Wie ein religiöser Eiferer aus Alabama die Republikaner spaltet

Er enzückt den Jesusflügel der Republikaner und erschreckt den Kapitalistenflügel: Der umstrittene Senatskandidat Roy Moore.

Liegt in den Umfragewerten vor Trumps Protegé «Big Luther»: Roy Moore.

Liegt in den Umfragewerten vor Trumps Protegé «Big Luther»: Roy Moore. Bild: Brynn Anderson/Keystone

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Donald Trump gab sich ungewöhnlich einsichtig: «Mal ehrlich, vielleicht habe ich einen Fehler gemacht», gestand der Präsident vor republikanischen Fans an einer Wahlveranstaltung in Huntsville im Südstaat Alabama.

Der mögliche Fehler? Trump war in Alabama, wo er die Präsidentschaftswahl 2016 mit 28 Punkten Vorsprung gewonnen hatte, als Wahlhelfer des republikanischen Senators Luther Strange aufgekreuzt. Wenige Tage vor der innerparteilichen Vorwahl für die republikanische Senatskandidatur in Alabama aber liegt «Big Luther», wie der hünenhafte Favorit des republikanischen Establishments genannt wird, bei Umfragen hinter seinem Herausforderer Roy Moore, einem evangelikalen Christen, der US-Amerika am liebsten in eine Theokratie verwandeln möchte.

Moores Siegeschance entzückt den Jesusflügel der Partei, erschreckt indes den Kapitalistenflügel. Strange war im Februar von Alabamas Gouverneur zum Nachfolger des von Trump zum Justizminister berufenen Senators Jeff Sessions ernannt worden, ein eher blasser Apparatschik, den der Präsident und der republikanische Senatsführer Mitch McConnell jetzt vor Moores Ansturm retten wollen.

Kompromissloser Bibel-Exeget: Der Richter Roy Moore will für die Republikaner nach Washington. (Bild: Reuters/Tami Chappell)

Der Ex-Kickboxer und die zehn Gebote

Falls «Big Luther» am Dienstag untergeht und Moore im November den Hauptwahlkampf gegen einen Demokraten gewinnt, zöge mit dem ehemaligen Chefrichter Alabamas ein kompromissloser Bibel-Exeget nach Washington. Wiederholt agitierte er in seiner langen Karriere gegen die verfassungsrechtlich verfügte Trennung von Kirche und Staat.

Zweimal wurde Moore als Chefrichter vorzeitig abgelöst, unter anderem weil er im Gebäude des obersten Gerichts einen tonnenschweren Stein mit den Zehn Geboten aufstellen liess. Einen Karriereknick aber erlitt Moore dadurch nicht. Im Gegenteil: Der 70-jährige ehemalige Kickboxer und Amateur-Poet wurde zum Volkshelden in einem der konservativsten US-Staaten. Über 80 Prozent der Bürger Alabamas bezeichnen sich als Christen, rund die Hälfte davon nimmt die Bibel wörtlich.

Auf solchem Terrain gedeiht Roy Moore als prinzipienfester Savonarola, dessen Staatsverständnis ihn in die Nähe der Teheraner Ayatollahs rückt. «Ihr glaubt, Gott sei nicht zornig auf diesen moralischen Slum?», donnerte er kürzlich bei einem Wahlkampfauftritt in Decatur über den Zustand US-Amerikas.

Natürlich sei Gott zornig: Homosexualität, Evolutionslehre, Schwulenehe und überhaupt die fehlende Präsenz Gottes beim Regieren – Roy Moore gewahrt einen langen Sündenkatalog, den er in Washington bekämpfen möchte, so er gewählt wird.

Zerstückelung der republikanischen Fraktion

McConnell und die Handelskammer-Republikaner sind entsetzt von dieser Aussicht, Hardcore-Christen sowie Populisten wie Steve Bannon und Sarah Palin hingegen drücken Moore die Daumen. Besonders Homosexualität verstört ihn als ein «Verbrechen gegen die Natur», das der wiedergeborene Baptist mit Sex zwischen einem Menschen und einem Esel verglich. Nichts aber schmerzt den alten Richter mehr als die Trennung von Kirche und Staat: Man dürfe «Gott und Regierung» nicht auseinanderdividieren, sagt er.

Zieht der Eiferer in den Washingtoner Senat ein, wird er unweigerlich zur weiteren Zerstückelung der republikanischen Fraktion beitragen. Noch schlimmer: Ein Sieg Moores am Dienstag signalisierte neuerlich eine Radikalisierung der Republikanischen Partei nach der Tea Party und den Populisten um Trump. Schon wäre absehbar, dass sich republikanische Amtsinhaber und Kandidaten des Parteiestablishments bei den innerparteilichen Vorwahlen für Kongressmandate im kommenden Jahr Herausforderern stellen müssen, die womöglich im Hauptwahlgang im November wegen allzu radikaler Positionen scheiterten.

Moore lässt das kalt: Wenn seine fundamentalistischen Ansichten nicht genehm seien in Washington, «sollen sie mich ja nicht dahin schicken», drohte er jüngst in einem Interview mit der «Los Angeles Times». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.09.2017, 17:39 Uhr

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