Wie man lernt, die Bombe zu lieben

Politiker wie Donald Trump sind «von der Schönheit unserer Waffen» geblendet. Vor allem, wenn sie abgefeuert werden.

Der nukleare Cowboy: Schlussszene von Stanley Kubricks «Dr. Strangelove». Foto: Collection Christophel (Alamy)

Der nukleare Cowboy: Schlussszene von Stanley Kubricks «Dr. Strangelove». Foto: Collection Christophel (Alamy)

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Der Moderator beim Fernsehsender MSNBC konnte seine Begeisterung nicht zügeln. «Was für schöne Bilder», kommentierte Brian Wilson den Abflug zweier Tomahawk-Raketen von einem amerikanischen Kriegsschiff aus. Ergriffen zitierte er eine Zeile von Leonard Cohen, als habe der sie als Hommage gedacht: «I’m guided by the beauty of our weapons», «ich werde von der Schönheit unserer Waffen geleitet». «Trump bekommt seine bislang beste Presse», notierte ein Blogger in Washington. «Alles, was er tun musste, war, einen Krieg anzufangen.» Oder wenigstens ein paar Bomben zu werfen. Wie auf Syrien, wie auf Afghanistan. Oder mit Bomben zu drohen. Wie in Nordkorea.

Darum lieben Politiker wie Donald Trump Bomben so: Sie suggerieren Stärke, sie übergehen Schwächen. Zugleich werden sie gerne verharmlost. Die erste Atombombe der Welt, sie sollte Hiroshima zerstören, hiess Little Boy. Die zweite, Nagasaki zugedacht, nannten sie Fat Man. Aufgrund der Abwürfe von Little Boy und Fat Man sind bis heute gegen 400'000 Menschen umgekommen, noch heute leben in Japan über 235'000 Atombombengeschädigte. Die Glücklichen starben auf der Stelle, andere verbrannten, ihre Haut fiel ab, die Strahlung zerfrass ihre Körper, das Sterben dauerte Tage, Monate, sogar Jahre.

Das US-Militär verordnete eine Zensur für Japan und den Rest der Welt. Vor allem die Amerikanerinnen und Amerikaner sollten nicht sehen, was ihre Bomben den japanischen Zivilisten angetan hatten. Die Untersuchungen über die Spätfolgen in Hiroshima und Nagasaki, die Krebserkrankungen in der Bevölkerung, die Missbildungen bei Neugeborenen, entklassifizierten die USA erst in den Siebzigern.

Sexbomben, atomischer Swing

An die Stelle des Grauens trat die gute Laune. In den Fünfzigern wurden atomare Drinks gemischt. Die Männer sprachen von «Sexbomben mit Atombusen», wenn sie über Frauen redeten. Das Hotel Sands in Las Vegas veranstaltete Wahlen zur «Miss Atombombe», wie der «Spiegel» schrieb, «und tauchte die Siegerin in einen als Nuklearpilz geformten Wattebausch». Der Gitarrenbauer Les Paul zeigte eines seiner Instrumente neben einem Atompilz, der Jazzpianist und Bandleader Count Basie illustrierte mit der Explosion das Titelbild seiner Platte. Sie hiess «The Atomic Mr. Basie».

Plattencover des Count Basie Orchestra von 1958.

Dann wurde es plötzlich wieder ernst. Anfang der Sechzigerjahre, als Nikita Chruschtschow Atomraketen nach Kuba schaffen liess, reagierte John F. Kennedy mit einer Seeblockade, und der Welt drohte ein Atomkrieg. Da beiden Seiten bewusst war, dass jeder Angriff einen atomaren Gegenschlag zur Folge haben würde, zogen die Russen wieder ab und kehrten die Amerikaner wieder um. Das war 1962.

Hut schwenkend in die Tiefe

Zwei Jahre später holte Stanley Kubrick den Atomkrieg nach, in «Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben», wie der Film auf Deutsch hiess. Er war als Groteske auf den Kalten Krieg angelegt mit Peter Sellers in drei Rollen, darunter ein deutscher Nazi im Rollstuhl. Kubrick hatte «Dr. Strangelove» zuerst als Drama drehen wollen, aber die damalige Aktualität war ihm dramatisch genug. Die Schönheit der Waffen, die Journalisten und Politiker wieder ergreift, versetzt einen US-Major in Kubricks Film dermassen in Erregung, dass er sich rittlings auf eine Atombombe setzt, Hut schwenkend in die Tiefe stürzt und auf russischem Territorium explodiert.

Trailer zu «Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb».

Wem das Führen eines Kriegs zu riskant ist, der kann sich auf die Simulation beschränken. «Wag the Dog» von Barry Levinson liefert die Anleitung dazu. Um von der Sexaffäre des Präsidenten abzulenken, erfindet sein Spindoktor einen Konflikt in Albanien. Und holt einen Hollywood­regisseur, der ihm den Zwischenfall inszeniert.

Trailer zu «Wag the Dog».

«Wag the Dog» erschien im Dezember 1997. Einen Monat später wurde die Affäre von Bill Clinton mit Monica Lewinsky bekannt. Das Thema dominierte die Berichterstattung monatelang. Im August liess Clinton al-Shifa bombardieren, eine Arzneimittelfabrik im Sudan. Die Tomahawk wurden von Kriegsschiffen aus abgefeuert; sie sahen bestimmt schön aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 17:53 Uhr

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