Warum der Falke rausflog

Hardliner John Bolton war ein enger Vertrauter von US-Präsident Trump. Dann sorgt ein umstrittenes Treffen für den abrupten Bruch.

Ging Trump zunehmend auf die Nerven: der mittlerweile ehemalige Sicherheitsberater John Bolton. Foto: Reuters

Ging Trump zunehmend auf die Nerven: der mittlerweile ehemalige Sicherheitsberater John Bolton. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sollte ein Deutschlehrer jemals nach einem Beispiel suchen, um seinen Schülern den Unterschied zwischen «plötzlich» und «überraschend» zu erklären, so würde sich die Entfernung von John Bolton aus dem Amt des Nationalen Sicherheitsberaters dafür hervorragend eignen. Ob es nun (so die Version von US-Präsident Donald Trump) ein Rauswurf war oder (so die Version von Bolton) doch eine freiwillige Kündigung, ist in diesem Zusammenhang eher zweitrangig.

Sicher ist: Boltons Abgang kam plötzlich - in dem Sinn, dass niemand in Washington am Dienstagmittag mit dem Tweet des Präsidenten gerechnet hatte, in dem dieser Boltons Entlassung verkündete.

Wenn dem Präsidenten ein Mitarbeiter auf die Nerven geht und dazu noch eine andere Meinung hat, dann fliegt er raus.

Überraschend in dem Sinn, dass alle sich verwundert am Kopf kratzten und rätselten, warum nun Trump ausgerechnet jetzt seinen Sicherheitsberater gefeuert hat, war die Sache freilich nicht. «Eigentlich war es eins der am wenigsten unerwarteten Ereignisse, die bisher passiert sind», sagt ein gut vernetzter Aussenpolitiker in Washington. «Seit Monaten ist klar, dass Bolton und der Präsident bei vielen Themen fundamentale Meinungsunterschiede haben, dass Bolton nur wenig Einfluss hat und dass er Trump zunehmend auf die Nerven geht.»

Und wenn dem Präsidenten ein Mitarbeiter auf die Nerven geht und dazu noch eine andere Meinung hat, dann fliegt er raus. Dieses Schicksal teilt Bolton nun mit seinem Amtsvorgänger H.R. McMaster sowie mit diversen Ministern und Stabschefs, die einmal bei Trump angestellt waren. Andererseits waren die Meinungsunterschiede zwischen Trump und Bolton wohl tatsächlich so gross und fundamental, dass eine Weiterbeschäftigung auf einem so wichtigen Posten wie dem des Sicherheitsberaters sinnlos war.

Gegen die Gespräche mit dem Feind

Bolton, ein bekennender Falke, hielt wenig von Trumps Versuchen, mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un, dem Regime in Teheran oder den afghanischen Taliban durch Verhandlungen ins Geschäft zu kommen. Er hatte schon lange vor seiner Berufung zum Sicherheitsberater für militärische Präventivschläge gegen Nordkorea und Iran geworben, um deren Atomwaffenprogramme zu zerstören. Auch die Anbiederung des Präsidenten an den russischen Kollegen Wladimir Putin war ihm zuwider. Und Bolton hielt mit seiner abweichenden Meinung allenfalls halbherzig hinterm Berg. Mehr noch: Gelegentlich sah es so aus, als wolle er Trump ausmanövrieren.

Als zum Beispiel im Frühsommer die Spannungen zwischen Washington und Teheran zu eskalieren drohten, hatte Trump wohl nicht völlig zu Unrecht den Verdacht, dass Bolton versuchte, ihn gegen seinen erklärten Willen in einen militärischen Konflikt mit Iran zu steuern. Trump sagte das damals auch offen, wenn auch in einem scherzhaften Ton. Aber dass der Präsident und sein Sicherheitsberater über Kreuz lagen, war deutlich sichtbar. Es gab noch andere Anzeichen, dass Boltons Stuhl wackelte. Als Trump im Februar in Hanoi Kim Jong-un traf, war der Sicherheitsberater nicht dabei.

