Trump macht auf Obama

Der neue US-Präsident hatte den Abzug aus Afghanistan versprochen, nun tut er das Gegenteil. Seine Generäle haben sich durchgesetzt.

Schwere Geschütze: US-amerikanische Soldaten während einer Übung in Seprwan Ghar im Süden Afghanistans. Foto: Baz Ratner (Reuters)

Schwere Geschütze: US-amerikanische Soldaten während einer Übung in Seprwan Ghar im Süden Afghanistans. Foto: Baz Ratner (Reuters)

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Die Rede, mit der US-Präsident Donald Trump nun seine neue Afghanistan-Strategie vorgestellt hat, muss der Welt nicht weiter in Erinnerung bleiben: Die neue Strategie unterscheidet sich kaum von der alten. Trump hatte zwar seinen Wählern versprochen, die verbliebenen rund 8400 Soldaten aus dem längsten Krieg der US-Geschichte heimzuholen. Doch nun macht er am Hindukusch das Gegenteil davon – und damit fast genauso weiter wie sein Vorgänger Barack Obama. Trump schickt sogar noch bis zu 4000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan.

Mehr Truppen, mehr militärische Ausbildung, mehr Anti-Terror-Krieg? Eigentlich hatte er Ausstieg, Rückzug oder gar die Übergabe des Kriegs an ein hoch bezahltes amerikanisches Söldnerheer in Aussicht gestellt. Trump weiss, dass er ziemlich blamiert vor seinen Anhängern steht. Aber er hat keine Wahl. Seine Generäle haben ihm klargemacht, was geschehen würde, wenn er die eigenen Soldaten zu früh heimholt. Die Taliban, seit längerem wieder auf dem Vormarsch, würden Kabul erobern, und Afghanistan wäre bald wieder das, was es von 1996 bis 2001 war: ein Terror-Emirat.

Grafik: Westliche Soldaten in Afghanistan Grafik vergrössern

Trump betonte dennoch das angeblich Neue an seiner Strategie: «Wir betreiben nicht länger Nation-Building. Wir sind hier, um Terroristen zu ­töten.» Aber vom Aufbau einer Nation kann am Hindukusch ohnehin schon lange keine Rede mehr sein. Washington und seine Verbündeten wursteln im Dialog mit einer komplett unfähigen Regierung in Kabul weiter, während die amerikanischen Truppen und ihre Nato-Kameraden afghanische Infanteristen und Piloten ausbilden. Nebenbei unterstützen sie sie im Kampf gegen die Taliban und den in diesem Land bisher noch nicht allzu starken Islamischen Staat (IS).

Das funktioniert schlecht, verhindert aber das Allerschlimmste. Die Kabuler Armee wird besser, sie ist aber nicht gut genug, den Taliban Paroli zu bieten. Und der Einsatz von US-Elitetruppen und Drohnen gegen Taliban oder IS wird nicht zum Sieg führen, solange die Aufständischen Helfer bei den Regionalmächten finden. Und da wird es richtig kompliziert.

Der Einsatz von Elitetruppen gegen Taliban wird nicht zum Sieg führen, solange die Aufständischen Helfer bei den Regionalmächten finden.

Pakistan und die Golfstaaten sind alte Hintersassen, neuerdings mischen auch Russen und Iraner mit. Das macht den Afghanistan-Krieg zu einem Konflikt, in dem es um mehr geht als die Taliban. Ausgerechnet beim Umgang mit den einflussreichen Nachbar­­-s­taaten will Trump allerdings wirklich etwas anders machen. Er hat verkündet, den Druck auf Islamabad zu er­höhen, um die Rückzugsräume der Taliban zu blockieren.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Taliban-Führer seit Jahren bequem und sicher in Pakistan hocken. Islamabads Geheimdienst benutzt die Taliban als wirkungsvollen Hebel in einem anderen existenziellen Konflikt: im Dauerstreit mit Indien. Das liegt im Osten. Pakistan betrachtet Afghanistan als Ausweichterritorium im Westen. Den Schlüssel dazu liefern die Taliban.

Das ist verwerflich, ja. Aber dieses Spiel läuft seit Jahrzehnten so. Wer Afghanistan befrieden will, muss Pakistans Interessen einkalkulieren und auch die Regionalmacht Indien entsprechend zügeln. Trump hingegen macht den Indern in letzter Zeit auffällige Avancen. Möglicherweise denkt er: Islamabad ist Partner meiner Lieblingsfeinde in Peking; was dem Pakistaner schadet, tut auch dem Chinesen weh. Das wäre riskant. Sollte Trump die Pakistaner reizen, könnte er neben den Dauerkonflikten mit Nordkorea und Iran bald eine echte Atommacht zum Feind haben: Pakistan.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 22:20 Uhr

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