Verräter oder Held?

Noch immer streiten sich die Parteien über den israelischen US-Spion Jonathan Pollard. Seine Freilassung soll ein Scheitern der Nahost-Verhandlungen verhindern.

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Verfolgt vom FBI bewegte sich der grüne Ford Mustang mit hoher Geschwindigkeit durch Washington und schob sich hinter einem anderen Auto unter einer Schranke hindurch auf das Gelände der israelischen Botschaft. Verzweifelt beschwor der Fahrer einen Wachmann um Hilfe: «Wissen Sie, was ich für Israel getan habe?», fragte er. Nach einer kurzen Besprechung im Botschaftsgebäude kam die Antwort: «Verschwinden Sie!» Und damit endete im November 1985 die bemerkenswerte Karriere von Jonathan Jay Pollard, einem 31-jährigen Amerikaner jüdischen Glaubens, der als Analyst beim Nachrichtendienst der US-Marine gearbeitet und seit 1984 für Israel spioniert hatte.

Was Pollard den Israelis übergab, war enorm und wird nur von den Wikileaks-Enthüllungen Chelsea Mannings sowie Edward Snowdens Dokumentendiebstahl bei der NSA übertroffen. Dass er amerikanische Geheimnisse an den US-Alliierten Israel verriet, war brisant genug. Obendrein schürte sein Verrat Vorurteile über die vermeintlich doppelte Loyalität amerikanischer Juden.

Wichtigste Figur in einem komplizierten Schachspiel

Nun gerät Pollard nach 27 Jahren Haft im Bundesgefängnis in Butner im Staat North Carolina neuerlich in die Schlagzeilen: Angeblich ist die Regierung Obama bereit, dem israelischen Ersuchen nach einer Freilassung Pollards nachzugeben – im Gegenzug für israelische Zugeständnisse bei Aussenminister John Kerrys Nahost-Friedensgesprächen, die am Rande des Scheiterns sind. Pollard wäre damit zur wichtigsten Figur eines komplizierten Schachspiels geworden: Die israelische Rechte müsste Kompromisse eingehen, die sie bislang nicht einzugehen bereit war, um Pollard, der in Israel als Held betrachtet wird, endlich heimzuholen.

Ginge die Regierung Netanyahu wider Erwarten auf einen solchen Deal ein, drohte dem Weissen Haus allerdings der Zorn amerikanischer Dienste: Für US-Spione und für die Spionageabwehr beim FBI ist Pollard kein Held, sondern ein billiger Verräter, der Geheimnisse gegen Geld an Israel verkaufte und andere Nationen wie Taiwan und Argentinien ebenfalls beliefern wollte. Kofferweise übergab er Dokumente an seine israelischen Kontrolleure, darunter brisante Unterlagen über die Bewaffnung arabischer Staaten.

Pollard als Exempel

In einem geheimen Memorandum an Richter Aubrey Robinson kurz vor Pollards Verurteilung im März 1987 bezeichnete der damalige Verteidigungsminister Caspar Weinberger den entstandenen Schaden als immens: Er wolle «die Vorstellung zerstreuen, dass Enthüllungen gegenüber einem Verbündeten nicht signifikant sind», schrieb Weinberger. Jonathan Pollards Verteidiger in der jüdischen Gemeinschaft sowie in Israel betonen hingegen, andere US-Verräter hätten wesentlich leichtere Strafen erhalten: An Pollard sei ein Exempel statuiert worden.

Zumal noch immer umstritten ist, was genau Pollard den Israelis gesteckt hat: In einem geheimen Schadensbericht hielt die CIA 1987 fest, der Spion habe neben Informationen über sowjetische Waffen auch Geheimnisse über das pakistanische Atomprogramm geliefert. 1999 behauptete der Enthüllungsreporter Seymour Hersh, Pollard habe ausserdem Geheimnisse über US-Aufklärungssatelliten und amerikanische Abwehrmethoden gegen sowjetische U-Boote an die Israelis geliefert. Tel Aviv habe diese Informationen an Moskau weitergereicht und «im Gegenzug die Erlaubnis zur Auswanderung sowjetischer Juden nach Israel» erhalten.

Clintons misslungener Freilassungsversuch

Pollards Unterstützer bestreiten dies und beharren darauf, dass der Spion lediglich Material geliefert habe, das für Israels Sicherheit relevant gewesen sei. 1995 erhielt Pollard die israelische Staatsbürgerschaft, aus amerikanischer Haft aber kam er nicht frei. Als Bill Clinton 1998 erwog, den Spion endlich freizulassen, schlug ihm ein Sturm der Entrüstung bei US-Diensten entgegen. Clinton gab auf, nachdem CIA-Direktor George Tenet mit Rücktritt gedroht hatte.

Noch immer wehren sich amerikanische Nachrichtendienste vehement gegen eine Entlassung Pollards, der gleichwohl im November 2015 auf Bewährung freikommen könnte. Im Januar beschrieb der ehemalige FBI-Abwehrexperte M. E. Bowman den israelischen Spion in der «New York Times» als «käufliche und selbstsüchtige Person, die reich werden wollte». Pollards Freunde betonen hingegen, er habe genug gebüsst und sollte entlassen werden. Womöglich macht Jonathan Jay Pollard noch einmal Geschichte: Er könnte ein Scheitern der Nahost- Friedensverhandlungen verhindern.

Erstellt: 03.04.2014, 15:22 Uhr

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