Wie die USA und Iran innige Feinde wurden

Staatsstreiche, Geiselnahmen, Sanktionen: Das Verhältnis von USA und Iran ist seit Jahrzehnten vor allem von Misstrauen geprägt.

US-Flagge in Irans Parlament verbrannt

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Anfang des 20. Jahrhunderts waren sich die USA und Persien noch herzlich egal. Und kaum einer hätte damals vermutet, dass die beiden Länder einmal eine der innigsten Feindschaften der Weltpolitik entwickeln würden. Die Geschichte dieser Feindschaft dreht sich um Geld, Öl, Macht und Verrat. Sie beginnt ganz unspektakulär.

Machtwechsel in der Weltpolitik – London geht, Washington kommt

Vor dem Zweiten Weltkrieg pflegen Iran, Erbe des längst vergangenen persischen Grossreiches, und die Vereinigten Staaten, aufstrebende Weltmacht, ganz normale diplomatische Beziehungen. Ein paar amerikanische Missionare besuchen das Land mit der grossen Geschichte, sind aber nicht besonders erfolgreich dabei, die schiitische Mehrheit vom Christentum zu überzeugen. Dass Iran auch in der modernen Welt eine grosse strategische Bedeutung haben wird, ist zwar spätestens klar, seit dort 1903 Öl entdeckt wurde. Aber das Land liegt damals ausserhalb der amerikanischen Einflusssphäre – noch hat das britische Empire das Sagen, das sich auch umfangreiche Schürfrechte für die Erdölvorkommen sichert.

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs allerdings ändert sich das internationale Kräfteverhältnis. Und das zeigt sich auch im Nahen Osten. 30'000 US-Soldaten sichern während des Krieges in Iran für die Alliierten den strategisch wichtigen Versorgungsweg in die Sowjetunion.

Nach dem Krieg sehen viele Iraner die Schwäche des britischen Empires als Chance. 1951 kommt in Teheran der bis heute populäre Mohammad Mossadegh als Premier an die Macht. Der national-liberale Politiker steht einer «Nationalen Front» vieler verschiedener Parteien vor, die auch die kommunistische Tudeh-Partei einschliesst. Seine Regierung sorgt für bis dato nicht wieder erreichte Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Pluralismus in Iran. Neben der Demokratisierung des politischen Systems verstaatlicht die «Nationale Front» aber auch das iranische Öl, das bis dahin über die Anglo-Iranian Oil Company faktisch im Besitz der Briten war. London will sich das nicht bieten lassen und erwägt, Truppen zu entsenden, um seine Interessen durchzusetzen. Die USA als neue Weltmacht und enger Verbündeter Grossbritanniens müssen in dem postkolonialen Streit Stellung beziehen.

Präsidenten Harry Truman drängt zunächst bei den Briten auf Mässigung. Die Zurückhaltung wird unter dem neuen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower allerdings aufgegeben. Zu Mossadeghs «Nationaler Front» gehört unter anderen auch eine kommunistische Partei und gemäss der neuen Domino-Theorie der US-Regierung läuft Iran somit Gefahr, in die Einflusssphäre der Sowjetunion zu rutschen. Am 19. August 1953 läuft die «Operation Ajax» an, bei der CIA und MI6 einen Putsch gegen Mossadeqh anzetteln. Sie wollen statt seiner eine westliche Marionette an die Macht bringen. Gerechtfertigt wird der Putsch der amerikanischen und britischen Geheimdienste mit einer angeblich bevorstehenden kommunistischen Machtübernahme, was allerdings völlig erfunden war.

Es ist das erste Mal, dass die USA in dieser Region eine Regierung stürzen. Aber der von Washington und London aus organisierte Staatstreich hat sich bis heute ins kollektive Gedächtnis Irans eingebrannt, obwohl viele junge Iraner amerikanischen Lebensstil und Werte bewundern. Die Verantwortung für diese Erbsünde im amerikanisch-iranischen Verhältnis übernahm erst im Jahr 2000 die damalige Aussenministerin Madeleine Albright, als sie erstmals von offizieller Seite die amerikanische Beteiligung an dem Staatsstreich eingestand.

Ein Freund in Teheran – der Westen und der Schah

Mit dem Coup gewinnen die Vereinigten Staaten die politische Vorherrschaft im Nahen Osten, die zuvor das britische Empire ausgeübt hatte. Das britische Monopol auf iranisches Öl geht auf ein Konsortium internationaler (meist amerikanischer) Firmen über. Unter Schah Reza Pahlavi wird Iran de facto ein amerikanischer Satellitenstaat.

