Während die einen feiern, legen die anderen Feuer

Boliviens Präsident Evo Morales hinterlässt nach dem Rücktritt ein gefährliches Machtvakuum im Land. Die Gewalt hält an.

Nach Morales’ Rücktritt lieferten sich in La Paz Unterstützer Strassenschlachten mit der Polizei. Foto: Juan Karita (AP Photo/Keystone)

Nach Morales’ Rücktritt lieferten sich in La Paz Unterstützer Strassenschlachten mit der Polizei. Foto: Juan Karita (AP Photo/Keystone)

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Als Kokabauer war Evo Morales vor 13 Jahren Präsident geworden, und in die Kokaanbau-­Provinz Chapare im Herzen des Landes ist er nun zurückgegangen, wie bolivianische Medien berichten. Man könnte wohl auch sagen: geflüchtet. Sein angekündigter Rücktritt hat ein Macht­vakuum in Bolivien hinterlassen, in dem vorläufig jeder zu tun scheint, was er will.

Ein übereifriger Polizeikommandant habe einen ungültigen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt, twitterte Morales. Ein anderer Polizeikommandant dementierte. Morales’ Anhänger sprechen von Putsch – eine Ansicht, die nicht nur die Linke Lateinamerikas teilt. Aus Kuba und Argentinien kamen Solidaritätsadressen, ebenso vom eben aus der Haft entlassenen Ex-Präsidenten Lula in Brasilien. Die russische Regierung liess hören, es handele sich um einen von den USA «orchestrierten Putsch». Mexiko bot Morales Asyl an. Kurz nach seinem Rücktritt hatte Morales aber erklärt, er wolle im Land bleiben. «Der Kampf der einfachen Leute und Patrioten hört nicht auf», sagte er. «Es tut sehr weh, was passiert ist.»

 Um den Rang des Oppositionsführers streitet Camacho mit Carlos Mesa, der bEi der umstrittenen Wahl am 20. Oktober Morales’ Herausforderer gewesen war.

Wie es in Bolivien weitergeht, war am Montag völlig offen. Da auch die Präsidenten von Abgeordnetenkammer und Senat zurückgetreten sind, ist nun die weitgehend unbekannte zweite Senatsvizepräsidentin, Jeanine Áñez, formelles Staatsoberhaupt. Sie sagte, sie sei gerne bereit, den Job zu machen. Dieser besteht vor allem darin, Wahlen abzuhalten. Niemand war so lange Präsident von Bolivien wie Morales, er hat drei Wahlen klar gewonnen, doch die Machtverhältnisse haben sich massiv verschoben. Morales hat noch immer eine ­Basis im armen andinen Hochland, unter Minenarbeitern und Indigenen, denen er eine Sozialversicherung gegeben hatte.

Doch seine Gegner sind zahlreicher: allen voran die sogenannten Bürgergruppen aus dem reicheren Tiefland, die Morales von Anfang an erbittert bekämpft haben, ihr Anführer ist der 40-jährige Luis Camacho. Der Anwalt aus Santa Cruz forderte am Sonntag sogleich markig die Bildung einer Junta aus seinen Bürgergruppen sowie aus Polizei und Militär. Um den Rang des Oppositionsführers streitet Camacho mit Carlos Mesa, der bei der umstrittenen Wahl am 20. Oktober Morales’ Herausforderer gewesen war.

Der Militärchef hat den Ausschlag gegeben

Mesa twitterte, der Rücktritt des Präsidenten bedeute ein «Ende der Tyrannei». Er selber war von 2003 bis 2005 Boliviens Präsident gewesen, es waren chaotische Zeiten, wohl auch deshalb fehlt dem steifen Mesa die Machtbasis.

Viele frühere Anhänger haben sich inzwischen von Morales abgewandt: indigene Organisationen, Kirchenkreise sowie Umweltgruppen, die ihm vorwerfen, schuld an den Feuern gewesen zu sein, die Bolivien im August verwüsteten, nachdem Morales Kleinbauern erlaubt hatte, Land abzufackeln. Und am Ende kam das Militär hinzu, auf das nun alle schauen, weil es der einzige solide Machtfaktor zu sein scheint. Das Votum von Militärchef Williams Kaliman hatte am Sonntag den Ausschlag gegeben. «Wir legen nahe, dass der Präsident zurücktritt, um den Frieden und die Stabilität in Bolivien aufrechterhalten zu können», hatte der Offizier mit Blick auf die wochenlangen Krawalle nach der Wahl gesagt.

Regierungsleute flüchten

Alles war ins Rollen gekommen, als am Sonntag eine Untersuchung der Organisation Amerikanischer Staaten Unregelmässigkeiten bei der Auszählung der Wählerstimmen nach dem 20. Oktober nachwies. Morales rief Neuwahlen aus, sah sich dann aber zum Rücktritt genötigt: «Ich gebe auf, damit Mesa und Camacho nicht weiter Minister und Abgeordnete sowie die Ärmsten der Armen angreifen», sagte er.

Die Krawalle gingen aber auch danach weiter: Während Gegner des Ex-Staatschefs in den Strassen feierten, legten Demonstranten Feuer, verbrannten ganze Busflotten und plünderten Geschäfte und Häuser. Gruppen, von denen nicht klar ist, zu wem sie gehörten, brandschatzten La Paz und El Alto. Häuser von Journalisten und Funktionären wurden verwüstet oder angezündet, auch Besitz der Familie Morales selbst soll betroffen sein. 20 Regierungsmitarbeiter flüchteten in die mexikanische Botschaft. Am Montagmorgen titelte «La Razón»: «La Paz erwacht nach einer Terrornacht.»

«Unter Morales gelang es, die Armutsrate laut Weltbank von 59,9 Prozent auf 34,6 Prozent im Jahr 2018 zu reduzieren.»Moritz Krawinkel, Medico

Ex-Vizepräsident Álvaro García Linera, der intellektuelle Kopf hinter Morales, beschuldigte konspirative Kräfte und paramilitärische Banden. «Es war ein Staatsstreich», sagte er. «Ich war sehr stolz, Vize eines indigenen Präsidenten gewesen zu sein», fügte der Soziologe und politische Stratege hinzu.

In Lateinamerika tätige Hilfsorganisationen verfolgen die Entwicklung mit Sorge: «Unter Morales gelang es, die Armutsrate laut Weltbank von 59,9 Prozent auf 34,6 Prozent im Jahr 2018 zu reduzieren», twitterte Moritz Krawinkel von Medico. Die Lebenserwartung sei gestiegen: «Unbestreitbare Erfolge, auch wenn sie auf der Fortsetzung des Wirtschaftsmodells beruhten, das Bolivien seit 500 Jahren in Abhängigkeit hält.» Der Geschäftsführer des katholischen Hilfswerk Adveniat, Michael Heinz, sagte: «Europa muss sich ernsthaft für die Länder Lateinamerikas interessieren, anstatt sie nur als Rohstofflager auszuplündern.»

Erstellt: 11.11.2019, 20:15 Uhr

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