Von wegen narzisstisch

Unberechenbar? Klar. Aber verrückt? Nicht so hastig. Ferndiagnosen über Politiker wie Donald Trump sind gefährlich.

Ist Donald Trump im persönlichen Kontakt womöglich ein ganz anderer Mensch?

Ist Donald Trump im persönlichen Kontakt womöglich ein ganz anderer Mensch? Bild: Kevin Lamarque/Reuters

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Mit jedem Tag intensiver Beobachtung durch die Weltöffentlichkeit erfährt man mehr über den Charakter von Donald Trump. Inzwischen wirkt der amerikanische Präsident fast schon persönlich vertraut. Gerade scheint sein Verhalten besonders auffällig zu sein: Erst droht er der werdenden Atommacht Nordkorea mit «Fire and Fury», Feuer und Wut, so dass der ehemalige Geheimdienstkoordinator James Clapper «Verstörung» äussert und Zweifel an Trumps Fähigkeiten zur Amtsführung. Dann relativiert Trump das Verhalten von Demonstranten in Charlottesville, die Naziflaggen schwenken und nennt seine Worte in Phoenix sogar «perfect», währen ihn im Weissen Haus sein Schwiegersohn Jared Kushner berät, für den seine Tochter Ivanka zum Judentum konvertiert ist. Und das sind nur zwei Beispiele.

Ist dieser Mann nicht komplett verrückt? Wäre eine Persönlichkeitsstörung nicht die beste Erklärung für sein Verhalten? Diese Frage wurde bereits nach seiner Wahl diskutiert. Trump sei ein gefährlicher Narzisst, hiess es von einer Reihe amerikanischer Psychiater und Psychologen. Er sei aufgrund dieser Störung psychisch labil und unberechenbar, Experten müssten die Öffentlichkeit vor ihm warnen. Auch hierzulande gab es eine Reihe von Psychiatern, die die Ferndiagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung vergaben und mit dieser Begründung seine Eignung als Präsident in Zweifel zogen. Das ist fragwürdig.

Zunächst ist da die Glaubwürdigkeit der Psychiatrie als medizinische Disziplin, die durch die Diskussion über die Willkürlichkeit ihrer Diagnosekriterien berechtigterweise in der Kritik stand. Die Diagnose einer Depression wird beispielsweise vergeben, wenn man zwei Wochen lang bestimmte Symptome hat - egal, ob sie aus dem Nichts kamen oder ob es vorher ein einschneidendes Lebensereignis gab. Der persönliche Kontext menschlichen Leids wird damit der Möglichkeit zur medizinischen Vereinheitlichung geopfert. Das ist ein grosser Preis: dass Menschen in einer psychischen Krise auch noch ihre Individualität genommen wird.

Mangelnde Glaubwürdigkeit

Die wichtigste Entwicklung der deutschen Psychiatrie geht deswegen zurzeit dahin, Diagnosen als notwendiges Übel, beispielsweise zur Abrechnung mit Krankenkassen, zu sehen. Und dann die Menschen entsprechend ihren persönlichen Beschwerden zu beurteilen und für jeden Patienten ein persönliches Modell von Krankheit und Gesundheit zu entwickeln. Angesichts der Tatsache, dass es für die Kriterien der meisten psychiatrischen Diagnosen kaum harte wissenschaftliche Evidenz gibt, ist das ein notwendiger Schritt. Solange es keine Messdaten der Psyche gibt wie den Herzrhythmus bei den Kardiologen, so lange sollten Psychiater durch ihre Diagnosekonstrukte zumindest keinen Schaden anrichten.

Wenn Psychiater diese Diagnosen nun aus der Ferne vergeben, auf der Basis von Fernsehauftritten und Tweets, rauben sie dem Fach seine Glaubwürdigkeit. Das hat Konsequenzen für Menschen mit psychischen Beschwerden. Vielen fällt es immer noch schwer, zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten zu gehen. Dabei spielt die Angst vor der gesellschaftlichen Wahrnehmung eine Rolle, denn noch immer sind viele psychiatrische Diagnosen mit sozialem Stigma verbunden. Und dieses Stigma wird verstärkt, wenn Psychiater die Macht der Diagnose gegen politische Widersacher einsetzen im Sinne von: Der vertritt seine Meinung nur, weil er psychisch krank ist. Zudem gibt es den berechtigten Widerwillen dagegen, sich in ebenjene diagnostischen Schubladen stecken zu lassen, die mit dem Verlust der Individualität einhergehen. Solche Sorgen werden durch Ferndiagnosen von Psychiatern geschürt und behindern so den Zugang Betroffener zu notwendiger psychiatrischer Versorgung.

Aber selbst wenn diese Sorgen nicht bestünden, sollte kein seriöser Psychiater bei Trump eine Diagnose stellen dürfen, ohne ihn untersucht zu haben. Das hat etwas mit der Achtung vor menschlicher Würde zu tun. So unangenehm Trump auftritt und so gefährlich sein Verhalten für die Zukunft des Planeten sein mag, auch er ist im persönlichen Kontakt möglicherweise ein völlig anderer Mensch als bei öffentlichen Auftritten und in den sozialen Medien. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beispielsweise zeigte sich nach seinem ersten Treffen mit Trump überrascht von seinem Verhalten.

Psychiater dürfen nicht öffentlich in ihrer Rolle als Psychiater Ferndiagnosen stellen,

Auch das Transkript des Telefonats mit dem australischen Premier Turnbull nach Amtsantritt zeigt eine Diskrepanz zwischen privater und öffentlicher Rolle. Dabei macht Trump zwar nicht den Eindruck, mit aussergewöhnlichem Verstand gesegnet zu sein. Aber er spricht offen über seine Unsicherheiten und Sorgen, wie er es in der Öffentlichkeit so gut wie nie tut. Und selbst in diesem Gespräch könnte es eine Verhandlungsstrategie gewesen sein, sich dumm zu stellen. Niemand kann das aus der Ferne wissen.

