Hintergrund

Wann erreicht das Weltklima den Tipping Point?

Amerika liefert neue Anhaltspunkte für die ansteigende Fieberkurve des Weltklimas. Über 34'000 tägliche Hitzerekorde wurden 2012 registriert. Das kann nicht ewig so weitergehen.

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Nun ist es offiziell: 2012 wurden in den Vereinigten Staaten die höchsten Temperaturen gemessen seit der Einführung einer systematischen Wetterdatenerfassung 1895. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 1998 wurde dabei um mehr als ein Grad Fahrenheit übertroffen. «Die Hitzewelle ist bemerkenswert», stellt Jake Crouch vom National Climatic Center in Asheville, North Carolina, in der «New York Times» fest. Der Mitarbeiter des grössten Wetterdatenarchivs hält den neuen Rekord für «eine bedeutende Sache».

Statistisch gesehen sind die Daten von 2012 tatsächlich überwältigend: 34'008 tägliche Hitzerekorde wurden registriert, die Hitzewelle betraf rund 60 Prozent der Fläche der USA. Besonders dramatisch waren die Auswirkungen im sogenannten Mais-Gürtel im Mittleren Westen. Dort verdorrten Mais- und Sojafelder und trieben damit auch die Preise an den Getreidemärkten auf Rekordhöhen.

Eines der zehn heissesten Jahre weltweit

Die letzte vergleichbare Dürreperiode wurde 1950 registriert. Historisch gesehen war nur die legendäre Trockenheit in Oklahoma in den Dreissigern noch schlimmer. Diese Dust Bowl führte zu einer Massenauswanderung nach Kalifornien, die John Steinbeck im Roman «Die Früchte des Zorns» beschrieben hat. Die Dust Bowl war jedoch nicht nur eine Folge des Klimas, sondern auch das Resultat einer fehlgeleiteten Landwirtschaftspolitik.

Der neuste Hitzerekord in den USA wird von der überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler auf die Klimaerwärmung zurückgeführt. Nicht nur im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten war es extrem heiss. Die bisher erfassten Daten deuten darauf hin, dass das Jahr 2012 auf Rang 8 oder 9 der weltweiten Hitzejahr-Hitparade zu stehen kommt. Trifft diese Annahme zu, dann heisst dies, dass zehn der heissesten Jahre in den letzten fünfzehn Jahren gemessen wurden.

Der Mensch und der drohende Wendepunkt

Diese Daten untermauern eindrücklich die These, wonach die Klimaerwärmung durch die Menschen verursacht wird. Sie geht davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen dem CO2-Gehalt in der Atmosphäre und dem Klima gibt. Kohlendioxid wirkt wie ein gigantischer Spiegel, der verhindert, dass die von der Sonne stammende Wärme wieder abgestrahlt wird. Seit der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren ist der CO2-Gehalt in der Erdatmosphäre von rund 280 ppm (Teile pro Million) auf beinahe 400 ppm angestiegen. Klimaforscher befürchten, dass bei 450 ppm ein sogenannter Tipping Point erreicht wird, ein Wendepunkt, der zu völlig unkontrollierbaren Effekten führen könnte (steigender Meeresspiegel, Umleitung des Golfstromes etc.). Mit anderen Worten: Mit der Klimaerwärmung betreibt die Menschheit mit dem Planeten Erde einen Grossversuch, dessen Ausgang völlig ungewiss ist und potenziell katastrophal enden könnte.

Obwohl die Daten die These der vom Menschen verschuldeten Klimaerwärmung immer klarer stützen und diese These von über 90 Prozent der Wissenschaftler geteilt wird, leugnet sie eine militante Minderheit nach wie vor. Bessere Daten werden dies kaum ändern. «Eine kürzlich in der Zeitschrift ‹Nature› veröffentlichte Studie hat ergeben: Je besser politische Partisanen über die Klimaerwärmung informiert sind, desto schlechter verstehen sie einander», stellt der Starstatistiker Nate Silver in seinem Buch «The Signal and the Noise» fest. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.01.2013, 19:18 Uhr

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