Von der Ikone zur Abrissbirne

Am 100. Geburtstag John F. Kennedys regiert Donald Trump im Weissen Haus. Kennedys Nachfolger symbolisiert den Abstieg des Landes wie des Amts.

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Heute wäre John F. Kennedy 100 Jahre alt geworden. Er wurde geboren am Beginn des «amerikanischen Jahrhunderts», als die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg eintraten und sich anschickten, die Nachfolge des britischen Weltreichs anzutreten. Kennedys Amtsantritt im Januar 1961 verkörperte eine einmalige amerikanische Aufbruchstimmung, einen Neubeginn nach Dwight Eisenhowers biederen Fünfzigerjahren. Die Nation, so wollte es Kennedy, sollte einen bemannten Flug zum Mond anpeilen, ebenso aber auf die Welt einwirken.

Der jugendliche Präsident war Internationalist und Freihändler, zugleich jedoch kalter Krieger und ein nur zögerlicher Verfechter afroamerikanischer Bürgerrechte. Er brockte sich das Debakel in der kubanischen Schweinebucht ein und zog nach Vietnam in den Krieg. Und doch: Nie war JFK wichtiger als heute, und es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, wie er auf das Washington Donald Trumps reagieren würde: mit Verwunderung und Abscheu, mit Trauer zumal über die politische Polarisierung und die zutiefst verfeindeten Stämme von Demokraten und Republikanern.

Anstand und Verstand verloren

In diesem Washington hätte auch JFK nur wenig bewegt, auch er wäre Opfer einer Republikanischen Partei geworden, die als «Bewegung» seit Jahrzehnten mit nahezu allen Mitteln die politische Konfrontation sucht und darüber Verstand wie Anstand verloren hat. Wahrscheinlich wäre Kennedy nicht die ikonische Figur, zu der er nach seiner Ermordung wurde, wenn er zwei volle Amtszeiten hinter sich gebracht hätte. Die amerikanische Präsidentschaft nutzt ab, sie setzt dem Amtsinhaber schwer zu. Niemand verlasse deshalb das Amt mit jener intakten Reputation, die ihm zur Präsidentschaft verholfen habe, merkte Thomas Jefferson bissig an.

Kennedys letzte Tage – Der Fotograf Cody Duty holte Schauplätze rund um das Attentat in die Gegenwart:

Auch JFK wäre ein Opfer des Amtes geworden. Müsste er sich den heutigen Medien stellen, gerieten seine Seitensprünge und zahllosen Affären zum Politikum. Unweigerlich nähme die Darstellung seiner Präsidentschaft als modernes Camelot schweren Schaden. Was aber würde JFK sagen, wenn er beispielsweise sähe, dass die Kinder in vielen öffentlichen Schulen Oklahomas nur noch vier Schultage pro Woche lernen, weil den Schulbezirken das Geld für den fünften Schultag fehlt?

Was fiele JFK zu Donald Trump ein, der in seiner Antrittsrede ein «amerikanisches Blutbad» gewährte?

Und wie würde Kennedy auf die Ursache der Kurzwochen in den Schulen Oklahomas reagieren, nämlich die Steuersenkungen des stramm republikanischen Staats für Öl- und Gasproduzenten? Was fiele ihm dazu ein? Oder zur sinkenden Lebenserwartung vieler ärmerer Amerikaner? Zum republikanischen Versuch, Obamacare zu kippen und zig Millionen Menschen die Krankenversicherung zu entziehen? Vor allem aber: Was fiele Kennedy zu Donald Trump ein, seinem schrecklichen Nachfolger, der in seiner düsteren Antrittsrede im Januar 2017 ein «amerikanisches Blutbad» gewährte?

Beschwor JFK bei seiner Einschwörung einen neuen Patriotismus – «frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst» –, so gebärdete sich Trump in seiner Antrittsrede als Abrissbirne des amerikanischen Gemeinwesens. Und hatten sich am Vorabend von Kennedys Amtseinführung Ella Fitzgerald und Frank Sinatra, Sidney Poitier und Nat King Cole, Tony Curtis und Harry Belafonte zur Party des Jahres in Washington eingefunden, so musizierten für Trump die 3 Doors Down, The Piano Guys und The Frontmen of Country.

In Kennedys Orbit zu sein, galt als Privileg

Gewiss durchrieselte JFK ein Schauer, wenn er die Schäden besehen könnte, die Trump schon jetzt angerichtet hat. Diese Woche wird sich wahrscheinlich ein weiterer Schaden dazugesellen, denn Trump will dem Vernehmen nach aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen. Kennedy hätte darüber den Kopf geschüttelt. Er glaubte an die Kraft der Wissenschaft. Den Klimawandel als «chinesischen Schwindel» abzutun, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

Wer zum Mond will, darf sich der Wissenschaft nicht verschliessen. Wer nirgendwo hin will und lediglich der Massage seines Egos verpflichtet ist, kann sich hingegen vielem verschliessen, darunter auch dem Mitgefühl für Schwächere. In JFKs Orbit zu sein, erregte Bewunderung und galt als Privileg. Kaum jemand, der sich Donald Trump annäherte, hat davon profitiert: Der US-Präsident verleitet seine Umwelt dazu, sich im Dienste Donald Trumps zu besudeln. Nur Wochen brauchte es, bis sogar der aufrechte General H. R. McMaster in seiner Rolle als Sicherheitsberater in Trumps Morast zu waten begann.

Das Attentat auf JFK – Rückblick auf den Tag, der Amerika verändert hat:

Niemand wird ungeschoren aus Donald Trumps Präsidentschaft davonkommen: nicht die Amerikaner und nicht die Europäer, weder jene, die ihn gewählt haben, noch solche, die ihn schon am Wahltag ablehnten. JFK war gewiss kein Heiliger, und seine Verklärung nimmt bisweilen absurde Züge an. Neben Donald J. Trump aber ist der Vorgänger aus Boston eine leuchtende Figur. Und besonders am heutigen Tag unterstreicht diese Figur, welchen Abstieg die amerikanische Präsidentschaft genommen hat und wie bedroht die amerikanische Republik ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2017, 13:10 Uhr

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