Washingtons goldene Beziehungen

Die Scheidung der Super-Lobbyisten Heather und Tony Podesta erlaubt einen Blick in das lukrativste Gewerbe der US-Hauptstadt: Die Einflussnahme gegen Geld.

Nähe zur Macht ist das Kapital der Lobbyisten: John Podesta (ganz links), der mit seinem Bruder Tony die Lobbyfirma Podesta Group gründete, als Berater von US-Präsident Barack Obama und Vize Joe Biden (Zweiter von rechts).

Nähe zur Macht ist das Kapital der Lobbyisten: John Podesta (ganz links), der mit seinem Bruder Tony die Lobbyfirma Podesta Group gründete, als Berater von US-Präsident Barack Obama und Vize Joe Biden (Zweiter von rechts). Bild: Keystone

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Sie verstehen sich als notwendigen Schmierstoff der amerikanischen Demokratie, ihren zahlreichen Kritikern hingegen sind sie bestenfalls Absahner und schlimmstenfalls die Abrissbirnen dieser Demokratie: Washingtons Lobbyisten, eine Heerschar von nahezu 13'000 käuflichen Seelen, die im vergangenen Jahr stolze 3,21 Milliarden Dollar kassierten und dafür Konzernen, ausländischen Regierungen, Stiftungen und prominenten Privatpersonen aller Couleur zu Diensten waren.

Ganz oben auf der Liste befinden sich Heather und Tony Podesta, beide Super-Lobbyisten und eng verbandelt mit der Demokratischen Partei. Tonys Bruder John diente Bill Clinton als Stabschef im Weissen Haus, Tony beriet Ted Kennedy und arbeitete als Wahlkämpfer für eine Reihe von Demokraten. Die Podesta Group ist Washingtons drittgrösste Lobby-Firma und nahm im Vorjahr rund 27 Millionen Dollar ein. Anfang April reichten Heather (44) und Tony (70) nach elf Ehejahren die Scheidung ein, vergangene Woche wurden die Scheidungspapiere publik. Sie geben Einblick in das lukrative Gewerbe des Lobbyierens.

Hatten sich die beiden Power-People noch im Januar als «beste Freunde» bezeichnet, die eine «schwierige Entscheidung» zur Trennung getroffen hätten, so war es nun aus mit derlei Schmus: Heather behauptete, Tony versuche hinter ihrem Rücken Teile der wertvollen Kunstsammlung zu verscherbeln, Tony wiederum bezichtigte die Verflossene, sich unter dem Vorwand einer möglichen Versöhnung Geld für eine Millionenvilla erschlichen sowie die Türschlösser der gemeinsamen Wohnung in Venedig geändert zu haben.

900'000 Dollar von Wiktor Janukowitsch

Woher das viele Geld? Die Podesta Group vertrat und vertritt die Interessen von BP und Novartis, von Walmart und der Bank of America, von Lockheed Martin, Nestlé und einem veritablen Who-is-Who von Unternehmen. Ausserdem lobbyierten John und Tony für die Regierungen Albaniens und Georgiens sowie im Auftrag des «European Centre for a Modern Ukraine» in Brüssel zum Preis von 900'000 Dollar auch für den inzwischen geschassten ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Stets wusch dabei eine Hand die andere, ohne dass die beiden Hände davon sauberer wurden.

Jedoch gestattete der reichliche Zaster den Podestas ein Leben in Saus und Braus, eine ewige Abfolge von Kunstausstellungen und Dinnerpartys und Unterkünften der Luxusklasse in Washington und Italien, in Australien und sonst wo. Zumal Heather nach der Verehelichung bald ihren eigenen Lobby-Laden eröffnete und beim Demokratischen Präsidentschaftskongress 2008 stolz und für jedermann sichtbar eine Anstecknadel in Form des Buchstabens «L» trug – für «Lobbyistin».

Die umtriebige Heather, befand 2009 die «Washington Post», repräsentiere «eine neue Generation junger Lobbyisten mit besten Beziehungen für die Obama-Ära». Dass Barack Obama den Washingtoner Lobbyisten-Sumpf zutiefst verabscheute, interessierte niemanden: Wer das nötige Geld hatte, kaufte sich weiterhin Einfluss auf politische Entscheidungen, auf Regulierungen wie auf die Gesetzgebung. Die Podestas luden zu schicken Partys in ihrem Super-Haus im Edelviertel Kalorama ein, sie trug internationale Designerklamotten, er sein Markenzeichen: rote Prada-Schuhe. «Der Papst trägt Prada, und ich tue das auch», sagte Tony über sein edles Schuhwerk.

Einflussnahme vorbei an Wählern und Bürgern

Die Beziehungen des Duos reichten bis weit hinein in den demokratischen Adel: Von Nancy Pelosi, der Minderheitsführerin im Repräsentantenhaus, bis zu demokratischen Senatoren, Staatssekretären und Mitarbeitern des Präsidenten. Washingtons Republikaner sahnen gleichfalls ab: Ihre Lobbyisten ziehen Fäden zur republikanischen Elite wie Sprecher John Boehner oder Mehrheitsführer Eric Cantor. Angetrieben wird die immense Geldmaschine und Einflussnahme vorbei an Wählern und Bürgern von Washingtons rasanten Drehtüren: Kongress- und Regierungsmitglieder samt ihren Mitarbeitern wollen nach dem Ende ihrer beschwerlichen Dienstfahrt und nach miesen Gehältern zwischen 100'000 und 200'000 Dollar endlich als Lobbyisten Kasse machen und ihre Beziehungen vergolden.

In den Scheidungspapieren der Podestas ist von diesen Beziehungen allerdings keine Rede: Tonys Erfolg, führen seine Anwälte gegen die gierige Gattin an, verdanke sich allein «seinem Goodwill und einzigartigen individuellen Merkmalen». Auch habe Frau Heather vor der Eheschliessung lediglich 55'000 Dollar pro Jahr verdient und «Mr. Podestas Namen und Reputation» genutzt, «um ihre eigenen Geschäfte und Interessen voranzutreiben». Tony Podestas Versuch, der Gattin den Zugriff auf die Kunstsammlung von «Museumsqualität» zu verwehren, konterten Heathers Anwälte sofort: Das Paar habe «strategisch sein öffentliches Image gepflegt und zusammengearbeitet, um den ‹Heather und Tony›-Brand gemeinsam aufzubauen».

Wie immer das Tauziehen der beiden Lobbyisten ausgehen wird: Die Washingtoner Mega-Zitze ist gross genug für sie wie Tausende ihrer Kollegen, die sich für Michelin und Mercedes, Nigeria und Niger verwenden. Am allerbesten fürs Geschäft sind Bürgerkriege: Beide Seiten heuern Lobbyisten an, Geld wird wie Heu gemacht.

Erstellt: 15.04.2014, 16:41 Uhr

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