Hintergrund

Wie die Operation Geronimo genau ablief

Beim Einsatz des Team Six standen das Leben der Soldaten, aber auch das Ansehen des Präsidenten und der USA auf dem Spiel. Längst nicht alles verlief nach Plan.

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Über dem Gelände des Al-Qaida-Chefs Osama Bin Laden in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad gingen die Hubschrauber tiefer, die Soldaten seilten sich in völliger Dunkelheit ab, ein Feuergefecht entbrannte, zuletzt stand die US-Spezialeinheit dem gefährlichsten Terroristen der Welt von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Die Operation barg hohe Risiken, doch die entscheidenden Situationen liefen wie im Lehrbuch ab.

Dabei gab es eine Vielzahl von Unwägbarkeiten. Die Geheimdienstinformationen über den Aufenthaltsort Bin Ladens waren zwar die besten, die der US-Regierung jemals vorlagen, seit der Al-Qaida-Chef vor knapp zehn Jahren in dem künstlichen Höhlenkomplex Tora-Bora in den Bergen Afghanistans untertauchte. Gesichert waren sie jedoch nicht - und das machte den Einsatz der Eliteeinheit zu einem riskanten Unterfangen.

Bin Ladens Mitbewohner können nicht befragt werden

War der Mann, der auf dem Gelände gesichtet wurde, wirklich Bin Laden? Selbst das war bis zuletzt nicht klar. Den USA lagen zu keinem Zeitpunkt direkte Beweise vor, dass es sich bei dem Mann um den Al-Qaida-Chef handelte. Ungewiss war auch, ob er sich zu dem Zeitpunkt des Einsatzes überhaupt auf dem Gelände aufhalten würde. Doch US-Präsident Barack Obama gab trotzdem grünes Licht für die Aktion. Weil, wie CIA-Chef Leon Panetta sagte, die Chancen ziemlich gut standen, dass sie ihren Mann fassen würden.

Das Weisse Haus musste sich bei der Darstellung zum Ablauf der Kommandoaktion mehrfach korrigieren. Was darüber nach aussen drang, basiert grösstenteils auf den Aussagen von Panetta, dem Sprecher des Weissen Hauses, Jay Carney, und Obamas Anti-Terror-Berater, John Brennan. Andere Quellen gibt es nicht. Die direkten Zeugen des Einsatzes, diejenigen, die das grosse Haus in Abbottabad mit Bin Laden bewohnten, befinden sich in Gewahrsam in Pakistan und können nicht befragt werden.

«Gehen Sie da rein und schnappen sich Bin Laden»

Es bleiben Fragen wie diese: Wie viele Bewohner des Hauses bewaffnet waren, wer auf wen geschossen hat, warum keiner der Überlebenden von den Amerikanern mitgenommen wurde, wie viele Einheiten Bin Ladens Zimmer stürmten und welche den Al-Qaida-Chef mit Präzisionsschüssen erst in die Brust und dann in den Kopf töteten. Unklar ist auch, was Bin Laden getan hat, dass die Soldaten ihn erschossen und nicht nur gefangen genommen haben. Gewährsmänner der US-Regierung sagten der Nachrichtenagentur AP, Bin Laden habe nach einer Waffe gegriffen.

Letzte Woche wies Obama Panetta an, eine verdeckte Operation durchzuführen. Vizeadmiral William McRaven, Chef der Spezialkommandos, wurde mit der Einsatzleitung betraut. Panetta sagte: «Meine Anweisungen an Admiral McRaven waren, 'Admiral, gehen Sie da rein und schnappen sich Bin Laden. Und falls er nicht da ist, machen Sie bloss, dass Sie wieder rauskommen.'»

Bin Laden wohnte im zweiten und dritten Stock

Team Six war bereit. Seine Mitglieder hatten den Einsatz in Afghanistan viele Male geprobt - laut Panetta zwei bis drei Mal pro Nacht. Seit einigen Monaten hatten sich die Hinweise verdichtet, dass Bin Laden sich auf dem Gelände befand, aber schon davor gab es Anhaltspunkte.

Der US-Geheimdienst habe das Gelände so genau beobachtet, dass er die Kleider der Familie auf einem Balkon im dritten Stock gesehen habe und einmal auch einen Mann im Hof, der Bin Laden ähnelte. Daraus schloss er, dass Bin Laden und seine Familie im zweiten und dritten Stock lebte, denn sein Kurier, so viel wusste man, lebte im ersten und dessen Bruder im Gästebereich.

