Wikileaks als Abenteuer

Zwei Computercracks entdeckten eine Wildnis, wo Staat und Konzerne angreifbar sind. Als sie Erfolg, Geld und Macht hatten, zerbrach ihre Freundschaft. Nun hat der eine ein Buch geschrieben.

Nach dem Bruch mit seinem Freund gründete er eine eigene Plattform - und schrieb ein Buch: Daniel Domscheit-Berg.

Nach dem Bruch mit seinem Freund gründete er eine eigene Plattform - und schrieb ein Buch: Daniel Domscheit-Berg.

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Der eine arbeitete zwanzig Stunden am Tag. Und schämte sich ein wenig seiner Schwäche. Denn wenn er aufs Sofa fiel, sass sein bester Freund weiter am Computer. Und wenn er wieder erwachte, sah er seinen Freund noch immer gleich dasitzen: aufrecht, reglos, wie ein schmaler Buddha.

So sah der Höhepunkt der Freundschaft zwischen Daniel Domscheit-Berg und Julian Assange aus. Einer Freundschaft von zwei Männern, die sich kaum je physisch trafen, sondern meist über abhörsicheren Computerchat sprachen. Und dabei planten, die halbe Welt aus den Angeln zu heben. Und die, als sie damit Erfolg hatten, zu Feinden wurden.

Zwei intelligente Macher

Es ist der einzige Punkt, über den Domscheit-Berg in seinem mit Zug, Witz und Härte geschriebenen Buch nichts Genaues schreibt: Warum sollte man die Mächtigen der Welt sabotieren – in Konzernen, Regierungen, Kirchen? Es gibt nur den kurzen Hinweis auf einen Satz von Julian Assange: «Lass uns der Gesellschaft nützen und den Bastarden eins über die Mütze geben!»

Es waren zwei intelligente Macher – mit der Verachtung der Computercracks gegenüber den schwerfälligen Behörden, die in das Abenteuer des 21. Jahrhunderts starteten.

Der Ruf der Wildnis

Die grosse Entdeckung von Wikileaks war: eine Wildnis inmitten der kontrollierten Hochsicherheitszonen. Die Idee war simpel: eine Seite für den anonymen Verrat von Geheimnissen – und eine Technik, die Anonymität und Ungreifbarkeit ermöglichte.

Dass die Sache funktioniert, weiss man heute: Geheimdienste, Sekten, Banken, Regierungen, sogar die USA wissen nicht, wie sie die von Wikileaks verratenen Geheimnisse technisch oder rechtlich kontern können.

Und wie alle Pioniere machten die zwei Wikileaks-Leute ihre Gesetze selbst: Sie veröffentlichten alles Geheime, gegen jeden. Und die Protestbriefe von Anwälten oder vom Bundesnachrichtendienst dazu.

Lehrreiche Zeiten

Ein Erfolg war das alles nur halb. Bis Anfang 2010 war Wikileaks praktisch immer pleite, die Journalisten liessen sich bitten, und die zwei Wikileaks-Agenten reisten zu Kongressen, um die Idee bekannt zu machen. Dort übernachteten sie zu zweit in billigsten Pensionen – etwa in einem Zimmer mit Gasleck, in dem der, der auf dem Sofa schlief, den im Hochbett bat, doch bitte im Fall des Ablebens den Eltern letzte Grüsse auszurichten.

Das war, wenn man Domscheit-Berg glauben darf, ihre glücklichste Zeit. Denn sie lernten. Und zwar nicht zuletzt bei ihren Feinden.

Du wirst wie deine Feinde

Wikileaks behauptete zwar, auf 800 Spezialisten von China bis Südafrika zurückgreifen zu können, doch in Wahrheit arbeiteten nur zwei Leute (und später zwei Techniker). Diese mussten alles lesen: eine Flut von Waffenreporten, Scientology-Handbüchern, Staatsverträgen, Verfügungen, Bankauszügen, Studien zu weiss Gott was – und das war noch das vernünftige Zeug.