Jeder «Nichtexperte» kann Trump nach seinem persönlichen Ermessen natürlich trotzdem als Narzissten bezeichnen. Narzissmus ist ein Begriff der Umgangssprache geworden, hat aber genau deshalb als psychiatrische Diagnose immer weniger Sinn. Dies ist ein weiterer Grund, warum Psychiater nicht öffentlich mit dieser Diagnose um sich werfen sollten. Je mehr sie öffentlicher Sprachgebrauch wird und vor allem als Beleidigung für rücksichtslose, ichbezogene Menschen genutzt wird, desto weniger ist sie in der Psychiatrie noch hilfreich. Wer will schon eine Diagnose bekommen, die Psychiater Politikern geben, die sie offenkundig verachten?

Zudem muss man sich fragen, welchen Effekt es hätte, wenn alle Psychiater in grösster Einigkeit bei Trump eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren würden. Wäre Vizepräsident Mike Pence zusammen mit dem Kabinett sofort einsichtig und würde den Präsidenten auf der Grundlage des 25. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten aufgrund einer schwerwiegenden Erkrankung des Amtes entheben? Das ist unwahrscheinlich. Es gibt genug Wähler und auch genug Politiker, die bereit sind, jemandem zur Macht zu verhelfen, der nach psychiatrischen Kriterien als Narzisst bezeichnet werden könnte - wenn es ihnen einen persönlichen Vorteil verschafft.

Vielleicht braucht ein Politiker ein gewisses Mass an Narzissmus.

Es gibt auch genug andere Menschen, bei denen aufgrund ihres öffentlichen Auftretens narzisstische Charakterzüge diskutiert wurden - man erinnere sich nur an Gerhard Schröders Rechtsstreit, ob seine Haare gefärbt seien. Dennoch ist ihre Politik nicht weniger populär. Vielleicht ist ein gewisses Mass an Narzissmus ja auch eine Grundvoraussetzung dafür, gesellschaftlich etwas zu verändern. Eine Triebfeder, die Verletzungen durch die als ungerecht erlebten herrschenden Bedingungen mit einem Bedürfnis nach öffentlicher Aufmerksamkeit vereint, das den allgegenwärtigen Medienrummel als belohnend und nicht als abschreckend erleben lässt.

Trump ist schon vor seiner Zeit als Präsident öffentlich so aufgetreten wie jetzt: ich-bezogen und impulsiv. Das hat weder die Republikaner daran gehindert, ihn als Kandidaten aufzustellen, noch die amerikanischen Wähler, ihn zu wählen. Und auch die Wahlmänner des Electoral College haben ihn nicht aufgehalten, dabei besteht ihre Daseinsberechtigung eigentlich darin, Kandidaten zu verhindern, denen die charakterliche Eignung fehlt oder die aufgrund autokratischer Neigungen eine Gefahr für die Demokratie darstellen.

Genau hier sollte der Fokus der Psychiater bei ihrer Teilnahme an der öffentlichen Debatte liegen: auf der Frage, welche sozialen Rahmenbedingungen dazu führen können, dass sich Menschen nach einem Staatsoberhaupt mit autoritärem Führungsstil und einfachen Antworten sehnen. Warum einige in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit bereit sind, die Vorteile einer freiheitlichen Gesellschaft aufzugeben und sich machtgierigen Schwadroneuren zu unterwerfen. Warum sie sich von Verschwörungstheorien verführen lassen und so die faktenorientierte gemeinsame Realität verlassen. Weil sie dort zum Beispiel das Gefühl haben, einer eloquenteren und besser vernetzten Elite unterlegen zu sein, die sich nicht für ihre Sorgen interessiert.

Bildstrecke: 100 Tage Donald Trump

Diese Menschen reden über ihre Sorgen mit Psychiatern. Zumindest dann, wenn sie keine Angst haben, dass Psychiater selbst Teil einer als selbstgerecht wahrgenommenen progressiven Elite sind. Genau wie diejenigen mit Psychiatern sprechen, die unter dem Sexismus und Rassismus leiden, der durch Trump wieder mehr Raum erhält, weil er ihn durch sein Verhalten und seine Aussagen legitimiert. Und Psychiater können auch zu denjenigen etwas sagen, die durch Trump zu aggressivem Verhalten gegen Minderheiten animiert werden, weil sie sich oft selbst minderwertig fühlen. Und was sich dagegen tun lässt.

Derartige Fragen können Psychiater gut beurteilen, und das müssen sie in diesen Zeiten auch tun. Um dabei die Autorität, die ihre Rolle als Experte mit sich bringt, nicht zu beschädigen, müssen sie dieses Urteil von ihrer persönlichen politischen Meinung trennen.

Aber genau hier liegt der gefährliche Denkfehler einiger Psychiater: Natürlich können und dürfen sie als politische Menschen auch über den Charakter von Trump urteilen und dabei auch ihre Erfahrung und Menschenkenntnis nutzen. Aber sie dürfen nicht öffentlich in ihrer Rolle als Psychiater Diagnosen vergeben.

Trump wird oft dafür kritisiert, dass er keine Grenzen zieht zwischen sich als Privatperson mit seinen persönlichen Bedürfnissen einerseits und dem Amt als Präsident und den damit verbundenen Pflichten andererseits. Diesen Umstand kann und muss man ihm politisch vorwerfen. Wenn Psychiater aus dem berechtigten Wunsch heraus, sich politisch zu engagieren, Ferndiagnosen über Politiker stellen, begehen sie genau den gleichen Fehler. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2017, 09:54 Uhr

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