Kopf des Tages

Verfolgt von Pädophilen und Menschenhändlern

Lydia Cacho, die mutigste Journalistin Mexikos, ist nach einer Morddrohung ins Ausland geflüchtet.

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Den Anruf erhielt Lydia Cacho am 3. August in ihrem Haus in der mexikanischen Touristenstadt Cancún. Die Stimme am anderen Ende der Leitung sagte: «Wir haben es dir hundertmal gesagt, du verdammte Nutte: Leg dich bloss nicht mit uns an. Aber du begreifst es einfach nicht. Wir werden dich zerhacken und in kleinen Stücken nach Hause zurückschicken.» In Mexiko, wo fast täglich gefolterte, geköpfte, zerstückelte Körper gefunden und mehr Journalisten ermordet werden als in jedem anderen westlichen Land, ist eine solche Drohung wörtlich zu nehmen. Darum ist die Autorin, Journalistin, Feministin und Aktivistin Lydia Cacho jetzt ins Ausland geflüchtet.

Eine Million fürs Schweigen: Sie lehnte ab

Die 49-Jährige war seit Jahren bedroht worden, einmal hatte jemand an ihrem Auto die Radschrauben gelockert. Aber nach dem jüngsten Telefonanruf musste Mexikos Generalstaatsanwältin Marisela Morales eingestehen, dass die Behörden ausserstande seien, ihre Sicherheit zu garantieren.

Lydia Cacho gilt als mutigste Journalistin Mexikos. Schon ihre französischstämmige Mutter war Feministin, was den Vater halb im Scherz, halb ernsthaft sagen liess: «Du erziehst unsere Tochter so, dass kein Mann in diesem Land sie jemals lieben wird.» Vor zwölf Jahren gründete Cacho in Cancún ein Heim für misshandelte und sexuell ausgebeutete Mädchen und Frauen. 2003 erzählte ihr eines der Opfer, sie sei von einem libanesischen Unternehmer namens Jean Succar Kuri alias El Johnny missbraucht worden. Die Journalistin begann zu recherchieren und deckte einen Pädophilenring auf, an dem ein zweiter libanesischer Geschäftsmann namens Kamel Nacif sowie mehrere Politiker und Topbeamte beteiligt waren. An ihren Festen vergewaltigten sie Mädchen und Jungen zwischen 6 und 13 Jahren. Ein Abgesandter der Sexualverbrecher bot der Journalistin eine Million Dollar für ihr Schweigen, und als sie ablehnte, sagte er: «Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst.» Ihr Buch «Die Dämonen des Paradieses», in dem sie die pädophilen Unternehmer und Politiker denunziert, erschien trotzdem.

Lieber verfolgt als ermordet

Einen Monat später begriff Cacho, was der Unterhändler gemeint hatte: Da Nacif mit dem Gouverneur des Bundesstaates Puebla befreundet war, schickte dieser seine Polizisten nach Cancún, um die Autorin zu entführen. Auf der zwanzigstündigen Fahrt von Cancún nach Puebla steckte ihr einer der Beamten seine Pistole in den Mund und betatschte ihren Körper. Einmal hielten sie am Strand, wo die Polizisten eine Scheinhinrichtung durchführten. Es brauchte den Protest in- und ausländischer Journalisten, Intellektueller und Menschenrechtler, um Cacho wieder freizubekommen. Obwohl sie auch über die staatliche Entführungsaktion ein Buch schrieb und die Verantwortlichen anzeigte, wurde bis heute keiner von ihnen verurteilt.

Später dehnte die Journalistin ihre Recherchen über die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger auf andere Länder aus: die Türkei, Israel, Japan, Kambodscha. Ihr Buch «Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel» erschien letztes Jahr auch auf Deutsch. Die jüngste Drohung könnte damit zusammenhängen, dass sie darin unter anderem den Menschenhandel mexikanischer Drogenkartelle schildert.

In einem Twitter-Eintrag versichert Cacho, sie werde nach Mexiko zurückkehren, sobald ihr Sicherheitsdispositiv verbessert sei. «Niemand wird mich auf Dauer vertreiben. Aber ich gehöre lieber zu den Verfolgten als zu den Ermordeten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2012, 08:52 Uhr

Deckte einen Pädophilenring auf, an dem mehrere libanesische Topbeamte beteiligt waren: Lydia Cacho fürchtet keine mächtigen Männer. (Bild: Keystone )

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