Was ist mit Clinton los?

Der Gesundheitszustand der Präsidentschaftskandidatin könnte darüber entscheiden, wer Amerikas nächster Präsident wird.

Termine abgesagt: Hillary Clinton ist an einer Lungenentzündung erkrankt. Video: Tamedia

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Es waren drastische Bilder, die am Sonntagnachmittag im Internet auftauchten, und sie könnten darüber entscheiden, wer Amerikas nächster Präsident wird: Hillary Clinton steht schwankend zwischen zwei Secret-Service-Männern am Rand einer Strasse in Manhattan. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin hat gerade hastig eine Gedenkveranstaltung für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 verlassen, weil sie sich nicht gut fühlte. Als Clinton versucht, in ihr wartendes Auto zu steigen, knicken ihre Beine weg, sie stolpert nach vorne. Die Sicherheitsleute fangen die Kandidatin, die offenbar bewusstlos ist, auf und heben sie in den Wagen. Hillary Clinton verliert dabei einen Schuh.

Es dauerte eineinhalb Stunden, bis Clintons Wahlkampfteam eine erste dürre Erklärung abgab. Alles sei in Ordnung, hiess es darin, der Kandidatin sei während der Feierstunde «zu heiss» geworden. Sie sei daraufhin in die nahe gelegene Wohnung ihrer Tochter Chelsea gefahren. Dort habe sie sich erholt. Und tatsächlich verliess Clinton etwa zwei Stunden nach dem Vorfall das Wohnhaus ihrer Tochter.

Hillary Clinton nach ihrem Schwächeanfall in New York. (Keystone)

Sie konnte ohne Hilfe zu ihrer Wagenkolonne gehen, winkte den Passanten zu, posierte mit einem kleinen Mädchen für ein Foto und sagte zwei Sätze für die Kameras, um den Schaden wenigstens ein bisschen einzudämmen: «Ich fühle mich grossartig. Es ist ein wunderschöner Tag in New York.»

Im Internet kursieren wilde Diagnosen

Doch ein wunderschöner Tag war es für Clinton bestimmt nicht. Im Gegenteil: Bisher waren die Spekulationen und Gerüchte darüber, dass die 68 Jahre alte Demokratin in Wahrheit ernsthaft krank sei, eine Domäne rechter Verschwörungstheoretiker. Im Internet kursieren jede Menge zusammengereimte Diagnosen – von Epilepsie über Gehirnschäden und Autismus bis zur Blasenentzündung; keine einzige davon ist belegt. Doch das stört diejenigen, die sie verbreiten und glauben, kein bisschen. Der Republikaner Donald Trump hat die Zweifel an Clintons Gesundheitszustand immer wieder angefacht, indem er seiner Gegnerin vorwarf, sie sei «müde» und habe nicht die «Stärke», um Präsidentin zu sein.

Clinton hat all diese raunenden Gerüchte bisher als «bekloppt» abgetan. Aber damit ist es vorerst vorbei. Die Videobilder sind eindeutig. Clintons Sprecher versuchten daher gar nicht erst, den Zusammenbruch der Kandidatin zu leugnen, sondern nur, eine möglichst harmlose Erklärung zu finden – «Überhitzung». Helfen dürfte das wenig, der Kollaps in New York macht Clintons Gesundheitszustand zu einem Thema, über das auch alle seriösen Medien von nun an intensiv berichten werden.

Offizielle Erklärung von Clintons Ärztin

Die Clinton-Kampagne weiss das und bemühte sich noch am Sonntag, die Kontrolle über die Berichterstattung nicht zu verlieren. Clintons Ärztin Lisa Bardack gab am Nachmittag eine Erklärung heraus, wonach die Kandidatin bereits seit Freitag wegen einer Lungenentzündung mit Antibiotika behandelt werde. Das war bis dahin nicht bekannt gewesen. Die Lungenentzündung sei diagnostiziert worden, nachdem Clinton in den Tagen zuvor wegen einer saisonal bedingten Allergie stark hatte husten müssen. Bei der 9/11-Gedenkveranstaltung am Sonntag sei Clinton «überhitzt und dehydriert» gewesen, teilte Bardack mit. Jetzt gehe es ihr wieder besser, «sie erholt sich recht gut».

