«Trump hat die Botschaft verstanden»

Donald Trump sagt einen London-Besuch ab. Wegen Massenprotesten? Der US-Präsident liefert eine eigenwillige Erklärung, inklusive Fehler.

In London nicht willkommen: US-Präsident Donald Trump.

In London nicht willkommen: US-Präsident Donald Trump. Bild: Reuters

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Donald Trump hätte im Februar für die Einweihung der neuen US-Botschaft in Grossbritannien nach London reisen sollen. Der US-Präsident hat nun überraschend seine London-Reise abgesagt. Auf Twitter liess Trump verlauten, «dass ich kein grosser Fan davon bin, dass die Obama-Regierung vielleicht die am besten platzierte und schönste Botschaft in London für Peanuts verkauft hat, nur um eine neue in einer abgelegenen Lage für 1,2 Milliarden Dollar zu bauen». Das sei ein «schlechter Deal». «Ich soll das Band durchschneiden? NEIN», schreibt der US-Präsident.

Trump gibt wieder einmal Obama die Schuld. Und wieder einmal irrt er sich. Denn der Neubau der US-Botschaft war bereits unter Obamas Vorgänger, George W. Bush, beschlossen worden. Der damalige US-Botschafter Robert Tuttle hatte gesagt, dass der Entscheidung eine jahrelange und sorgfältige Evaluierung vorausgegangen sei. Der Grund war die Anfälligkeit des bisherigen Botschaftsgebäudes für Terroranschläge.

Massenproteste erwartet

Britische Medien und Politiker sehen einen anderen Grund für den Verzicht Trumps, nach London zu reisen. Dem US-Präsidenten wäre ein unfreundlicher Empfang gemacht worden, wie Londons Bürgermeister Sadiq Khan zu verstehen gegeben hat. «Es sieht so aus, als ob Präsident Trump die Botschaft vieler Londoner verstanden hat, die Amerika und die Amerikaner bewundern, aber seine Politik und Handlungen als Gegensatz der Werte unserer Stadt wie Integration, Diversität und Toleranz ansehen», sagte Khan. «Sein Besuch wäre von friedlichen Massenprotesten begleitet worden.» Londons Bürgermeister, der ein Muslim ist, und Trump hatten sich bereits nach einem Terroranschlag in London einen Schlagabtausch via Twitter geliefert.

Auch Trump-Unterstützer Nigel Farage führte die Absage auf die zu erwartenden Proteste in London zurück. Es sei enttäuschend, dass der US-Präsident bisher seinen engsten Verbündeten nicht besucht habe, sagte der frühere Chef der EU-kritischen Partei Ukip in einem Radiointerview der BBC. «Aber vielleicht hat ihm die Aussicht nicht gefallen, dass Sadiq Khan, Jeremy Corbyn und die Labour Party Massenproteste planten», meinte Farage. Anstelle des Präsidenten wird höchstwahrscheinlich Aussenminister Rex Tillerson bei der Einweihung der neuen US-Botschaft anwesend sein. Noch im Dezember hatte US-Botschafter Woody Johnson zu Trumps geplantem Besuch gesagt: «Ich denke, er wird sehr beeindruckt von diesem Gebäude sein.»

Kontroverse um Staatsbesuch

Breite Kritik an einem Staatsbesuch Trumps hatte es bereits gegeben, nachdem Premierministerin Theresa May ihn vor einem Jahr bei einer USA-Reise eingeladen hatte. Bei einer Online-Parlamentspetition sprachen sich über 1,8 Millionen Briten gegen einen Trump-Empfang aus. Das Parlament debattierte ausführlich, ein Oppositionsabgeordneter sprach von «Händchenhalten mit dem Faschisten Trump».

Bei dem geplanten Staatsbesuch soll Trump auch von Königin Elizabeth II. empfangen werden und in einer vergoldeten Kutsche mit ihr auf einer Prachtstrasse fahren. Auch ein gemeinsames Dinner ist geplant. Viele Briten, die gegen Trump sind, verlangen, dass der Besuch herabgestuft wird. Die Regierung lehnt das ab. Ein Sprecher von Premierministerin Theresa May betonte, Trump sei in London willkommen und habe eine Einladung bereits angenommen. Ein Datum sei aber noch nicht festgelegt worden. Die Briten zählen traditionell zu den engsten Verbündeten der USA in Europa.

Bombensicherer Glaswürfel: Die neue US-Botschaft in London. Foto: uk.usembassy.gov

Gemäss einem «Guardian»-Bericht erschien die Botschaftseröffnung in London bislang als elegante Lösung für einen Trump-Staatsbesuch mit reduziertem Programm – angesichts von geplanten Massenprotesten und dem Unwillen sehr vieler Briten, Trump im Parlament und vor der Queen sprechen zu lassen.

Die neu gebaute Botschaft der USA befindet sich in Nine Elms im Süden von London. Der vom Architekturbüro Kieran Timberlake (Philadelphia) entworfene zwölfstöckige Glaswürfel soll bombensicher sein und liegt etwa 30 Meter von Strassen entfernt. Das Gebäude versorgt sich weitgehend selbst mit Energie. Das eine Milliarde Dollar teure Botschaftsgebäude wurde laut dem US-Aussenministerium vollständig durch den Verkauf anderer US-Immobilien in London finanziert. Ihre Arbeit am neuen Standort wird die Botschaft am 16. Januar aufnehmen, die offizielle Eröffnung ist im Februar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2018, 20:08 Uhr

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