Porträt

Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Anwalt Kenneth Feinberg hat den Job, die Entschädigungen an die Opfer von Boston zu verteilen. Er betreute Fälle wie 9/11 oder Virginia Tech – am schwierigsten war es jedoch mit Bankern der Wallstreet.

Er ist einer der bekanntesten Opferanwälte der USA: Der 67-jährige Kenneth Feinberg.

Er ist einer der bekanntesten Opferanwälte der USA: Der 67-jährige Kenneth Feinberg. Bild: Win McNamee/AFP

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«Ich habe einmal einen schrecklichen Fehler gemacht», bekennt Kenneth Feinberg. «Ich habe einem Opfer eines Anschlags gesagt, ich könne seinen Schmerz gut nachempfinden. Das war dumm, ich habe daraus gelernt. Niemand kann den Schmerz einer anderen Person nachempfinden.» Feinberg wird seine grosse Erfahrung im Umgang mit Opfern von Anschlägen und Katastrophen brauchen können. In Boston hat er den Auftrag übernommen, den Entschädigungsfonds möglichst gerecht auf die Familien der drei Getöteten und die über 170 Verletzten und Teilinvaliden nach dem Anschlag auf den Marathon aufzuteilen.

Dabei geht es laut dem 67-jährigen Anwalt zunächst um eine simple Rechnung: Wie viel Geld liegt bereit, wie viele Opfer sind zu entschädigen, ab wann kann ausbezahlt werden? «Sie müssen verstehen, dass Geld weder das Leiden der Opfer noch den Schmerz der Angehörigen aufwiegen kann. Aber für solch schwere Katastrophen ist Geld eben das einzige Mittel, um so etwas wie Gerechtigkeit herzustellen», erklärte Feinberg letzte Woche nach dem Anschlag in Boston. Da lag ihm, einem der führenden Opferanwälte der USA, die Anfrage der Stadt Boston und des Bundesstaates Massachusetts schon vor.

10 Millionen stehen zur Verfügung

Er musste nicht lange überlegen; Anfang dieser Woche trat er seine Stelle als Verwalter des One Boston Fund an, aus dem die Opfer entschädigt werden sollen. Rasches Handeln ist wichtig: «Geld muss zügig gesammelt und ebenso rasch verteilt werden. Das erstickt jede Kritik und jedes Gefühl der Willkür im Keim», führt Feinberg in seinem markanten Bostoner Dialekt an. Seine politischen Vorbilder, die Kennedys, hatten den gleichen Tonfall. Für Senator Ted Kennedy arbeitete Feinberg in jungen Jahren als Stabschef. Und von ihm übernahm er eine Maxime für seine spätere Arbeit als Opferanwalt: «Man sollte den wohltätigen Impuls des amerikanischen Volkes nie unterschätzen. Er ist Teil unseres Charakters und unsere Erbes. Aber diese Solidarität ist heute in Gefahr. Sie muss gepflegt und gegen jene verteidigt werden, die den Staat schlechtmachen wollen.»

In Boston stehen derzeit 10 Millionen Dollar für die Opfer zur Verfügung. Mehrere Unternehmen und Privatpersonen wollen allerdings noch zusätzliche Mittel spenden. In einem Monat etwa dürfte der Fonds geschlossen werden und die Auszahlung beginnen. Die grösste Schwierigkeit besteht darin, die Opfer und Angehörigen zu identifizieren, die am dringendsten Hilfe brauchen.

«Tag für Tag werden gute Menschen überrollt»

Wenn Feinberg seinen früheren Massstab anwendet, so bekommen die Familien der drei Getöteten am meisten. Die Entschädigung für die über 170 Verletzten, 13 von ihnen mussten amputiert werden, dürfte sich nach der Dauer des Spitalaufenthaltes richten. Nach den Terroranschlägen von 2001 konnte Feinberg den Familien der Getöteten Checks über 2 Millionen Dollar ausstellen, den Verletzten solche über 400'000 Dollar, und zwar steuerfrei. So viel steht in Boston bei weitem nicht zur Verfügung, doch will der Anwalt so unparteiisch wie möglich vorgehen. «Ich muss alle, unabhängig von den Verletzungen, gleichbehandeln. Die Schwere des Schmerzes darf ich nicht messen.»

Der Fall, der am Anfang der ungewöhnlichen Karriere des Garagistensohnes stand, war ein Entschädigungsfonds für Vietnamveteranen. Er hatte den Auftrag, 250 Millionen Dollar an schwer erkrankte Soldaten zu verteilen, die mit Agent Orange – einem Entlaubungsmittel – besprüht worden waren. Oft gab es nur wenige Tausend Dollar, selbst für Todkranke. Die Erfahrung prägte ihn, sie machte ihn zu einem Fatalisten. «Tag für Tag werden gute Menschen von bösen Sachen überrollt. Ich muss es den Opfern immer wieder sagen: Das Leben ist nicht fair.»

«Das Leben bricht jedem das Herz»

Feinberg gründete danach eine auf Opferfälle spezialisierte Kanzlei. 2001 war er der Anwalt, der den mit 7 Milliarden Dollar bestückten Spezialfonds der 9/11-Anschläge verwaltete. Später verteilte er die Mittel aus dem 6,5 Milliarden schweren BP-Fonds für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Er war auch der Mittelsmann für die Opfer des Todesschützen von Aurora, Colorado, und des Massenmörders an der Virginia Tech-Hochschule. Dazwischen berief ihn Präsident Obama auf den Posten des «Pay-Zar»: Sein Auftrag bestand darin, die Saläre der Topbanker nach der staatlichen Rettung der Wallstreet-Häuser neu zu verhandeln, also zu kürzen.

Dieses Mandat sei eines seiner schlimmsten gewesen, sagt er, weil die Banker völlig uneinsichtig waren. «Sie betrachten den Lohn als Ausdruck ihrer sozialen Stellung. Eine Kürzung um 1 Million sahen sie als Angriff auf ihre Persönlichkeit an. Man lernt viel über den menschlichen Charakter, wenn man Täter und Opfer vor sich hat.» Wie immer suchte Feinberg auch mit den Bankern eine schnelle Lösung. Er versuchte gar nicht erst, die überrissenen Boni früherer Jahre zurückzufordern: «Ich wollte nicht mit Leuten verhandeln, die glaubten, sie seien unersetzbar. Die Friedhöfe sind voll von unersetzbaren Leuten.»

Der Anschlag von Boston hat seinen Fatalismus nicht verändert, nur bestätigt, wie Kenneth Feinberg sagt: «Das Leben bricht jedem früher oder später das Herz.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2013, 06:19 Uhr

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