Weshalb sollte sie schweigen?

Ein Geheimhaltungsvertrag verbietet es ihr, über die Affäre mit dem Präsidenten zu sprechen. Stormy Daniels tut es trotzdem – zur Unterschrift sei sie genötigt worden.

«Jeder soll die Wahrheit erfahren»: Pornoschauspielerin Stormy Daniels sprach letzte Woche anlässlich einer gerichtlichen Anhörung von Trumps Anwalt Michael Cohen zur Presse. (Video: Tamedia/AFP, 17.4.2018)

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Als Stephanie Clifford auf dem Parkplatz aus dem Auto steigt, hebt vom Flughafen auf der anderen Strassenseite ein Helikopter ab. Es ist eine der bulligen, tannengrün und weiss lackierten Maschinen der US-Marine-Infanterie, in denen der amerikanische Präsident herumgeflogen wird. Das Militär hat einige davon hier in West Palm Beach stationiert, denn Donald Trump kommt oft her. Sein Golfclub Mar-a-Lago, den er so mag, ist nur einige Meilen entfernt. Der Helikopter steigt in den hellen Abendhimmel, der sich über Florida spannt, dann knattert er davon in Richtung Küste.

Wahrscheinlich ist es nur ein Übungsflug, denn der Präsident ist an diesem Freitagabend weit weg in Washington. Aber für einen Augenblick sieht es so aus, als sei Donald Trump eilig in seinen Helikopter gesprungen und weggeflogen, um vor der blonden Frau auf dem Parkplatz zu fliehen. Auch wenn die eigentlich recht harmlos wirkt. Stephanie Clifford trägt ein langes, blaues Batikkleid. Zwei Leibwächter geleiten sie zum Hintereingang des Ultra. Sie sagt nichts, lächelt nicht, sie geht schnell und schaut auf den Asphalt. Dann verschwindet Stephanie Clifford durch die Tür.

Ein paar Stunden später taucht sie drinnen auf der Bühne wieder auf. Das Ultra ist ein Laden, der sich «Gentlemen’s Club» nennt; tatsächlich ist es schlicht ein Striplokal, in dem Männer Bier und Schnaps trinken und dabei Frauen zuschauen, wie die sich ausziehen. Genau das macht jetzt auch Stephanie Clifford. Und jetzt ist nichts mehr an ihr harmlos. Stephanie Clifford ist jetzt auch nicht mehr Stephanie Clifford, sondern Stormy Daniels – die Frau, die, nach allem, was man weiss und was plausibel ist, vor etwas mehr als zehn Jahren eine Nacht mit Donald Trump verbracht hat und die jetzt den Präsidenten der USA verklagt, weil sie aller Welt von dieser Nacht erzählen will.

Trumps Ruf als Sexmaschine

Daniels’ Auftritt beginnt damit, dass sie in einem kurzen Rotkäppchenkostüm hereingestöckelt kommt. Dazu kreischt die Stimme von AC/DC-Sänger Brian Johnson wie eine schlecht geölte Motorsäge. Er singt von einer Frau, die ihn erst mit ihren «amerikanischen Schenkeln umgehaun» und dann die ganze Nacht lang rangenommen hat. «Knockin’ me out with those American thighs.» Daniels tanzt dazu, Rotkäppchens Rock fliegt zur Seite, das Mieder, der Slip. Brian Johnson sägt. «You shook me all night long.» Der Auftritt endet nach 20 Minuten damit, dass Stormy Daniels sich nackt auf der Bühne wälzt. Die Flasche mit dem künstlichen Sperma, die sie mitgebracht hat, ist leer, ihr Körper ist nass und klebrig. Und die Männer pappen ihr Dollarscheine auf den Bauch.

Amerikanische Präsidenten und Frauen – eine lange Geschichte. John F. Kennedy liess sich Callgirls ins Weisse Haus chauffieren. Bill Clinton hatte mit einer Praktikantin Oralverkehr im Oval Office. Und Donald Trump war, zumindest bevor er Präsident werden wollte, immer sehr stolz auf seinen Ruf als Sexmaschine. Er sei so verdammt reich und berühmt, hat er bekannterweise einmal geprahlt, dass er jeder Frau zwischen die Beine fassen könne. Und die fänden das auch noch toll.

Jemand lügt

Insofern liegt es nicht jenseits des Vorstellbaren, dass die Geschichte stimmt, die Stephanie Clifford alias Stormy Daniels erzählt. Danach hat sie Trump im Juli 2006 bei einem Golfturnier am Lake Tahoe getroffen. Daniels war damals eine der erfolgreichsten Pornodarstellerinnen in den USA, Trump ein reicher New Yorker Immobilienunternehmer und Moderator der Fernsehshow «The Apprentice». Vier Monate zuvor hatte Trumps Ehefrau Melania den gemeinsamen Sohn Barron zur Welt gebracht. Trump habe sie an jenem Tag in seine Hotelsuite eingeladen, sagt Daniels. Sie hätten miteinander gegessen, er habe ihre Intelligenz gelobt, erzählt sie. Dann habe sie mit ihm geschlafen. Kein Zwang, keine Bezahlung, keine Versprechen. «Wollten Sie mit ihm Sex haben», wurde Daniels kürzlich in einem Interview gefragt. «Nein», antwortete sie: «Aber ich habe nicht Nein gesagt.»