Gemeinsam mit dem israelischen Geheimdienst Mossad baut der CIA anschliessend den berühmt-berüchtigten Geheimdienst Savak auf. Er wird zum mächtigsten Kontrollinstrument des Schahs. Zunächst unterdrückte der Schah jede Liberalisierung im Keim. Doch unter dem Druck nationaler Revolutionen in Irans arabischen Nachbarstaaten und der neuen US-Regierung von John F. Kennedy beschliesst Reza Pahlavi später eine Vielzahl liberaler Reformen.

Von Konservativen und schiitischen Mullahs werden diese Reformen jedoch als imperialistischer Anschlag der USA auf die nationale Souveränität des Landes verstanden und bekämpft. Der Sicherheitsapparat des Schahs unterdrückt 1963 einen Aufstand konservativer Schichten unbarmherzig. 1964 erkennt das Schah-Regime die politische Immunität aller in Iran stationierten US-Soldaten an, fortan gilt Pahlavi im eigenen Land als «amerikanischer Schah». Spätestens damit ist auch der Samen für die Revolution von 1979 gesät.

Wirtschaftlich nimmt der Ölstaat unter dem Schah Fahrt auf, eine neue Mittelschicht entsteht. Aber die politischen Partizipationsmöglichkeiten bleiben unterentwickelt. Trotzdem setzen die USA voll auf ihren neuen Verbündeten und machen Iran zum Polizisten der Region. Der Schah kauft immer neue Waffen von den USA und erschafft (neben Saudiarabien) eine regionale Supermacht: Iranische Soldaten kämpfen in Oman und mit den rebellierenden Kurden im Irak. Im Jom-Kippur-Krieg von 1973 versorgt Teheran Israel mit Öl, obwohl das Land offiziell als aussätzig gilt.

«Tod über Amerika» – die Revolution von 1979

Unter der Herrschaft des Schahs herrschen Despotismus, Korruption, Misswirtschaft und Unterdrückung, wie Bahman Nirumand in seinem 1967 erschienenen Buch «Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt» auch den rebellierenden Studenten in Westdeutschland deutlich macht. Der Schah selbst versinkt in Grössenwahn und lässt zehntausende politische Gegner einsperren und foltern. Die Regierung des demokratischen Präsidenten Jimmy Carter rückt langsam von Reza Pahlavi ab.

Die Unzufriedenheit in Iran führt schliesslich zum Ende des Regimes. 1979 flieht der Schah vor Unruhen und es folgt eine Revolution, die zunächst auch von liberalen und linken Kräften getragen wird. Nach und nach verdrängen die Mullahs um Ayatollah Khomeni aber die bürgerlichen Revolutionäre, die schliesslich selbst verfolgt werden. Etwa eine Million gebildeter Iraner geht ins Exil. Als äusserer Feind der neuen Machthaber müssen die USA herhalten: «Tod über Amerika» schallt es aus den Kehlen der islamistischen Revolutionäre.

Der todkranke Schah muss fliehen, eine Odyssee über Marokko, Ägypten, Bahamas, Mexiko und Panama endet zunächst in einem US-Krankenhaus. Iranische Studenten nehmen das als Anlass, die US-Botschaft in Teheran zu besetzen. 52 Amerikaner werden 444 Tage lang als Geiseln festgehalten. Die Geiselnehmer fordern die Auslieferung des Schahs. Der wird unterdessen ohne Hoffnung auf Genesung nach Panama verlegt und stirbt im Juli 1980 in Kairo. Am 24. April 1980 endet eine Befreiungsaktion der Amerikaner in Teheran in einem Fiasko, erst am 20. Januar 1981 werden die Botschafts-Geiseln schliesslich freigelassen. Am Tag der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Ronald Reagans.

Viel später kam heraus, dass dies ein abgekartetes Spiel von Reagans Wahlkampfleuten mit Chomeni war, das in das sogenannte Iran-Contra-Gate mündete (siehe auch den Bericht über den neuen Chef der US-Waffenlobby Oliver North). Reagan gewann 1980 die Wahl gegen Amtsinhaber Carter, der unter anderem wegen der Geiselnahme in der Botschaft in der Kritik stand. Im Wahlkampf hatte Reagan versprochen, Carters harte Haltung gegen Teheran fortzuführen – zu der unter anderem ein Waffenembargo gehört. Dennoch lieferte die Reagan-Regierung in den 1980er Jahren heimlich Waffen an Iran und leitete die Einnahmen aus den Geschäften an Contra-Rebellen in Nicaragua weiter – daher der Name Iran-Contra-Affäre.

