Analyse

Vorgeführte Weltmacht

Die USA müssen machtlos zuschauen, wie Staatsfeind Edward Snowden um die Welt fliegt. Sicherheitsexperte Kurt R. Spillmann sagt, was Washington noch tun kann – denn der Machtpoker ist noch nicht entschieden.

Ein Bild, das in den USA ganz schlecht ankommen dürfte: Journalisten zeigen am Moskauer Flughafen Edward Snowden auf einem iPad, als hätten sie eine Trophäe in der Hand. (23. Juni 2013)

Ein Bild, das in den USA ganz schlecht ankommen dürfte: Journalisten zeigen am Moskauer Flughafen Edward Snowden auf einem iPad, als hätten sie eine Trophäe in der Hand. (23. Juni 2013) Bild: Reuters

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Wir Schweizer wissen derzeit nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man vom Gegenüber die Regeln aufgedrückt bekommt und zum Zuschauen respektive Nachvollziehen verdammt wird. Der US-Steuerstreit lässt grüssen. Ähnlich geht es derzeit den Amerikanern im Fall Edward Snowden. Sie können nur zuschauen, wie ihr momentaner Landesverräter Nummer 1 die Regeln des Spiels bestimmt. Das Spiel heisst: Versucht mich nur zu kriegen, ihr schafft das eh nicht.

In Washington schäumt man darob. Die US-Regierung verlangt die Auslieferung Snowdens. Nur wird ihr niemand bei diesem Begehren nachkommen, weder Hongkong noch Russland – wo sich der ehemalige NSA-Mitarbeiter befindet – noch Ecuador, wo Snowden angeblich hinwill.

«Dieser Fall ist noch nicht gelaufen»

Hier wird Grossmacht und Weltpolizist USA regelrecht vorgeführt. Kurt R. Spillmann, Amerika-Kenner und Sicherheitsexperte, lacht: «Das sieht im Moment tatsächlich so aus.» «Aber Achtung», warnt der emeritierte ETH-Professor im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Dieser Fall ist noch nicht gelaufen. Die USA haben schon noch Pfeile im Köcher.»

Was Spillmann meint, sind wirtschaftliche und militärische Drohgebärden. Sollte Snowden nach Ecuador weiterreisen, würden die USA den Druck auf das südamerikanische Land nach und nach erhöhen. Das geht von direkten Sanktionen bis hin zu indirekten, wo man auch andere Partner Ecuadors in die Mangel nimmt. «Es wird sich dann zeigen, ob Ecuador für einen Menschen diese Opfer bringen will», so Spillmann. Das Beispiel Schweiz zeige, wie die Grossmacht USA kleinere Länder zur Kooperation zwingen kann.

Die Trophäe wird gehütet

Und militärisch? Die USA werden doch nicht etwa mit Gewalt Snowden zurückholen? «Im Pentagon wird man sich sicher Gedanken zu einem solchen Szenario machen», sagt der Sicherheitsexperte. Das gehöre zum Beruf dieser Leute. Dass Snowden geheimdienstlich abgefangen werde, hält Spillmann für möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Immerhin: «Jeder US-Botschafter hat auch Geheimdienstler in Residence», erklärt der Professor. Natürlich werden die Amerikaner nichts von der Stange brechen und keine Risiken eingehen, schon gar nicht in Russland.

Auf jeden Fall würden diejenigen Länder und Organisationen, welche ein Interesse daran hätten, dass Snowden nicht den USA in die Hände gelangt, «ganz genau auf ihren Schützling aufpassen». «Snowden wird von Russland, Wikileaks und anderen sehr sorgfältig begleitet», erklärt Spillmann. «Zu wichtig ist ihnen diese Trophäe.»

Mag Ecuador dem Druck standhalten?

Ob Ecuador für Snowden überhaupt das richtige Land zur Flucht und für einen längeren Aufenthalt ist, wird sich zeigen. Immerhin hat Wikileaks-Mann Julian Assange von einer Reise nach Südamerika abgesehen. Neben Ecuador war die Rede auch von Venezuela als möglichen Fluchtort. Spillmann sagt dazu: «Hugo Chávez hat die Machtprobe mit den USA durchgezogen.» Ob das auch seinem Nachfolger, Nicolás Maduro, gelingt, werde sich weisen.

In den USA ärgert man sich derzeit einfach masslos über die Nichtkooperation Chinas und Russlands. Das werde Konsequenzen haben für die russisch-amerikanischen Beziehungen, erklärte der demokratische Senator Charles Schumer. Schumer, der nicht als Hardliner bekannt ist, sagte, Russlands Premier Putin müsse von der Aktion gewusst haben. Putin möge es, den USA einen Finger ins Auge zu stechen.

Derweil mag in der Schweiz ein wenig Schadenfreude aufkommen. Das sieht auch Spillmann so. Dass die Amerikaner nun ihre Machtlosigkeit aufgezeigt bekämen, würde hierzulande mit gewissem Schmunzeln zur Kenntnis genommen.

Erstellt: 24.06.2013, 12:33 Uhr

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