Damit war die Angelegenheit zunächst erledigt. Zehn Jahre später aber, im Herbst 2016, tauchte die Geschichte wieder auf. Jetzt waren die Umstände anders: Trump war Präsidentschaftskandidat der Republikaner, er hatte zum Entsetzen seiner Partei bereits im Wahlkampf die Länge seines Penis zum Thema gemacht. Eine Pornoschauspielerin, die Details über einen Seitensprung des Kandidaten erzählt, war das Letzte, was Trump ein paar Wochen vor der Wahl brauchte.

Und so floss Geld. Trumps Anwalt Michael Cohen bezahlte Stormy Daniels im Oktober 2016 über eine Briefkastenfirma 130'000 Dollar. Dafür unterzeichnete sie einen Vertrag, der ihr verbot, über die Affäre zu reden. Sie sei, sagt sie heute, zur Unterschrift genötigt worden. Ein Unbekannter habe ihr und ihrer Tochter in einer Tiefgarage Gewalt angedroht. Trump selbst bestreitet, jemals mit Daniels intim gewesen zu sein. Sicher ist: Jemand lügt.

Unterdessen hat die New Yorker Staatsanwaltschaft bei Michael Cohen eine Razzia durchgeführt. Für den US-Präsidenten sieht die Lage jetzt so aus: Wegen Stormy Daniels ist die Justiz nun im Besitz sämtlicher Unterlagen seines Anwalts. Und in diesen Unterlagen stehen alle Geheimnisse, die Trump je hatte. Das ist sehr unerfreulich für Trump. Es gäbe also Gründe für ihn, sich von den Marines ausfliegen zu lassen, wenn Daniels auftaucht.

Im Ultra ist Stormy Daniels der Star. Sie hat zwei Auftritte, einen um zehn Uhr abends, einen um Mitternacht. Der Laden ist ausverkauft, etwa 100 Zuschauer sind jeweils gekommen, jeder hat 60 Dollar für Daniels’ Stripshow plus 28 Dollar Eintritt an den Club bezahlt. Zusammen mit den Fünfern und Zwanzigern, die die Leute während ihres Auftritts auf die Bühne werfen, dürfte für Daniels eine ordentliche Abendgage übrig bleiben.

Amerika «wieder geil» machen

Stormy Daniels weiss, was ihr Name wert ist. Sie ist seit mehr als zwei Jahrzehnten im Strip- und Pornogeschäft. Sie hat alle namhaften Preise gewonnen, die es in der Branche gibt, die Auszeichnung für die «beliebtesten Brüste» gleich dreimal. Und sie weiss, dass die Affäre mit dem Präsidenten ihren Wert nochmals gesteigert hat. Ihre aktuelle Tour durch die Striplokale der USA trägt den Titel «Making America horny again». Trump versprach, Amerika wieder «grossartig» zu machen: «Make America great again». Daniels reicht es, Amerika geil zu machen und dabei Geld zu verdienen.


Video: Stormy Daniels packt aus

Die Pornoschauspielerin im Interview mit dem TV-Sender CBS (AFP/Tamedia)


Man könnte daher den Leuten im Umfeld des Präsidenten zustimmen, die Stormy Daniels schlicht für eine Geldschinderin, wenn nicht gar für eine Erpresserin halten. Im Rückblick freilich waren die 130'000 Dollar eine eher magere Abfindung. Ihre Geschichte ist wertvoller geworden, seit Trump die Wahl gewonnen hat. Exklusive Interviews, Buchrechte, Filmrechte, Auftritte – da steckt noch sehr viel Geld drin. Alle Menschen, die Clifford näher kennen, beschreiben die gleichen Eigenschaften: Sie ist perfektionistisch, ehrgeizig und eisern entschlossen, die Beste zu sein.

Von der Stripperin zur Porno-Königin

Die junge Stephanie ist in Baton Rouge in Louisiana aufgewachsen, mit einer alleinerziehenden Mutter – das Geld reichte nie. Mit 17 fing sie in einem Nachtclub an zu strippen. Einige Jahre später wechselte sie in die Pornobranche, ein gnadenloses Geschäft, in dem eine Menge Geld damit verdient wird, Frauen zu erniedrigen und auszunutzen. Viele Frauen gehen daran kaputt. Stormy Daniels kämpfte sich bis an die Spitze. Sie wurde zur Königin. Heute ist sie 39 Jahre alt und wohnt in einem schönen Haus in einem komfortablen Vorort von Dallas. Sie ist eine begeisterte Reiterin und eine clevere Geschäftsfrau. Sie weiss: Ihr Körper ist ihr Kapital, und wie bei einem Profisportler ist dieses Kapital irgendwann aufgezehrt. Wieso also sollte sie jetzt nicht die Gelegenheit nutzen, aus einer Nacht mit Donald Trump noch etwas Geld zu schlagen?

