Vorgeführt – wie Trump in Kims Falle getappt ist

Nordkoreas Machthaber dominiert den US-Präsidenten gerade. Nun ist es Trump, der den Gipfel braucht. Aber welchen Preis ist er bereit zu zahlen?

Das Weisse Haus reagiert zurückhaltend auf Nordkoreas Gipfel-Äusserung. Video: Tamedia/Reuters

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Kim Jong-un ist ein gewiefter Politiker. Er ist derart gewieft, dass er inzwischen das Machtspielchen mit den USA dominiert und Donald Trump vorführen kann. Das gelingt nicht einmal der EU, die sich – siehe Iran – lieber um Redlichkeit und Verlässlichkeit bemüht.

Kim hat es geschickter angestellt: Er hat geradezu eine Gier nach dem grossen nordkoreanischen Wunder in Washington geweckt. Seine Charme- und Wendeoffensive hat den US-Präsidenten geblendet wie der Blitz einer Bombenexplosion. Nun spürt Trump, dass dem Blitz eine Druckwelle folgt.

Was wollen die beiden eigentlich besprechen?

Kims Absage eines innerkoreanischen Treffens folgt der alten Logik der nordkoreanischen Droh- und Entspannungspolitik. Schon sein Vater Kim Jong-il beherrschte diese diplomatischen Dehn- und Streckübungen blendend. Erst ködern, reden, säuseln – dann die brüske Abwendung, die Eskalation in der Sache. Vater Kim hatte das Nuklearprogramm beendet, nur um es heimlich weiterzuführen. Lug und Trug waren die einzigen Konstanten im Umgang mit Nordkorea.

Kim der Jüngere hat das Spiel nun zu einer neuen Perfektion getrieben. Die hochbeschleunigte Entspannungsoffensive der vergangenen Wochen hat derart viel Hoffnung und Erwartung geweckt, dass selbst ein Trump sie nicht ungeschehen machen kann. Mehr noch: Trump wird diesen Gipfel unbedingt haben wollen. Nun geht es um die Frage, welchen Preis er zu zahlen bereit ist.

Bilder – USA und Nordkorea vor dem Gipfel

Die raketenartige Beschleunigung des Annäherungsprozesses hin zu einem Gipfel zwischen Präsident und Diktator ignoriert bisher völlig, was die beiden Herren dort eigentlich besprechen wollten. Einen Friedensvertrag? Eine neue Sicherheitsarchitektur für die Koreanische Halbinsel? Die überprüfbare Abrüstung des gesamten Nukleararsenals Nordkoreas? Den Abzug der amerikanischen Truppen?

All das sind gewaltige Themen, die sich selbst bei bestem Willen nicht innerhalb von wenigen Wochen abarbeiten lassen. Ganz abgesehen davon, dass man einen Gipfel dieser Kategorie nicht abhält, ohne zu wissen, was in diesen existenziellen Fragen am Ende beschlossen wird. Sinnvollerweise entwickelt sich eine Annäherung derart verfeindeter Staaten also behutsam, weil die Klassiker Vertrauen und Kontrolle nun einmal erst etabliert werden müssen im Umgang mit Nordkorea.

Wird Trump für eine Gipfelshow mit Kim den Preis aller Preise zu zahlen bereit sein? Wird er die US-Truppen aus Südkorea abziehen?

Nun stellt Nordkorea also plötzlich Bedingungen beziehungsweise stört sich an einem Militärmanöver, das der Süden alljährlich mit seiner amerikanischen Schutzmacht abhält. Bemerkenswert an diesem Zornesausbruch ist vor allem der Zeitpunkt. Geübt wird seit Ende der vergangenen Woche. In keinem Gespräch hat Kim oder einer seiner Emissäre bisher anklingen lassen, dass die Manöver im Süden ein Hindernis zum Friedensprozess darstellten. Nun also doch.

Die Erklärung für diese plötzliche Sonnenfinsternis: Natürlich geht es nicht um dieses eine Manöver, es geht um die Bedingungen des Friedensprozesses insgesamt und vermutlich um die Zukunft der USA auf der Koreanischen Halbinsel. Zugespitzt gefragt: Wird Trump für eine Gipfelshow mit Kim den Preis aller Preise zu zahlen bereit sein? Wird er die US-Truppen aus Südkorea abziehen? So ein Abzug könnte seiner Vorstellung von Isolationismus und einer am Kosten-Nutzen-Effekt orientierten US-Aussenpolitik entgegenkommen. Kim und sein eigentlicher Schutzpatron China haben ein ganz anderes Interesse an diesem Szenario. Südkorea würde in ihren Einflussbereich fallen.

Puff, verflogen ist alle Gipfel-Euphorie. Wer sich von ihr anstecken liess, glaubt wohl auch an den Weihnachtsmann. Kims Manöverkritik sollte ausreichen, um den letzten Funken Verstand in Washington zu wecken und einen Verhandlungsprozess in Gang zu setzen, der der Dimension dieses Problems gerecht wird. Einmal Singapur und zurück reicht nicht aus, um Nordkorea zum Freund der USA zu machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 14:49 Uhr

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