Viele glauben nicht an einen Suizid

Der Tod des Staatsanwalts Alberto Nisman in Argentinien bleibt rätselhaft.

Das Vertrauen der argentinischen Öffentlichkeit in die staatlichen Institutionen ist zerüttet: Demonstranten in Buenos Aires. Foto: Keystone

Das Vertrauen der argentinischen Öffentlichkeit in die staatlichen Institutionen ist zerüttet: Demonstranten in Buenos Aires. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Reaktionen auf den Tod des ­Sonderstaatsanwalts Alberto Nisman zeigen, wie zerrüttet das Vertrauen der argentinischen Öffentlichkeit in die staatlichen Institutionen ist. Am Sonntag hatte man die Leiche des 51-jährigen Juristen im Badezimmer seiner Wohnung in Buenos Aires gefunden. Laut Behörden hat er sich erschossen, und dies ausgerechnet einen Tag bevor er vor dem Parlament die schwersten Anschuldigungen begründen sollte, die seit Argentiniens Rückkehr zur Demokratie im Jahre 1983 je gegen ein Staatsoberhaupt vorgebracht wurden: Dass Präsidentin Cristina Fernández und andere hochrangige Funktionäre die Aufklärung eines blutigen Terroranschlags zu verhindern trachten und iranischen Attentätern Straffreiheit gewähren wollen.

Im Juli 1994 war vor dem jüdischen Gemeinschaftszentrum Amia in Buenos Aires eine Bombe explodiert, die 85 Menschen in den Tod riss und 300 verletzte. 2013 schloss Argentinien inmitten einer schweren Energiekrise ein Abkommen mit dem Iran, das es dem südamerikanischen Land erlauben sollte, Erdöl zu importieren und Agrarprodukte auszuführen. Laut Nisman, der selber der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörte, war die Präsidentin im Gegenzug bereit, die mutmasslichen Attentäter ungestraft davonkommen zu lassen. Zehn Jahre lang hatte sich der Jurist mit der Aufklärung des Anschlags beschäftigt und gegen fünf hochrangige iranische Funktionäre sowie gegen einen Libanesen internationale Haftbefehle erwirkt. Die Regierung bestreitet sämtliche Vorwürfe und weist darauf hin, dass die mutmasslichen Terroristen nach wie vor zur Verhaftung ausgeschrieben seien.

Von den Demonstranten, die gegenwärtig zu Tausenden mit «Ich bin Nisman»-Plakaten ihr Entsetzen bekunden, glaubt keiner an Suizid. Tatsächlich gibt es Indizien, die dagegensprechen. So hat der Vater zweier halbwüchsiger Töchter keinen Abschiedsbrief hinterlassen und seinen Freunden zufolge alles andere als niedergeschlagen gewirkt. In seinen Unterlagen fand sich eine Liste mit Dingen, die eine Hausangestellte am Montag einkaufen sollte, einen Tag nach dem angeblichen Selbstmord. An den Fingern des Toten fanden sich keine Schmauchpartikel. Laut Gerichtsmedizinern kann dies jedoch daran liegen, dass für die Tat eine kleinkalibrige Waffe verwendet wurde, die nicht in jedem Fall Spuren hinterlässt. Die Ermittler bestehen darauf, es lägen keinerlei Anzeichen für einen Mord vor. Als der Leichnam gefunden wurde, sei die Wohnung von innen verriegelt gewesen. Es werde aber ermittelt, ob jemand Nisman durch Erpressung oder Drohung in den Suizid getrieben habe.

Fernández’ Selbstherrlichkeit

Die obskuren Vorgänge um Nisman könnten der Fantasie eines Thriller­autors entsprungen sein, doch für Argentinien stellen sie eine Realität dar, die der ehemalige Ankläger am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, Luis Moreno Ocampo, so kommentiert: «Es ist, als hätte die Mafia die Macht übernommen.» Wahrscheinlich werden die Umstände von Nismans Tod nie aufgeklärt werden, und falls doch, wird ein grosser Teil der Öffentlichkeit die Ergebnisse anzweifeln. Unabhängig davon, ob die Regierung oder einer der Geheimdienste in den Fall verstrickt ist, trägt Präsidentin Cristina Fernández für das vergiftete Klima und das allgegenwärtige Misstrauen die Hauptverantwortung. Durch ihre Selbstherrlichkeit und ihr obsessives Freund-Feind-Denken hat sie die Gesellschaft polarisiert. Sie versucht seit langem, die Gewaltentrennung aufzuheben und die Justiz zu gängeln. Aufsässige Staatsanwälte und Richter werden unter Druck gesetzt und wenn möglich abberufen, Geheimdienste für politische Zwecke missbraucht, willfährige Höflinge in strategische Positionen gehievt.

Dass Regierungsvertreter Nisman noch vergangene Woche mit persönlichen Beleidigungen eindeckten, während sie nun angeblich seinen Tod bedauern, ist bezeichnend. Vizepräsident Amado Boudou steht wegen Korruption vor Gericht und bleibt dennoch im Amt, die der Präsidentin hörige Jugendorganisation La Cámpora zieht unter der Führung von Fernández’ Sohn Máximo Kirchner ohne jede demokratische Legitimation an den Fäden der Macht. Vor diesem desolaten Hintergrund erhält Nismans Tod eine Bedeutung, die der Kommentator Carlos Pagni mit den Worten beschreibt: «Ein weiterer Schritt in Richtung Abgrund.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2015, 21:49 Uhr

Artikel zum Thema

Ein rätselhafter Tod erschüttert Argentinien

Der argentinische Staatsanwalt und Präsidentenkritiker Alberto Nisman wurde erschossen in seinem Badezimmer aufgefunden. Alles deutet auf Selbstmord hin – doch daran glauben die wenigsten. Mehr...

Wenn Journalisten die falsche Frage stellen

Argentinien und die Schweiz ermitteln gemeinsam in einem Korruptionsfall. Nun hat ein Missverständnis die Gemüter erregt. Mehr...

Argentinien geht gegen HSBC vor

Das südamerikanische Land wirft der britischen Grossbank vor, über 4000 Kunden bei der Steuerhinterziehung geholfen haben. Argentinien beruft sich dabei auf eine französische Liste mit Schweizer HSBC-Kunden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Wettbewerb

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...