Wo sind die 40 Studenten aus Iguala?

Gleich zweimal haben die Ordnungskräfte in Mexiko agiert wie Verbrecher. Nachdem die Regierung jüngst viel internationales Lob erhalten hat, fürchtet sie nun um ihr Image.

Für das Image des Präsidenten sind die Vorfälle desaströs: Gewalttätige Proteste im Bezirk Guerrero. (29. September 2014)

Für das Image des Präsidenten sind die Vorfälle desaströs: Gewalttätige Proteste im Bezirk Guerrero. (29. September 2014) Bild: AFP

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In der mexikanischen Stadt Iguala sind 40 Studenten spurlos verschwunden, die am vergangenen Wochenende in Auseinandersetzungen mit der Polizei verwickelt waren. Nach einem Protestmarsch hatten die Jugendlichen einen Busfahrer gebeten, sie gratis zurück zu ihrem etwas ausserhalb der Stadt gelegenen Campus zu fahren; anderen Quellen zufolge haben sie das Verkehrsmittel gekapert. Darauf eröffneten Gemeindepolizisten das Feuer und töteten zwei Studenten. Später griffen Polizisten sowie maskierte Zivilisten – wahrscheinlich Mitglieder des lokalen Drogenkartells «Vereinigte Krieger» – erneut einen Bus an, von dem sie irrtümlicherweise meinten, er transportiere ebenfalls Studenten. In Wirklichkeit war er mit einem Fussballteam besetzt. Ein 15-jähriger Nachwuchsfussballer, der Fahrer sowie die Insassin eines zufällig vorbeifahrenden Taxis kamen ums Leben.

Als abermals einige Stunden später die von Folter entstellte Leiche eines Studenten gefunden wurde, hatte sich in der im Bundesstaat Guerrero gelegenen Stadt mit ihren 120‘000 Einwohnern längst Panik ausgebreitet: Läden waren geschlossen, die Strassen menschenleer. Noch besteht die schwache Hoffnung, die verschwundenen Studenten hielten sich irgendwo vor der Polizei versteckt. Zeugen zufolge hat die Gemeindepolizei jedoch mindestens 20 abgeführt. Mittlerweile kontrollieren Armee und Bundespolizisten die Stadt; 22 Gemeindepolizisten sind wegen Mordverdachts verhaftet worden.

Soldaten richten mutmassliche Kriminelle hin

Zusätzlich erschüttern zwei Morde an Politikern sowie ein von der Armee verübtes Massaker die mexikanische Öffentlichkeit. Laut offiziellen Angaben kam es Ende Juni im Ort Tlatlaya im Bundesstaat Estado de México, der die Hauptstadt umgibt, zu einem Gefecht zwischen Soldaten und Mitgliedern der organisierten Kriminalität. Dabei seien 22 Verbrecher erschossen worden. Es ist den Recherchen von Journalisten, dem Druck von nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen sowie dem Drängen der amerikanischen Regierung zu verdanken, dass nun die Wahrheit doch noch ans Licht gekommen ist: Die Kriminellen hatten sich ergeben und wurden von den Soldaten kaltblütig hingerichtet.

Für das Image des seit Dezember 2012 regierenden mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto sind die Vorfälle desaströs. Peña Nieto bemüht sich, im In- und Ausland als reformwilliger, dynamischer Staatschef aufzutreten, der Mexiko wirtschaftlich öffnen und die Institutionen modernisieren will. Über den Drogenkrieg spricht seine Regierung wenig, weshalb die Medien das Thema seltener aufgreifen als unter Peña Nietos Vorgänger Felipe Calderón.

Mordrate gesunken

Ausserdem können die Ordnungskräfte durchaus gewisse Erfolge vorweisen: Es ist ihnen gelungen, mehrere Drogenbosse zu verhaften, darunter Chapo Guzmán, den legendären Chef des Sinaloa-Kartells. Laut offiziellen Angaben ist die Zahl der Morde innerhalb des letzten Jahres um rund 15 Prozent gesunken. Es ist in letzter Zeit auch nicht mehr vorgekommen, dass Drogenkriminelle in Bars, Restaurants oder Diskotheken Massaker verübt oder an öffentlich zugänglichen Orten Dutzende verstümmelter Leichen deponiert hätten. Allerdings häufen sich Entführungen und Schutzgelderpressungen, weil die Kartelle unter dem militärischen Druck der Ordnungskräfte neue Einkommensquellen suchen.

Die jüngsten Vorfälle rufen in Erinnerung, dass zwei Grundübel des mexikanischen Drogenkriegs auch unter Peña Nieto fortbestehen: Das mafiöse Geflecht zwischen Kartellen, Polizei und lokalen Behörden, das mit grösster Wahrscheinlichkeit für das Desaster in Iguala verantwortlich ist. Und die vom Staat systematisch verharmlosten Gräueltaten der Armee, deren Mitglieder nicht dazu ausgebildet sind, im Inland für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Wie gross der Schaden für Peña Nietos Regierung noch wird, hängt stark davon ab, ob die verschwundenen Studenten aus Iguala unversehrt zu ihren Familien zurückkehren. So oder so ist sich Mexikos Öffentlichkeit in den letzten Wochen schmerzhaft bewusst geworden, dass der Kampf gegen die organisierte Kriminalität trotz Teilerfolgen noch lange nicht gewonnen ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2014, 21:22 Uhr

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