Über Hillary Clintons Gesundheitszustand weiss die Öffentlichkeit relativ wenig, wenn auch mehr als über Trumps. Die einzige Quelle ist zudem ein zweiseitiges Schreiben von Bardack, das die Internistin 2015 veröffentlichte. Darin ist zu lesen, dass Clinton ein Schilddrüsen-Medikament nimmt, Antihistaminika gegen Allergien sowie einen Blutverdünner. 2012 erlitt sie bei einem Sturz eine Gehirnerschütterung, die zu einem Blutgerinnsel im Gehirn führte. Dieses wurde durch Medikamente aufgelöst. Auch in den Jahren zuvor war Clinton bereits wegen solcher Thrombosen behandelt worden. Laut Bardack sind sowohl die Gehirnerschütterung als auch das Gerinnsel völlig ausgeheilt.

Der Boden für Zweifel

Von Bardack – weniger von ihrem ärztlichen Können als von ihrer Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft – wird zu einem Gutteil abhängen, ob der Vorfall vom Sonntag eine Episode bleibt oder sich zu einem ernsthaften, vielleicht wahlentscheidenden Problem auswächst. Mit den Erklärungen vom Sonntag – Überhitzung, Lungenentzündung – lässt sich der Vorfall sicher nicht aus der Welt schaffen. Clinton hat einige Wahlkampftermine in dieser Woche abgesagt. Die Frage, wie es ihr geht, bleibt damit aktuell.

Besonders gefährlich für Clinton ist, dass durch das Internet-Geraune über ihre angeblichen Krankheiten bei vielen Wählern der Boden für Zweifel an ihrer Gesundheit bereits bereitet ist. Die Videoaufnahmen aus New York fallen darauf wie die Saat – und diese könnte blühen. Das Risiko, dass sich in den Köpfen der Menschen jetzt die Frage festsetzt, ob Clinton dem anstrengenden Präsidentenamt gewachsen sein wird, ist gross. Mit einem weiteren Arztbrief, ausgestellt von einer langjährigen Vertrauten der Kandidatin, wird sich dieses Risiko wohl nicht eindämmen lassen.

Trumps nette Worte

Sollte Clinton also tatsächlich keine schweren medizinischen Probleme zu verbergen haben, könnte es sinnvoll sein, ihre Krankenakten der vergangenen Jahre möglichst komplett zu veröffentlichen. Dazu hatte sich zum Beispiel 2008 der republikanische Kandidat John McCain entschlossen, um alle Gerüchte über seine angeschlagene Gesundheit zu stoppen. Die Frage ist, ob die notorisch geheimniskrämerische Clinton sich dazu durchringen kann. Bereits ihre Lungenentzündung – eine Krankheit, die jährlich zwei Millionen Amerikaner trifft – hielt sie ja zunächst geheim und änderte ihren Terminplan nicht. Mehr Offenheit am Freitag hätte Clinton vielleicht das Desaster am Sonntag erspart.

Trump hielt sich am Montag mit Kommentaren zu Clintons Zusammenbruch zurück. Der Republikaner weiss, dass jede fragwürdige Äusserung von ihm nur von Clintons Problemen ablenken würde. «Ich sehe, was ich sehe», sagt er. «Irgendwas ist los, aber ich hoffe einfach, dass es ihr bald besser geht, dass sie wieder Wahlkampf machen kann und wir uns bei der Fernsehdebatte sehen.» Das klang ganz freundlich. Aber man kann schon Zweifel haben, dass es wirklich freundlich gemeint war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2016, 16:11 Uhr

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Clinton-Anhänger bei einem Auftritt der Präsidentschaftskandidatin im August 2016. (Bild: Reuters Mark Makela)

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