Trotz der Geheimkontakte zum Weissen Haus verdammen Irans Revolutionäre die US-Botschaft noch heute propagandistisch als «Nest der Vipern» und deuten die Geiselnahme als Akt der Notwehr gegen «den grossen Satan», die USA. Irans ehemaliger Präsident Mahmud Ahmadenischad, der selbst als Student an der Besetzung teilgenommen hatte, lobte, dass man die USA damit «erniedrigt» habe.

Iran und Irak – Nachbarn im Krieg

Im September 1980 greift der Irak unter Diktator Saddam Hussein nach der ölreichen südiranischen Provinz Khusistan. Die USA beliefert beide Seiten mit Waffen (Irak offiziell, Iran inoffiziell) und trägt so dazu bei, dass der Krieg acht Jahre dauert und zwei Millionen Menschen sterben. In Iran nie vergessen ist auch, dass die Reagan-Regierung den Einsatz von Chemiewaffen gegen iranische Soldaten durch Truppen von Saddam Hussein billigte.

Im Oktober 1981 wird Ayatollah Ali Khamene'i zum Präsidenten gewählt. In dieser Zeit kommt es auch zu Attentaten, die von Teheran aus gesteuert werden: Im Frühjahr 1983 sprengen von Iran unterstützte Selbstmordattentäter die US-Botschaft in Beirut in die Luft, im Herbst sterben 241 amerikanische Soldaten bei Anschlägen auf die Hauptquartiere der Amerikaner (und der Franzosen) im Libanon. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern werden immer schlechter. Reagan erklärt Iran zum «Sponsor des internationalen Terrorismus» und verschärft die Sanktionen. 1988 schiesst ein US-Kriegsschiff einen iranischen Airbus ab, alle 290 Passagiere sterben. 1989 ruft Chomeini in einer Fatwa zur Tötung des britisch-indischen Schrifststellers Salman Rushdie auf, was zu weltweiten Protesten führt – Grossbritannien bricht die diplomatischen Beziehungen ab. Mitte des Jahres stirbt Chomeini an Krebs. Ali Khamenei nimmt seinen Platz als Revolutionsführer ein.

Unter US-Präsent Bill Clinton verbesserten sich die Beziehungen nicht. Er erlässt 1995 ein umfassendes Handelsembargo. 1999 kommt es in Teheran zu Studentenunruhen, die in Strassenschlachten münden und zu vielen Festnahmen führen.

Iran und die Bombe – der Atomstreit

Als am 11. September 2001 New York und Washington von Terroranschlägen getroffen werden, verändert sich die Welt. Insbesondere entsteht als Folge der Anschläge eine neue US-Politik, die amerikanische Sicherheitsinteressen global definiert und notfalls amerikanische Alleingänge zulässt. Stichwörter für diesen Schwenk sind der «Kampf gegen den Terror» und gegen «Schurkenstaaten», die an Massenvernichtungswaffen arbeiten.

George W. Bush zählt im Jahr 2002 Iran neben Irak und Nordkorea zur «Achse des Bösen» und zu den «Schurkenstaaten». 2003 muss Iran zugeben, seit mehr als 18 Jahren ein geheimes Atomprogramm verfolgt zu haben. Das ist nicht nur den Amerikanern unheimlich. Auch der UN-Sicherheitsrat fordert Iran im Jahr 2006 auf, die waffentechnisch relevante Urananreicherung umgehend zu stoppen. Kurz darauf erklärte Irans damaliger Präsident Ahmadenischad, «dass Iran dem Klub der Nuklearstaaten beigetreten ist». Teheran begreift den Besitz von Atomwaffen zu dieser Zeit als einzigen Schutz vor einem Regimewechsel. 2008 beunruhigt zudem der Testflug einer iranischen Rakete die Welt, da sie laut ihren Erbauern Ziele in Israel treffen könnte.

Unter US-Präsident Barack Obama spitzt sich der Atomkonflikt weiter zu. Obama macht Teheran klar, dass Iran sich verpflichten muss, nicht weiter an der Bombe zu bauen – und ein entsprechendes Abkommen über Krieg oder Frieden entscheidet. Nach 13 Jahren des Streits einigt sich Iran im Jahr 2015 mit den USA, Russland, China, Frankreich, Grossbritannien, Deutschland und der Europäischen Union auf ein Abkommen, das bis auf Weiteres verhindern soll, dass Iran Atomwaffen erlangt. Im Gegenzug werden internationale Wirtschaftssanktionen abgebaut, die die iranische Wirtschaft fast in die Knie gezwungen hatten. Obama gesteht Iran zu, «eine sehr erfolgreiche Regionalmacht» zu sein, wenn es denn sein Nuklearprogramm einstelle. Das Abkommen gilt unter vielen Diplomaten seit dem als Erfolg. Bis Donald Trump es im Mai 2018 aufkündigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2018, 13:56 Uhr

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