Und dann gibt es die Leute, für die der Streit zwischen Daniels und Trump eine politische Auseinandersetzung ist. Je nach Standpunkt bezeichnen sie Stormy Daniels als «verfluchte Hure» oder «lügende Schlampe», die Trump schaden will. Andere sehen in ihr hingegen eine Kämpferin für die Rechte der Frauen, eine Art feministische Löwin. «Die Heldin, die Amerika braucht», hat die Zeitschrift «Rolling Stones» Stormy Daniels ernsthaft genannt. Für eine Frau, die ihr halbes Leben lang entweder Geschlechtsverkehr vor der Kamera hatte oder als Regisseurin anderen Frauen Anweisungen dafür gab, ist das eine besondere Ehrung.

Im Ultra sitzt an diesem Abend das kernige Stripclub-Publikum: Männer, die laut kundtun, dass sie Trump klasse finden, aber trotzdem sehen wollen, was Stormy Daniels so zu bieten hat. Schliesslich kennen sie alle ihre Filme und sind echte Fans. Auch einige Frauen sind da, eine hat ein altes T-Shirt aus dem Wahlkampf herausgekramt, auf dem steht: «Hillary Clinton for prison».

Den entblössten Hintern versohlt

Es ist also, wenn man das Publikum im Ultra zum Massstab nimmt, längst noch keine ausgemachte Sache, dass die ganze Stormy-Affäre Trump politisch schaden wird. Die Demokraten hoffen es zwar. Doch Trumps Anhänger scheinen an dem, was Daniels erzählt, kaum Anstoss zu nehmen. Die Milieus, in denen man Donald Trump wählt und Pornos mit Stormy Daniels schaut, überschneiden sich. Selbst drei Viertel der evangelikalen Christen in Amerika sagten kürzlich in einer Umfrage, sie hätten eine gute Meinung vom Präsidenten. Die Befragung wurde durchgeführt, nachdem Daniels der Nation in einem Fernsehinterview erzählt hatte, wie sie Trump im Hotel am Lake Tahoe mit einer Zeitschrift den entblössten Hintern versohlt hatte. Auf dem Titelbild prangte ein Foto von – wem sonst? – Donald Trump.

Zwischen den Trump-Anhängern haben allerdings auch ein paar Demokraten und Demokratinnen Platz genommen. Sie sind aus Palm Beach herübergefahren, einer Enklave für Millionäre und Milliardäre, die etwas östlich von West Palm Beach an der Atlantikküste von Florida liegt. Es gibt dort viele kultivierte, liberale Menschen, die ihr Geld im linken Kalifornien oder in New York verdienen, aber in Palm Beach eine Villa für den Winter besitzen oder dort ihre Jacht liegen haben.

«Die hassen Trump auch!»

Harriet ist eine solche Frau. Sie ist Mitte 60, an ihrem Handgelenk hängt eine goldene Schweizer Uhr, in ihren Ohrläppchen stecken Diamanten, die gerade noch klein genug sind, um echt zu sein. Harriet war in ihrem Leben noch nie in einem «Gentlemen’s Club»; normalerweise, so sagt sie, gehe sie an einem Freitagabend ins Kino oder zu einer Einladung bei Freunden. Ausserdem trinkt Harriet eigentlich immer Wein, aber jetzt trinkt sie Bier, ein gewöhnliches Bud Light, und zwar aus der Flasche, weil sie den Gläsern im Ultra misstraut. Es ist ihr etwas peinlich, hier zu sein, deswegen will sie auch ihren Nachnamen nicht verraten. Aber sie sagt: «Ich hasse Trump. Darum bin ich hergekommen, um Stormy Daniels zu unterstützen.»

Harriet beugt sich herüber, sie zeigt auf zwei Ehepaare, die auf der anderen Seite der Bühne sitzen. Die Herren tragen Anzüge und Hermès-Krawatten, die Damen klassische Kostüme, die sehr nach Chanel aussehen. Neben all den Rednecks sehen sie aus wie Vollblüter, die sich in eine Herde Maultiere verirrt haben. «Diese Leute da drüben sind Mitglieder in einem exklusiven Country-Club in Palm Beach», schreit Harriet durch die lärmende Motorsägenmusik: «Die hassen Trump auch!»

Plötzlich fasst sich Harriet erschrocken auf den Kopf. Ein Tropfen hat sie getroffen. Sie schaut zuerst empört an die Decke, dann fällt ihr auf, dass auf der Bühne Stormy Daniels die Flasche mit dem künstlichen Ejakulat herumschwenkt. Harriets Gesicht friert ein. Auch die beiden Ehepaare aus dem Country Club starren wie im Schock auf das nackte Rotkäppchen, das einen Meter vor ihnen ihr Becken kreisen lässt. Ja, sie hassen den Präsidenten zutiefst. Aber so hatten sie sich das mit dem Widerstand gegen Donald Trump und der Solidarität mit Stormy Daniels zunächst mal nicht vorgestellt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2018, 20:53 Uhr

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