtet der erhobene Zeigefinger von Vordenkern, die dem gemeinen Volk einen neuen Zeitgeist verabreichen wollen. Zum Beispiel in den USA, wo die Zahl der übergrossen Autos stark gestiegen ist.

Lieber weniger sparsam, dafür Platz für dutzende von Cola-Trinkbechern: Der Dodge Ram.

Lieber weniger sparsam, dafür Platz für dutzende von Cola-Trinkbechern: Der Dodge Ram. Bild: Keystone

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Die mentale Abkopplung des Plebejers von den Meinungsmachern und Parolen-Erfindern kann erfrischend sein, auch wenn sie mitunter in eine intellektuelle Sackgasse mündet und die Vordenker zur Kritik der reinen Unvernunft animiert.

«Neuanfang»

So jedenfalls verhält es sich mit Autos und Amerikanern: Seit Jahren wird dem Populus gepredigt, auf ausladende Ungetüme wie riesige Sport-Utility-Vehikel (SUV) zu verzichten und stattdessen durch den Ankauf eines Kleinwagens oder gar ElektroAutos den inneren Umweltschützer zu finden und fördern. Die Belehrten aber schert die Mahnung einen Dreck: Sie transportieren Kind und Kegel munter weiter in drei Tonnen schweren Quasi-Lastwagen, deren Innenräume den Vergleich mit einem Wohnzimmer nicht zu scheuen brauchen. Längst sind diese Jumbos des Asphalts zu Waffen eines Rüstungswettlaufs geworden, bei dem die Überlebenschancen im Strassenverkehr vor allem von Gewicht und Grösse des fahrbaren Untersatzes abhängen.

Präsident Barack Obama mag den «Neuanfang» einer US-Autoindustrie beschwören, die «uns mit ihren kraftstoffeffizienten Autos und Trucks in eine energieunabhängige Zukunft befördert». Im letzten Jahr verzeichneten nicht die «kraftstoffeffizienten» Autos die höchsten Zulassungszahlen, sondern SUV und insgesamt grössere Autos, derweil Sardinenbüchsen und Spritsparer weniger beliebt waren.

«Erfindung für den Planeten»

Im Reich des automobilistischen Exzesses regierte wie gehabt der Exzess, kaum dass die Wirtschaft ein wenig aus der Talsohle geklettert ist. Nicht nur stiegen die Anmeldungen für mittelgrosse SUV um satte 41 Prozent; der Verkauf des Toyota Prius, ein Inbegriff umweltschonenden, weil elektro-hybriden Gleitens, sackte um mehr als anderthalb Prozent ab.

Dass Nissan sein Elektro-Auto namens Leaf als «Erfindung für den Planeten» anpreist und General Motors den spritsparenden und umweltfreundlichen Volt als ein Kraftfahrzeug, «auf das wir stolz sein können», lässt die Liebhaber voluminöser Hubräume und entsprechenden Mega-Verbrauchs kalt. Die Besitzer automobilistischer Miniaturen benötigen daher auf amerikanischen Strassen wie eh und je ein Periskop, wenn sie über vorausfahrende SUV hinweg die allgemeine Verkehrslage beobachten möchten.

«95 Prozent fahren lieber weniger sparsam»

Und da Fettsucht inzwischen so amerikanisch ist wie Baseball, bleibt einer buchstäblich wachsenden Bevölkerungsschicht kein anderes Fortbewegungsmittel als der SUV; weder Volt noch Leaf noch Mini sind geeignet, den Transport von Speck und Schwarten zu übernehmen. Obendrein bieten SUV hervorragende Unterhaltungsangebote in Form grosser Videoschirme für zappelnde Kinder und locken mit wuchtigen Vorrichtungen, worin sich ein Trinkbecher mit drei Liter Cola samt Eis während der Fahrt verstauen lässt.

Gerade mal fünf Prozent des Automarktes sei «grün», glaubt Mike Jackson, der Boss der grössten amerikanischen Autohandelskette Auto-Nation. «95 Prozent fahren lieber weniger sparsam, wenn sie dafür einen besseren Halter für den Trinkbecher kriegen», lautet Jacksons niederschmetternder Befund. Es hilft natürlich, dass der Benzinpreis sich auf erschwinglichem Niveau eingependelt hat und der Liter derzeit rund 80 Rappen kostet.

Auf die Gegenfahrbahn geraten

Gleichfalls hilft, dass das Land insgesamt weit und leer ist, weshalb der SUV-Fahrer beim Steuern texten und essen und lesen kann, ohne gleich auf die Gegenfahrbahn zu geraten. Tut er dies dennoch, bleibt kein Auge trocken, wenn sein Ford Explorer oder Cadillac Escalade auf einen Volt oder Prius oder Leaf knallt. Die Umweltschützer verlieren dabei unweigerlich, obwohl ihre Emissionen vorbildlich sind.

Erstellt: 04.01.2011, 08:07 Uhr

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