Trumps gefährlichster Gegner

Adam Schiff sucht Beweise für eine Amtsenthebung des US-Präsidenten. Dieser antwortet mit Beschimpfungen und Beleidigungen.

Der Abgeordnete Adam Schiff lässt sich von der republikanischen Schmutzkampagne nicht beirren. (Reuters/Jonathan Ernst)

Der Abgeordnete Adam Schiff lässt sich von der republikanischen Schmutzkampagne nicht beirren. (Reuters/Jonathan Ernst)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Donald Trump hat das Wort wieder hervorgekramt, das er so mag: Hexenjagd. Gut 250-mal hat er es in den zwei Jahren getwittert, als Sonderermittler ­Robert Mueller wegen Russland hinter ihm her war. Bis alle es glaubten, die es glauben wollten. Jetzt sind sie wieder hinter ihm her, und deswegen tippt der ­Präsident das Wort wieder in sein Telefon, knapp zwei Dutzend Mal allein in den letzten beiden Wochen.

So gesehen hat sich also nichts geändert in Washington: Donald Trump fühlt sich verfolgt, und zwar wie immer zu Unrecht. Aber es hat sich eben doch etwas geändert. Sogar sehr viel: Es geht nicht mehr darum, was die Russen gemacht haben, um die Präsidentschaftswahl 2016 zu manipulieren. Sondern darum, was Donald Trump getan hat, um die Ukraine dazu zu bringen, in der Präsidentschaftswahl 2020 mitzumischen.

Schiff war nie als linker Eiferer bekannt. Er ist das, was man im Kongress einen «Spezialisten» nennt – ein Abgeordneter, der sich ein Thema aussucht und es jahrelang still beackert.

Und es ist nicht mehr Robert Mueller, der korrekte, unparteiische Beamte, der gegen den Präsidenten ermittelt. Sondern ein demokratischer Abgeordneter namens Adam Schiff, der früher Staatsanwalt in Kalifornien war und heute den Geheimdienstausschuss im US-Repräsentantenhaus leitet. Anders als Mueller ist Schiff kein Kriminalkommissar, der nur einen verdächtigen Vorgang aufklären will, egal, wer am Ende als Schuldiger herauskommt. Schiff hat ein politisches Ziel: Er will Beweise finden, mit denen sich eine Amtsenthebung Trumps rechtfertigen lässt.

Der 59-jährige Schiff hat sich, nach allem, was man weiss, diese Rolle nicht gewünscht. Im Grunde hätte er vermutlich gut auf das ganze Impeachment-Theater verzichten können. Schiff vertritt einen Wahlkreis, der Teile von Los Angeles und die Gegend nördlich der Stadt umfasst. Der berühmte weisse Hollywood-Schriftzug liegt in seinem Bezirk. Das ist zum grössten Teil gediegenes, solides Demokraten-Land, kein Boden, auf dem Revoluzzer wachsen. Und auch Schiff war nie als linker Eiferer bekannt. Er ist das, was man im Kongress einen «Spezialisten» nennt – ein Abgeordneter, der sich ein Thema aussucht und es jahrelang still beackert.

Kompetent, nicht aufregend

Als Schiff 2001 nach Washington kam, gab es kaum Demokraten, die sich für Sicherheitspolitik und Geheimdienste interessierten. Schiff, der in seiner Freizeit Drehbücher für Spionage- und Kriminalfilme schreibt und als Staatsanwalt einen FBI-Agenten hinter Gitter gebracht hat, der Dienstgeheimnisse an die Russen verkauft hatte, begann zu ackern. Er wurde Mitglied im Geheimdienstausschuss, der seine Büros in einem fensterlosen Keller unter dem Capitol hat, der «der Bunker» genannt wird. Menschen und Topfpflanzen müssen sich dort mit fahlem Kunstlicht begnügen. 2015 stieg Schiff zum ranghöchsten Demokraten in dem Gremium auf.

Das war ein durchaus wichtiger Posten, trotzdem war Schiff ausserhalb des Washingtoner Regierungsviertels kaum bekannt. Er hatte den Ruf, sehr kompetent zu sein, aber nicht sehr aufregend. Schiff ist in Stanford aufs College gegangen und hat danach in Harvard Jura studiert. Seine Cholesterinwerte sind zu hoch, deswegen isst er vegane Hamburger. Schiff sei wie ein Mann, der am Abend die Krawatte ablegt, aber den Knopf am Hemdkragen zulässt, schreibt das «California Sunday Magazine» über ihn. Doch dann passierten zwei Dinge: Im Januar 2017 wurde Donald Trump Präsident. Im Januar 2019, nach dem Sieg der Demokraten bei der Kongresswahl im November zuvor, übernahm Schiff den Vorsitz im Geheimdienstausschuss.