Das Lesen hinterliess Spuren: Domscheit-Berg etwa lernte von den angegriffenen Grosskonzernen den Umgang mit der Presse. Fehler nicht einmal dementieren, sondern immer aussitzen – denn jede Erklärung bestätigt, dass du ein Problem hast. Stattdessen besser mit neuen Meldungen ablenken. Oder bei technischen Erläuterungen so kompliziert reden, dass die Journalisten ermüden. (So etwa tarnte man, dass die angeblich superkomplexe Infrastruktur von Wikileaks lange nur aus einem veralteten Server bestand.)

Assange dagegen fing nach der Lektüre der Steuerumgehungstricks der Bank Bär an, über Offshore-Geldverstecke für Wikileaks selbst nachzudenken.Und er begann, eine Schwäche für Manager- und Militärsprache zu entwickeln. Bald würde sein Lieblingssatz lauten: «Do not challenge leadership in time of crisis.»

Visionär und Ingenieur

Eine Wildnis wird seit Jahrhunderten gleich besiedelt: Erst kommen die Visionäre, dann folgen die Ingenieure. Wenn auch nie zuvor so pur wie im Fall von Wikileaks: ein einziger Visionär. Und ein einziger Ingenieur.

Anfangs, als sie fast nur Niederlagen teilten, funktionierte das Team. Domscheit organisierte, Assange sorgte für die Exzentrik: Er reiste ohne Koffer, mit drei Schichten Kleidern am Leib, verpasste Termine, sah überall Geheimagenten, ass Lebensmittel pur – nur Brot, nur zwölf Zitronen oder Ovomaltine direkt aus der Packung. Wahrheit war ihm wenig wichtig: Er erfand Ausreden und Lebensgeschichten bedenkenlos neu, als würde er «täglich seine Festplatte neu formatieren». Und er vertrat aufrichtig die Ansicht, man mache «Leuten Freude, wenn sie sich ärgern». Also müsse man das so oft wie möglich tun. Kurz: Domscheit-Berg fragte sich öfter, ob Assange von wirklichen Menschen oder «von Wölfen» grossgezogen sei. Er fand ihn «unmöglich und liebenswert».

Umarmungen auf der Strasse

Im Buch schrieb er: «Erst später habe ich verstanden, dass Julian mein Verhalten häufig als Unterordnung aufgefasst haben muss. Dabei wollte ich nur freundlich und rücksichtsvoll sein.»

Es war der Moment des Durchbruchs, als es ungemütlich wurde. Anfang 2010 flossen erstmals nennenswert Spenden. Dann war Wikileaks durch Dokumente, die belegten, dass die ruinierten isländischen Banken ihren Eignern Tage vor ihrem Bankrott noch billige Kredite gegeben hatten, in Island berühmt geworden. Assanges und Domscheit-Bergs Vorschlag, Island zu einer «Schweiz der Bits und Bites» zu machen – mit absolutem Pressegeheimnis – wurde zur Vorlage im Parlament. Leute umarmten sie auf den Strassen. Domscheit-Berg schrieb: «Wir waren Stars. Das war mir so angenehm, dass ich mich fast schämte.»

Gleichzeitig wurde Assanges Ton immer kühler. Trafen die beiden jemanden, gab er als Erster die Hand und sagte: «Mein Name ist Julian Assange. Und das ist mein Kollege.»

Und zu Hause auf dem Server lagerte ein File mit dem, was heute als grösster Geheimnisverrat der Geschichte gilt: 76'000 geheime Dokumente zum Afghanistankrieg, 391'000 zum Irak und 250'000 Depeschen der US-Botschaft.

Einer gegen alle

Die Prioritäten für den Ingenieur Domscheit-Berg waren: die technische Infrastruktur ausbauen. (Der Programmcode war zu «dadaistischen Formationen» gewuchert.) Und Leute anheuern. (Schon, weil Unmengen von Geheimdokumenten sich stauten. Und bis anhin hatten nur eine Reihe von Pseudonymen den Feinden Schlagkraft vorgetäuscht.)

Die Prioritäten für den Visionär Assange waren ganz andere: Er setzte voll auf das Superleck. 2010 veröffentlichte Wikileaks praktisch nichts anderes.

