US-Präsidenten und ihre Männer fürs Grobe

Die Beziehung amerikanischer Präsidenten zu ihren CIA-Direktoren ist kompliziert: Mal sind sie Helden, mal Sündenböcke. Mit Nachsicht können die Spione jedoch fast immer rechnen.

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Kaum war vergangene Woche der Bericht des Geheimdienstausschusses im Senat über die Folterpraktiken der CIA veröffentlicht worden, trat CIA-Direktor John Brennan zur Verteidigung seiner Behörde an – wie es sich für den Vorsteher des amerikanischen Geheimdienstes gehört. Wer indes von Barack Obama eine entschiedene Reaktion auf den Inhalt des Reports erwartet hatte, wurde enttäuscht: Die Foltermethoden des Dienstes wurden zwar verdammt, die Folterer und ihre politischen Auftraggeber aber werden nicht belangt werden. Obendrein attestierte Obama seinem Geheimdienst, insgesamt und trotz allem ein Verein von «Patrioten» zu sein.

Die Reaktion des Friedensnobelpreisträgers unterstreicht das delikate Verhältnis amerikanischer Präsidenten zu ihrem Arm fürs Grobe: Das Weisse Haus mag Symbol amerikanischer Grösse und hehrer Werte sein, nicht einmal eine halbe Autostunde entfernt im Hauptquartier der CIA im Washingtoner Vorort Langley hingegen wird allerhand Schändliches ausgeheckt. Schon deshalb gilt für amerikanische Präsidenten seit der Gründung der CIA im Jahr 1947, den Dienst möglichst anzuleinen und die Kunst des «plausiblen Dementis» zu beherrschen.

Unverhohlene Feindschaft

Und stets ist Nachsicht ratsam: Wird den Spionen zu sehr ans Schienbein getreten, besteht die Gefahr eines Aufstands mit schwerwiegenden Konsequenzen. Jimmy Carter schlug aus Langley unverhohlene Feindschaft entgegen, nachdem er Ex-Admiral Stansfield Turner zum CIA-Direktor ernannt und beauftragt hatte, den Augiasstall vor den Toren Washingtons auszumisten. Womöglich konspirierte der Dienst im Wahlkampf 1980 gegen Carter und leistete einen Beitrag zum Sieg seines republikanischen Kontrahenten Ronald Reagan.

Danach konnten die Spione aufatmen: Weil er Nancy Reagan nicht fotogen genug war, wurde Ronald Reagans Wahlkampfmanager William Casey das Amt des Aussenministers verwehrt, doch zum Trost durfte der Oldtimer – er hatte im Zweiten Weltkrieg bereits bei der CIA-Vorgängerin OSS gedient – als Direktor der CIA seinem Präsidenten an allen antikommunistischen Fronten verschwiegen dienen. «Casey würde dir nicht einmal sagen, dass dein Mantel brennt», beschrieb frustriert der demokratische Senator Patrick Leahy die Auftritte des stets ausweichenden und zudem nuschelnden Direktors vor dem Senat.

Reagan hingegen war Feuer und Flamme: Casey war ein Abenteurer nach dem Geschmack des Hollywood-Präsidenten. Er flog in einer fensterlosen C-141-Transportmaschine der amerikanischen Luftwaffe insgeheim zum Besuch beim polnischen Papst in Rom ein, kollaborierte mit jedem mörderischen Autokraten, sofern dieser ein Feind Moskaus war, – und entwarf 1985 den Meisterplan für Irancontra, wie der illegale Verkauf amerikanischer Waffen an die Teheraner Ayatollahs genannt wurde. Dass Casey aus dem Erlös den Krieg gegen die nicaraguanischen Sandinisten finanzierte, schien genial, war aber gleichfalls illegal. Er tat Reagan einen letzten Gefallen und verstarb 1987, bevor er von einem Sonderausschuss des Kongresses zur Affäre befragt werden konnte.

Unliebsame Figuren werden beseitigt

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kongress es immerhin geschafft, gelegentlich ein Licht auf die Machenschaften der CIA zu werfen. Vor allem ein nach Senator Frank Church benannter Untersuchungsausschuss hatte Mitte der 70er-Jahre zahlreiche CIA-Missetaten und -Mordkomplotte aufgedeckt und die Amerikaner damit zutiefst schockiert. Zuvor durften die Leiter des Dienstes nahezu nach Belieben schalten und walten, solange sie den Dienstherren im Weissen Haus nicht in Bedrängnis brachten.

Niemand leitete die CIA länger als Allen Dulles, der vom republikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower 1951 an die Spitze des Dienstes berufen wurde und dort eine Kalte-Kriegs-Version des Wilden Westens inszenierte: Insgeheim liess Dulles, dessen ebenso fanatischer Bruder John Foster Dulles das Aussenamt leitete, im Iran, in Guatemala, im Kongo und sonst wo unliebsame Figuren abräumen, ohne Eisenhower damit Probleme zu bereiten. Dass des Präsidenten oberster Spion, obschon verheiratet, Frauenherzen am Fliessband brach, brachte ihn keinesfalls in Misskredit. «Nein, aber ich wünschte, ich wäre eine gewesen», antwortete die Schriftstellerin Rebecca West auf die Frage, ob auch sie eine Freundin von Dulles gewesen sei.