Das Vabanquespiel beginnt

Nachdem die zwei «Black Hawk»-Hubschrauber von dem Hauptquartier der US-Streitkräfte in Afghanistan, Bagram Air Base, abgehoben und nach einem Zwischenstopp in Dschalalabad die Grenze nach Pakistan überquert hatten, sahen sich die Kommandos mit dem ersten Risiko ihrer Operation konfrontiert - dass die Pakistaner sie bemerken würden. Doch die Tatsache, dass Abbottabad ein Garnisonsort ist, wo Hubschrauber keine Seltenheit sind, gab ihnen Schutz.

Danach hiess es improvisieren. Der ursprüngliche Plan, dass ein Team das Dach, das andere den Hof sicherte, musste aufgegeben werden, weil einer der Hubschrauber zu einer Notlandung gezwungen worden war. Von einem beschädigten Rotor und ungewöhnlich hohen Temperaturen war die Rede. Letztendlich landeten beide Hubschrauber auf dem Hof, eine Mauer lag noch zwischen der Einheit und dem Haus. Wie zu erwarten war, und vielleicht sogar von der Einheit initiiert, begann ein Feuergefecht.

Wer ist gefährlich, wer stört nur?

Die 25 Kommandotruppen trafen auf mehr als 25 Frauen und Kinder auf dem Gelände und mussten in Sekundenschnelle entscheiden, wer eine Gefahr darstellte und wer ihnen einfach nur im Weg war. Die Eliteeinheit ging davon aus, dass einige der Bewohner mit Sprengstoffwesten ausgestattet sein könnten.

Im Situation Room im Weissen Haus verfolgte Obama und sein Sicherheitsteam die Operation bis zu diesem Punkt, danach seien 20 bis 25 Minuten verstrichen, in denen «wir wirklich nicht wussten, was eigentlich vor sich ging», sagte Panetta.

Schüsse auf Bin Laden

Im ersten Stock tötete das Team Bin Ladens Kurier und dessen Bruder; die Frau des Kuriers starb in einem Schusswechsel. Danach wurde ein Raum im dritten Stock gestürmt. Bin Ladens Frau ging auf die Einheit los, rief den Namen ihres Ehemanns und wurde von einem Schuss in die Wade getroffen. In dem Raum befand sich auch Bin Laden und einer seiner Söhne. Der erste Schuss traf Bin Laden in die Brust, der zweite oberhalb des linken Auges. Durch den zweiten Schuss wurde ein Teil von Bin Ladens Schädel weggerissen. Bin Ladens Sohn wurde ebenfalls erschossen.

Dann wurde Washington über den Tod Bin Ladens informiert, doch die Arbeit von Team Six war noch nicht vorüber. Das Gelände wurde durchsucht und Dokumente sichergestellt, die Aufschluss über die Aktivitäten des Terrornetzwerks Al-Kaida geben könnten.

Die Operation dauerte 40 Minuten

Danach ging die Sorge um, dass die pakistanischen Behörden doch noch etwas von der verdeckten Operation bemerken würden. «Wir mussten den Hubschrauber sprengen», sagte Panetta. «Und dadurch wurden wohl jede Menge Menschen aufgeweckt, auch die Pakistaner.» Die Menschen wurden gefesselt für die pakistanischen Behörden zurückgelassen. Team Six flog mit dem verbliebenen Hubschrauber zum Flugzeugträger «USS Carl Vinson» im Arabischen Meer. Die Leiche bin Ladens nahmen sie mit. Die gesamte Operation dauerte 40 Minuten.

Erst dann wurde Pakistan über die geheime Operation im Land informiert. US-Generalstabschef Mike Mullen rief den pakistanischen Militärchef Ashfaq Kayani an, wie ein Gewährsmann der Nachrichtenagentur AP mitteilte. Panetta kontaktierte kurz darauf seinen Kollegen.

Stunden nach der Operation und bevor die Nachricht vom Tod bin Ladens in wirklich alle Teile der Welt drang, wurde der Al-qaida-Chef im Meer beigesetzt.

(lcv/dapd)

Erstellt: 05.05.2011, 21:17 Uhr

Zusammenschnitt von Werbevideos der Navy Seals. (Bearbeitung Jan Derrer)

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