Hintergrund

Wie die Amerikaner Bin Laden fanden und töteten

Bei der Aktion einer US-Spezialeinheit im Norden Pakistans starb Osama Bin Laden durch einen Kopfschuss. Die entscheidende Figur bei der Suche nach dem Terrorfürsten war ein Bote von Bin Laden.

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Rund 40 Minuten dauerte die hoch geheime Kommandoaktion, bei der Spezialkräfte der US Navy, die Navy Seals, den meistgesuchten Terroristen der Welt, Osama Bin Laden, töteten. Der Chef des Terrornetzwerks hatte zuletzt in einem abgeschirmten Anwesen in Abbottabad gelebt, rund 50 Kilometer nördlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad – und nicht in einer Höhle im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, wie dies oft vermutet worden war. «Das war ein besonders gefährlicher Einsatz», sagte ein ranghoher US-Vertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Im Spätsommer 2010 sollen die Amerikaner erste Hinweise darauf erhalten haben, dass sich Bin Laden hier aufhalten könnte. Auf die Spur kamen die Geheimdienste dem Terrorfürsten über einen Boten, den sie seit einiger Zeit überwacht hatten.

Guantánamo-Gefangene lieferten entscheidende Informationen

Der Durchbruch bei der Suche nach Bin Laden gelang den Amerikanern, als sie den Boten, dem der Terrorfürst am meisten vertraute, identifizieren konnten, wie die «New York Times»berichtet. Entscheidende Informationen über den Boten hatten die US-Geheimdienste bei der Befragung von Guantánamo-Insassen ermittelt. Der Bote war ein Protegé von Khalid Sheikh Mohammed. Der von den USA festgenommene Mohammed gilt als Mastermind der 9/11-Anschläge.

Während acht Monaten hatten die amerikanischen Geheimdienste Satellitenfotos der geheimnisvollen Residenz in Abbottabad analysiert und unzählige Berichte von Agenten ausgewertet. Nach akribischer Detektivarbeit kamen die Amerikaner zum Schluss, dass sich Bin Laden samt Familienangehörigen und Getreuen mit «grosser Wahrscheinlichkeit» in dieser Residenz versteckt hatte. Mit dieser Erkenntnis war der Entscheid von Präsident Barack Obama für die Tötung Bin Ladens gefallen.

Kommandoaktion mit Hubschraubern

Laut amerikanischen Medienberichten, die sich auf Regierungskreise in Washington berufen, stürmten die US-Elitesoldaten das Versteck des Terrorfürsten in der Nacht. An der Tötungsaktion sollen vier Hubschrauber beteiligt gewesen sein, die von einem pakistanischen Luftwaffenstützpunkt im Norden des Landes gestartet waren. Die Amerikaner stiessen auf Gegenwehr. Wachen von Bin Laden schossen mit Panzerfäusten auf die Angreifer. Von den US-Spezialkräften wurde niemand getötet oder verletzt, wie amerikanische Fernsehsender berichten. Mindestens zwei Explosionen waren in der im Nordwesten Pakistans gelegenen Stadt zu hören. Je nach Quelle waren 14 bis 25 Mitglieder der Navy Seals an der Kommandoaktion beteiligt.

Der Schusswechsel auf dem Anwesen des Al-Qaida-Chefs dauerte etwa 15 Minuten. Gegen 4 Uhr morgens war Bin Laden tot, fast zehn Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Über die genauen Umstände des Todes von Bin Laden gab es zunächst wenig Informationen. Der Terrorchef habe «Widerstand geleistet», hiess es aus US-Regierungskreisen. Der TV-Sender CNN berichtete, dass Bin Laden durch einen Kopfschuss gestorben sei. Pakistanische Medien veröffentlichten wenig später ein Foto des toten Bin Laden. Das Bild erwies sich allerdings als Fälschung.

Möglicherweise ein Bin-Laden-Sohn tot

Bei der Kommandoaktion wurden neben Bin Laden drei weitere Männer und eine Frau getötet, wie Nachrichtenagenturen berichten. Bei den Männern habe es sich offenbar um einen Sohn Bin Ladens sowie zwei Boten gehandelt. Ausserdem seien zwei Frauen verletzt worden. Zum Zeitpunkt des Angriffs auf Bin Laden sollen sich nicht nur mehrere Frauen, sondern auch Kinder im Anwesen des Terrorchefs befunden haben.

Beim Rückzug mussten die Navy Seals einen Helikopter, der wegen einer mechanischen Panne ausgefallen war, zurücklassen. Diese Maschine wurde aus Sicherheitsgründen zerstört. Nach der Kommandoaktion nahmen die Amerikaner den Leichnam von Bin Laden mit. Die DNA-Untersuchungen sind noch am Laufen. Der Terrorfürst wurde bereits wenige Stunden nach seiner Tötung auf See bestattet, wie Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Regierungskreise in Washington berichten.

Luxusresidenz ohne Telefon und Internet

Der Chef der al-Qaida hatte sich hinter hohen Mauern und Stacheldraht in einer herrschaftlichen Residenz in Abbottabad versteckt. Gemäss Medienberichten war diese vor fünf Jahren errichtet worden. Das rund eine Million Dollar teure Versteck von Bin Laden war weder mit Telefon- noch mit Internetverbindungen ausgestattet – offensichtlich aus Sicherheitsgründen, um Überwachungen von Telefon und Internet zu verhindern.

Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AP sprach nach dem US-Angriff mit Qasim Khan, der gegenüber dem Anwesen des Terroristenführers wohnt. Er habe in den vergangenen Jahren stets zwei pakistanische Männer ein- und ausgehen sehen. Einer sei ein dicker Mann mit einem Bart gewesen, sagt der 18-Jährige. «Ich habe nie jemanden anderen gesehen als die beiden Männer, aber manchmal wurden sie von Kindern begleitet. Ich habe nie irgendwelche Ausländer gesehen», sagt Khan.

Fragwürdige Rolle Pakistans

«Der Gerechtigkeit ist Genüge getan», sagte US-Präsident Barack Obama bei der Bekanntgabe des Tods von Bin Laden. Die Tötung des Al-Qaida-Chefs beschlossen Obama und seine engsten Mitarbeiter vor einer Woche. Und am vergangenen Freitag gab der amerikanische Präsident grünes Licht für die Kommandoaktion am Sonntag, an der auch pakistanische Anti-Terror-Spezialisten beteiligt gewesen sein sollen.

Die Rolle Pakistans wirft aber Fragen auf. Immer wieder hatten Regierungsstellen in Islamabad betont, dass sich Bin Laden nicht in Pakistan befinde. Dessen Anwesen befindet sich allerdings in einer Gegend, wo viele pakistanische Generäle und andere hohe Militärs leben. Ausserdem gibt es in der Stadt Abbottabad eine Militärakademie. Die «New York Times» meint, dass sich Pakistan zwar zum Kampf gegen den Terror bekenne. Dennoch sei der Aufenthalt Bin Ladens in Pakistan geduldet worden.

In einer ersten Stellungnahme begrüsste das pakistanische Aussenministerium den Tod des Al-Qaida-Chefs. Die Tötungsaktion zeige die Entschlossenheit von Pakistan und der gesamten Welt zur Bekämpfung des Terrorismus. Der Einsatz des amerikanischen Spezialkommandos sei «in Übereinstimmung mit der erklärten US-Politik erfolgt», liess das Aussenministerium in Islamabad verlauten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2011, 11:54 Uhr

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