Trumps Nordkorea-Strategie: Was steckt dahinter?

Was bezweckt Donald Trump mit seinen Drohungen gegen Nordkorea? Kritiker sagen, er wollte Aussenminister Tillersons Verhandlungen mit Pyongyang torpedieren.

Rühmt sich seiner Unberechenbarkeit: US-Präsident Donald Trump. Bild: AP

Rühmt sich seiner Unberechenbarkeit: US-Präsident Donald Trump. Bild: AP

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Bill Clinton versuchte es, desgleichen George W. Bush und Barack Obama. Allen drei US-Präsidenten aber gelang nicht, Nordkoreas nukleare Aufrüstung mitsamt der Entwicklung ballistischer Raketen mit immer grösserer Reichweite zu stoppen. Vom Genfer Rahmenabkommen von 1994, mit dem die Clinton-Administration das nordkoreanische Atomprogramm anzuhalten hoffte, bis zum Austritt Pyongyangs aus dem Atomwaffensperrvertrag während der Präsidentschaft George W. Bushs 2003 scheiterte Washington ein ums andere Mal.

Nun ist Gefahr im Verzug: Experten erwarten, das Regime in Pyongyang werde bald fähig sein, Alaska, Hawaii und die US-Westküste mit Atomwaffen zu erreichen. Eine nukleare Abrüstung liegt Kim Jong-un fern: Der Diktator hat das Schicksal Saddam Husseins und Muammar al-Ghadhafis vor Augen, der Besitz nuklearer Waffen gilt in Pyongyang als Lebensversicherung.

Der befürwortete Präventivschlag

Donald Trump hat andererseits als Präsidentschaftskandidat versprochen, eine nukleare Bedrohung der USA durch Nordkorea nicht hinzunehmen. Seit Wochen droht der Präsident Nordkorea mit militärischen Aktionen, auch am Montag twitterte er ominös, die amerikanische Politik gegenüber Nordkorea sei «seit 25 Jahren erfolglos» und habe «Milliarden gekostet, ohne dass es etwas eingebracht hätte». Diese Politik, so Trump, habe «nicht funktioniert».

Trump ist nicht der Erste in Washington, der notfalls ein militärisches Eingreifen fordert, um eine atomare Bedrohung durch Nordkorea zu stoppen. 2006 befürworteten Bill Clintons Verteidigungsminister William Perry und Barack Obamas späterer Pentagon-Chef Ashton Carter in der «Washington Post» einen Präventivschlag zur Zerstörung der nordkoreanischen Taepodong-Rakete, «bevor sie abgeschossen werden kann».

Video – Trump legt im Nordkorea-Streit nach

Seine Vorgänger seien verantwortlich für den Konflikt.

Elf Jahre danach ist ein US-Angriff auf die nordkoreanischen Atom- und Raketenanlagen noch gefährlicher geworden: Kim Jong-un verfügt inzwischen über mindestens 20 Atomsprengköpfe und hat ballistische Interkontinentalraketen erfolgreich getestet. Was also ist Trumps Strategie gegenüber Nordkorea? Will er Pyongyang und dessen wichtigstem Verbündeten China suggerieren, er werde tatsächlich einen katastrophalen Krieg auf der Koreanischen Halbinsel riskieren, um die nordkoreanische Bedrohung loszuwerden?

Trump hat uns Schaden zugefügt

Will der Präsident Kim Jong-un damit an den Verhandlungstisch zwingen? Spielt er den bösen Polizisten, derweil Aussenminister Rex Tillerson den Nordkoreanern signalisiert, nur nordkoreanische Konzessionen könnten den Präsidenten von einem Krieg abbringen? Senator Bob Corker, der republikanische Vorsitzende des aussenpolitischen Ausschusses im Senat und ein Vertrauter Tillersons, hält dies für ein Hirngespinst. Trump verfolge nicht wirklich eine Strategie, meint der Senator.

«Viele Leute glauben, es gebe diese Guter-Polizist-böser-Polizist-Masche, aber das stimmt einfach nicht», so Corker zur «New York Times». Im Gegenteil: Indem Trump die Gesprächsbereitschaft seines Aussenministers per Tweet lächerlich gemacht habe, habe der Präsident seinem Topdiplomaten den Teppich unter den Füssen entzogen. Trump hat «uns durch seine Tweets Schaden zugefügt in Bezug auf laufende Verhandlungen», behauptet Corker, der sich übers Wochenende einen öffentlichen Schlagabtausch mit Trump leistete.

Tatsächlich behaupten Quellen in Washington, dass momentan keinerlei diplomatische US-Kontakte zu Pyongyang existierten. Insbesondere seien geheime Gespräche in der nordkoreanischen UN-Vertretung in New York nach Trumps Twitter-Drohungen und seiner aggressiven Rede vor der UN-Vollversammlung im September abgebrochen worden. Auch Vermittlungen von Drittländern wie etwa der Schweiz gebe es momentan nicht. Kein Wunder, dass der ehemalige US-Botschafter in Seoul, Christopher Hill, am Montag gegenüber CNN sagte, die USA bewegten sich auf «unbekanntem Terrain» hinsichtlich Nordkoreas.

Auch der Verteidigungsminister droht

Trump rühmte sich im Wahlkampf des Öfteren seiner «Unberechenbarkeit», die den USA zu «besseren Deals» mit Freunden wie Feinden verhelfen würde. Glaubt man jedoch Trumps Kritikern, vorneweg Senator Corker, dann hat der Präsident mit seinem Drohgebaren Rex Tillersons diplomatische Annäherungsversuche an Pyongyang torpediert, ohne eine eigene Strategie entwickelt zu haben. Es sei denn, Trump meint seine Drohungen gegenüber Pyongyang ernst und ist in der Tat zu einem Präventivschlag bereit.

Am Montag schlug Verteidigungsminister James Mattis jedenfalls in die gleiche Kerbe: Vor Armeeangehörigen sagte er, die US-Streitkräfte müssten «bereit sein» für eine militärische Auseinandersetzung mit Nordkorea. Einen Krieg gegen Kim Jong-un würde Donald Trump gewinnen. Zu welchem Preis aber? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 12:30 Uhr

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