Reportage

Was, wenn ich beraubt werde?

In den USA hat nach Newtown eine Diskussion über eine stärkere Regulierung von Schusswaffen eingesetzt. USA-Korrespondent Martin Kilian trug einen Monat lang eine Waffe auf sich, so wie es immer mehr Amerikaner tun.

Mir kann keiner: Ein Mann trägt eine Pistole in einem Halfter in Oklahoma. (1. November 2012)

Mir kann keiner: Ein Mann trägt eine Pistole in einem Halfter in Oklahoma. (1. November 2012) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer eine will, kann sie sich in kürzester Zeit beschaffen: Schusswaffen sind in den Vereinigten Staaten leicht zu bekommen. Wie leicht? Auf einer Gun Show etwa, wo sogar die in Waffengeschäften übliche elektronische FBI-Überprüfung des Käufers entfällt. Man geht zur Gun Show, blättert ein paar Hunderter auf den Tisch und geht mit einer halbautomatischen AK-47 nach Hause. Oder auf dem schwarzen Markt, wo alle Arten von Kanonen angeboten werden, zumeist aus Bundesstaaten wie Kentucky oder Alabama oder Virginia, wo sie einfach zu beschaffen sind.

Vor Jahren wollte ich einmal wissen, wie es sich anfühlt, eine verdeckte Kanone auf sich zu führen. So wie es immer mehr Amerikaner tun. Florida beispielsweise hat soeben die einmillionste Genehmigung zum Tragen einer verdeckten Kanone erteilt. Da in Washington Schusswaffen damals verboten waren, holte ich mir eine Genehmigung an meinem zweiten Wohnsitz in Charlottesville im Staat Virginia ein. Das Staatsparlament in Richmond hatte das Tragen verdeckter Feuerwaffen erlaubt, jedoch angeordnet, dass der Bewerber zuvor eine Schiessausbildung bei einem von der Schusswaffenlobby NRA abgesegneten Ausbilder ablegen musste.

Ich fand einen im Nest Reva nördlich von Charlottesville. Ein kerniger Mann, über dessen kleinem Haus eine Südstaatenflagge wehte. Die Kanone, silbrig, hatte ich zuvor für knapp 500 Dollar in einem Waffengeschäft in Warrenton in Virginia erworben. Hinter dem Laden schossen Waffenbesitzer auf einem Schiessstand auf Zielscheiben. Ich entschied mich für eine Sig Sauer 9 mm Pistole, die in einem vornehmen Koffer aus Metall lag und gefährlich aussah. Munition kaufte ich ebenfalls in Warrenton.

Der Sheriff kann nichts tun

Bei der Ausbildung wies mich der NRA-Instrukteur wiederholt darauf hin, dass ich einen mich anhaltenden Polizisten unverzüglich von der Existenz der Waffe an mir oder im Handschuhfach meines Autos unterrichten solle. «Fenster runter und dem Cop sagen, dass Sie eine Genehmigung zum Tragen einer verdeckten Waffe haben; sonst könnte ein Unglück passieren», mahnte der Ausbilder.

Nach einigen Stunden Unterricht erhielt ich ein Zertifikat, das mir die Befähigung zum Tragen einer verdeckten Waffe attestierte. Mit dem Papier ging ich zum Sheriff in Charlottesville, einer Afroamerikanerin. Sie war nicht erbaut. Die verdeckten Kanonen mochte sie nicht. Es gebe schon genug Probleme mit Schusswaffen, sagte sie, konnte aber nichts machen. Schliesslich hatte das Staatsparlament entschieden, dass es noch mehr Kanonen und dazu verdeckte in Virginia brauchte.

Nachdem die Stadt mir die Genehmigung erteilt hatte, stopfte ich die Sig Sauer in meinen Hosenbund und schaute in den Spiegel, ob eine Ausbuchtung sichtbar war. Ich flanierte mit der Kanone durch belebte Strassen, nahm sie widerrechtlich mit nach Washington, obschon die Hauptstadt damals ein striktes Schusswaffenverbot hatte, das zwischenzeitlich von Bundesgerichten kassiert worden ist. Ich ging in Supermärkte mit der Kanone und ebenso in eine Bar, was strikt verboten ist. Wer aber wollte schon kontrollieren, ob ich meine Sig Sauer mitführte?

Nie wieder

Unter dem T-Shirt und im Bund fühlte sich die Kanone morgens kalt an, wärmte sich aber schnell auf. Mir kann keiner, dachte ich manchmal, wenn ich mit dem Schiesseisen durch die Stadt spazierte. Gleichzeitig bezweifelte ich, ob ich die Pistole jemals wirklich herausziehen und einen Menschen damit niederstrecken würde. Was, wenn ich beraubt würde? Und was, wenn ein Mensch vor meinen Augen zusammengeschlagen oder eine Frau vergewaltigt würde?

Nach einem Monat gab ich genervt auf und entschloss mich, die Kanone wieder zu verkaufen. Ich ging in ein Waffengeschäft in Charlottesville, stellte den Metallkoffer auf die Theke und sagte, ich wolle das Ding loswerden. Der Mann hinter der Theke öffnete den Koffer und war vom Anblick der Kanone sichtlich erbaut. «Eine Sig Sauer!», meinte er anerkennend und nahm die Waffe in die Hand. Sie sei wie neu, sagte er, warum ich sie denn verkaufen wolle? «Ich mag Schusswaffen nicht», antwortete ich, worauf er mir 350 Dollar anbot, sonst aber nichts mehr sagte.

Ich willigte ein, liess den Koffer samt Kanone im Laden und ging zum Sheriff, um meine Genehmigung abzugeben. Sie war erfreut, sagte mir aber, dass ich bis zum Auslaufen der Genehmigung warten müsse. Ich werde nie wieder eine Kanone kaufen.

Erstellt: 17.12.2012, 22:57 Uhr

Artikel zum Thema

«Waffen waren ihr Hobby»

Hintergrund Nancy Lanzas Sohn richtete in Newtown ein Blutbad an. Bekannte beschreiben sie als grosszügig und gesellig, aber distanziert. So liess sie niemanden in ihr Haus. Mehr...

Der Tag, an dem die Australier genug hatten

Hintergrund Ein Amoklauf mit 35 Toten bewirkte in Australien eine Kehrtwende in der Waffenpolitik – und einen Rückgang der entsprechenden Tötungsdelikte. Ist dies auch ein Weg für die USA? Mehr...

Sommaruga will Waffenrecht verschärfen

Das Stimmvolk lehnt die Waffeninitiative mit 56,3 Prozent und einem deutlichen Stadt-Land-Graben ab. Justizministerin Simonetta Sommaruga kündigt an, das Waffenrecht auf anderem Weg zu verschärfen. Mehr...

Bildstrecke

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...