Dulles mochte es Eisenhower recht gemacht haben, die von der CIA angezettelte Invasion in der kubanischen Schweinebucht aber sorgte für Schlagzeilen und erzürnte Eisenhowers Nachfolger John F. Kennedy: Der CIA-Boss musste 1961 seinen Hut nehmen und als Pensionär mitansehen, wie Kennedy den Erzfeind Fidel Castro weiterhin aus der Welt schaffen wollte. Dulles hatte einen Kardinalfehler begangen: Er brachte den Mann im Weissen Haus ins Gerede.

Ein Gentleman, der Anschläge plante

Nicht so Richard Helms: Diskret ging Richard Nixons CIA-Direktor seiner Arbeit nach – in den Worten seines Biografen Thomas Powers «ein Gentleman, der Mordanschläge plante». Als Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger die CIA auf den chilenischen Sozialisten Salvador Allende ansetzten, tat Helms wie ihm geheissen: Allende wurde durch einen von Langley sanktionierten Coup der chilenischen Armee gestürzt.

Auch Nixon aber musste erkennen, dass die Loyalität der CIA Grenzen hatte: Geriet der Dienst unter zu grossen Druck des Weissen Hauses, machte sich ein starker Selbsterhaltungstrieb bemerkbar, weshalb Helms nicht mitspielte, als Nixon die Watergate-Ermittlungen mithilfe der CIA stoppen wollte. «Wir haben sie vor höllisch viel Zeug geschützt», erhoffte sich der Präsident im Gegenzug Beistand von den Spionen in Langley. Der Beistand aber kam nicht, und Helms wurde nach Nixons Wiederwahl 1972 geschasst.

Der gute Kerl als Sündenbock

Zu sehr die Nähe eines Präsidenten zu suchen, kann problematisch sein. Ebenso problematisch aber ist, wenn der CIA-Chef weder Stimme noch Gewicht im Weissen Haus besitzt. «Ich hatte keine schlechte Beziehung zum Präsidenten, ich hatte überhaupt keine Beziehung zu ihm», klagte Bill Clintons erster CIA-Direktor James Woolsey. Wahrscheinlich entsprang diese Distanz dem Umstand, dass Clinton mit Woolsey einen Neokonservativen an die Spitze des Dienstes berief, um sich bei neokonservativen Unterstützern zu bedanken. Nach seinem erzwungenen Abschied 1995 scherzte Woolsey, er sei der Mann gewesen, der mit einem kleinen Flugzeug im Garten des Weissen Hauses abgestürzt sei. Nur so habe er Clintons Aufmerksamkeit erregen können.

Solche Einsamkeit aber bleibt die Ausnahme. George W. Bushs erster CIA-Direktor George Tenet wurde gar auf die Ranch des republikanischen Präsidenten nach Texas eingeladen – was Tenet sicherlich beruhigte, hatte Bush ihn 2001 doch von Bill Clinton übernommen und sich damit dem Vorwurf ausgesetzt, womöglich einen Demokraten an der Spitze der CIA zu belassen. Immerhin hatte der Präsident seinen Vater G.H.W. Bush – einst selber Chef der CIA – nach Tenets Qualifikationen befragt. «Ich höre, dass er ein guter Kerl ist», lautete die Antwort.

Der «gute Kerl» zeigte sich dankbar und sagte Bush, was immer dieser hören wollte. Nach 9/11 gelüstete es den «Kriegspräsidenten» nach einem richtigen Waffengang mit Panzern und Divisionen, als Ziel bot sich der Irak an. Tenet war gern zu Diensten: Dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, sei ein «Slam Dunk», also eine todsichere Sache, beschied er den Mann im Weissen Haus im Dezember 2002. Nachdem sich Bushs irakisches Abenteuer in einen Albtraum verwandelt hatte, fand sich auch Tenet wie schon etliche CIA-Chefs vor ihm in der Rolle des Sündenbocks. «Uns könnt ihr keine Schuld geben, George Tenet und die CIA haben uns da reingeritten», beschrieb der CIA-Boss die Schuldzuweisung in seinen Memoiren.

«Die CIA kriegt, was sie braucht»

Tenet war zweifellos mitverantwortlich für das Debakel zwischen Euphrat und Tigris. Welcher CIA-Direktor aber hätte den Mut aufgebracht, Bush und seinem entfesselten Vize Dick Cheney zu sagen, man wisse leider nichts und solle deshalb lieber nicht in Bagdad einmarschieren? Allzu viel Widerspruch oder gar Insubordination sind eher Hindernisse für eine gedeihliche Karriere an der Spitze der CIA. Sogar John Brennan, der ein enges Verhältnis zu Barack Obama pflegt, fiel in Ungnade, weil er sich im Vorfeld des Reports über CIA-Folter als Verteidiger seines Dienstes mit den demokratischen Senatoren des Geheimdienstausschusses angelegt hatte – worauf sich diese bei Obama beschwerten.

Trotzdem geniesst Brennan das volle Vertrauen eines Präsidenten, der bereits in seiner ersten Amtszeit magische Worte gesprochen hatte: «Die CIA kriegt, was sie braucht», ordnete Obama an. In Langley waren sie natürlich begeistert.

Erstellt: 17.12.2014, 20:57 Uhr

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