Assanges Strategie schrieb Geschichte. Das Irak-Video, die Kriegsdokumente, die Diplomatendepeschen machten Wiki-leaks zu einer Weltmarke: Die Weltpresse und über 150 betroffene Regierungen mussten darüber sprechen.

Domscheit-Berg hingegen bekam fast keine Informationen mehr. Er hörte etwa, dass Assange mit der teuren Entschlüsselung des Irak-Videos um Spenden warb – und wusste, dass es unverschlüsselt war. Er erfuhr nichts über Gelder und über alle Kooperationen mit der Presse nur im Nachhinein.

Mitteilung vergessen

Am härtesten klingt die Geschichte mit den Afghanistan-Files. Ein Hauptproblem bei den 76'000 Dokumenten war, dass afghanische Kontakte des US-Militärs von den Taliban mit dem Tod bedroht waren. Assange sagte zu, dass alle gelöscht wurden. Und vergass, dies dem Team mitzuteilen. Vier Tage vor Veröffentlichung hörte Domscheit-Berg beim Lunch mit Journalisten zufällig davon. Worauf er und die Techniker vier Tage und Nächte die Files durchgingen – in einer Sache auf Leben und Tod.

Von seinem besten Freund Assange hörte er wenig mehr als: «Bin beschäftigt», «Das musst du nicht wissen» und «Du bist Middle-Management – kritisier nicht die Führung in Krisenzeiten».

Sensation und Organisation

Das, was er an seinem Freund gemocht hatte – das Chaos, die Freiheit bis zur Gedankenlosigkeit, die furchtlose Ener-gie –, hatte sich zu einem Monster ausgewachsen. Zu einem Monster, das einer wilden Mischung von Assanges Feinden und Albträumen glich: eine Ikone. Ein Staatsfeind der USA. Ein echtes Ziel diverser Geheimdienste. Und ein autoritärer Chef.

Kurz: etwas, was Geheimnisse en masse hat. Sexy ist wie der Versucher selbst. Und verraten wird.

«Du benimmst dich wie ein Sklaventreiber», schrieb Domscheit-Berg. Worauf Assange zurückschrieb: «Du bist suspendiert wegen Illoyalität, mangelnder Unterordnung und Destabilisierung in einer Krisenzeit.»

Domscheit-Berg hatte genug. Mit ihm ging das halbe Team. Es nahm die neuste Software mit, mit der Begründung: «Kinder sollten nicht mit Waffen spielen.» Assange engagierte einen Anwalt. In einem letzten Streit sprachen Assange und Domscheit-Berg über die Zukunft. Assange wollte Wikileaks als «Organisation der Aufständischen». Domscheit-Berg als legales, funktionierendes Instrument, um Whistleblower gesellschaftsfähig zu machen.

Glücklicher Abenteuerroman

Danach gründete Domscheit-Berg seine eigene Organisation: Openleaks. Diese ist neutral und bietet anonyme Weiterleitung von Dokumenten an Medien und NGOs. Eine technisch saubere, finanziell transparente, politisch neutrale, kostenlose Dienstleistung.

«Man kann uns langweilig finden», schrieb er, «uns würde das nicht stören. Hauptsache, das System funktioniert.»

Zur Finanzierung wurde Domscheit-Berg selbst zum Whistleblower und schrieb das Buch «Inside Wikileaks». Das Sachbuch liest sich einerseits als Beschreibung eines Projekts, das ins 21. Jahrhundert gehört. Und andererseits wie ein Abenteuerroman von Jack London aus Alaska.

Und es ist auch einer: Es ist lange her, dass neues Land entdeckt wurde, mit viel Platz und ohne Gesetze. Noch streiten sich Internetaktivisten, Regierungen und Journalisten um die Claims: Wer soll welche Geheimnisse haben – wer welche verraten dürfen?

Kein Wunder, ist das Buch trotz des Themas – ein gestrandetes Projekt, eine zerbrochene Freundschaft – ein glückliches Buch geworden: Es atmet den Geist von Freiheit.

Erstellt: 15.02.2011, 23:17 Uhr

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