Er war auf eine Dienstreise in die Mongolei geschickt worden - ein deutlicher Affront. Mit dem Präsidenten nach Hanoi reiste dagegen der Fox-News-Moderator Tucker Carlson, dessen Ansichten die Stimmung an der republikanischen Wählerbasis recht zuverlässig widerspiegeln und der Trump seit Monaten warnt, sich nicht von Bolton in einen neuen Krieg im Nahen Osten treiben zu lassen. Vor einigen Tagen berichtete dann die Washington Post, dass Bolton zu einem wichtigen Treffen im Weissen Haus nicht eingeladen worden sei, bei dem es um die Verhandlungen mit den Taliban in Afghanistan ging. Trump wollte ein Friedensabkommen mit den Islamisten erreichen, um nach 18 Jahren Krieg die US-Truppen aus Afghanistan abziehen zu können. Bolton war gegen diese Gespräche mit dem Feind.

Trump will keinen starken Sicherheitsberater

Berichten zufolge trug dieser Widerstand gegen die Afghanistan-Verhandlungen am Ende entscheidend dazu bei, dass der Präsident Bolton rauswarf. Nachdem am vergangenen Wochenende Trumps Plan gescheitert war, die Taliban-Anführer zu einer Art grossem Friedensgipfel nach Camp David einzuladen, geisterte durch die Medien die Darstellung, dass Bolton das Treffen verhindert habe, um dem Präsidenten eine Peinlichkeit zu ersparen. Das gefiel Trump überhaupt nicht - die Kündigung folgte dann prompt. Dass Bolton Trump nicht zu Militäraktionen überreden konnte, heisst nicht, dass er völlig einflusslos war.

Dass Bolton sich später zuweilen geweigert hat, Trump im Fernsehen zu verteidigen, dürfte seine Kündigung beschleunigt haben.

Bei den Themen, bei denen er mit Trump übereinstimmte oder die den Präsidenten nicht interessierten, formte Bolton die Aussenpolitik nach seinen Vorstellungen. Das galt für die Kündigung des INF-Vertrags mit Russland, eines der wichtigsten Rüstungskontrollabkommen aus dem Kalten Krieg, aber auch für die feindliche Haltung, welche die USA gegenüber UN-Organisationen und dem Internationalen Strafgerichtshof einnahmen. Auch was die Unterstützung für Israels Premier Benjamin Netanyahu anging, lagen beide auf einer Linie.

Wer Bolton nachfolgen soll, ist noch unklar. US-Medien berichten, dass unter den möglichen Kandidaten auch Richard Grenell ist, der derzeitige US-Botschafter in Deutschland. Die meisten Beobachter sind sich einig, dass Trump keinen starken Sicherheitsberater will, schon gar keinen, der ihm widerspricht. Der Präsident habe Bolton im April 2018 vor allem deswegen als Berater ausgewählt, weil dieser Trumps ruppigen Umgang mit verbündeten wie verfeindeten Staaten bei Fox News so eloquent gelobt habe, sagt ein Aussenpolitiker. Trump im Fernsehen zu verteidigen, ist eine Hauptaufgabe seiner Mitarbeiter. Dass Bolton sich später zuweilen geweigert hat, das zu tun, dürfte seine Kündigung beschleunigt haben.

Erstellt: 12.09.2019, 19:42 Uhr

Artikel zum Thema

Trump entlässt Sicherheitsberater Bolton

John Bolton muss das Weisse Haus verlassen. Er habe ihn zum Rücktritt aufgefordert, sagt der US-Präsident. Bolton widerspricht. Mehr...

Besser nicht mit Trump

Kommentar Die Lage in Afghanistan ist zu kompliziert für den US-Präsidenten. Mehr...

Der «tolle Freund» ist zum Feind geworden

Der Handelskrieg mit China könnte zu einem kalten Krieg eskalieren. Topberater Donald Trumps bewerten Peking als Bedrohung der nationalen Sicherheit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...