Seitdem ist Schiff zu einem bevorzugten Ziel von Trumps Wut geworden. Schon während der Russland-Ermittlungen, bei denen Schiff parallel zu Mueller in Dokumenten wühlte und ­Zeugen vernahm, ging er dem Präsidenten gewaltig auf die Nerven. Trump hängte dem Demokraten damals das Adjektiv sleazy an: schmierig. Jetzt, in der Ukraine-Affäre, hat Trump einen neuen Schimpfnamen erfunden: Shifty Schiff, was man mit verschlagen übersetzen kann. Das ist die übliche Methode des ­Präsidenten: Politische Gegner macht er lächerlich oder beleidigt sie. Aber man kann das auch als eine Art bizarre Respekt­bezeugung werten: Trump beschimpft Leute dann besonders heftig, wenn er denkt, sie könnten ihm gefährlich werden.

Grosser Druck gemacht

Und das tut Schiff. Er wird Trump gefährlich – zumindest gefährlicher als jeder andere Demokrat oder Republikaner, der es bisher versucht hat. Es war Schiff, der verhindert hat, dass das Weisse Haus die interne Beschwerde eines CIA-Mitarbeiters über Trumps politische Spielchen mit der Ukraine in irgendeinem Safe oder Schredder verschwinden liess. Er wusste von der Beschwerde, weil der Informant sich zunächst an seinen Ausschuss gewandt hatte, bevor er eine offizielle Meldung einreichte. Als das Weisse Haus den Beschwerdebrief des CIA-Mitarbeiters nicht, wie es vorgeschrieben ist, an den Kongress weiterleitete, fragte Schiff nach.

Es war auch Schiff, der dann so grossen Druck machte, dass Trump das Protokoll jenes Telefonats herausgeben musste, in dem er den ukrainischen Präsidenten aufgefordert hatte, dessen Justiz gegen den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden ermitteln zu lassen. Und es war Schiff, der danach das komplette Beschwerdeschreiben des CIA-Agenten veröffentlichen liess. Wenn also jemand dafür verantwortlich ist, dass Nancy Pelosi gar nicht anders konnte, als ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump zu beginnen, dann ist es Adam Schiff.

 Hätte ein Diplomat die Beschwerde geschrieben, hätte ein anderer Ausschuss die Aufklärung übernommen.

Das alles entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn erstens war Schiff keiner jener Demokraten, die ein Impeachment gegen Trump kaum abwarten konnten. Er teilte Pelosis Ansicht, dass ein Amtsenthebungsverfahren, so heikel es politisch und juristisch ist, nur die allerletzte Option sein darf. Zweitens landete die ganze Angelegenheit eher zufällig bei ihm, weil der Informant, der sich intern über Trump beschwert hatte, für die CIA arbeitet. Damit war der Geheimdienstausschuss zuständig. Hätte ein Diplomat die Beschwerde geschrieben, hätte ein anderer Ausschuss die Aufklärung übernommen.

Drittens aber war genau der Umstand, dass der ebenso ruhige wie gewissenhafte und kenntnisreiche Adam Schiff die Untersuchungen führen wird, ein entscheidender Grund, warum sich eine Gruppe moderater Demokratinnen, die alle früher in der Armee gedient oder im Sicherheitsapparat gearbeitet hatten, nach langem Zögern für ein Impeachment aussprachen. Sie wollten eigentlich kein Amtsenthebungsverfahren, vor allem aber wollten sie kein parteipolitisches Spektakel. «Sie stellten praktisch die Bedingung, dass Schiff die Ermittlungen leitet», sagt ein Demokrat. Erst als Pelosi wusste, dass diese bisher skeptischen Abgeordneten auf ihrer Seite waren, verkündete sie öffentlich den Beginn der Impeachment-Untersuchung.

Erstellt: 07.10.2019, 21:49 Uhr

Artikel zum Thema

Trumps «Kriegserklärung» gegen Impeachment-Ermittlungen

Das Weisse Haus verweigert jegliche Kooperation in der Ukraine-Affäre. Alle News im Ticker. Mehr...

Die stillen Revolutionäre

Kommentar Die USA wurden von einem Whistleblower mitbegründet. Wer ungesetzliche Aktivitäten enthüllt, sollte weltweiten Schutz geniessen. Mehr...

Neuer Tag, neuer Verdacht

Trump überschüttet seinen Rivalen Joe Biden mit wilden Anschuldigungen. Was an den Vorwürfen dran ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...