Analyse

Zwei Ladies, zwei Stile – eine Botschaft

Ihre Aufgabe war dieselbe: Ihren jeweiligen Mann der Nation näherbringen. Ein Vergleich von Michelle Obamas und Ann Romneys Reden zeigt erstaunliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

«Mother-in-Chief»: First Lady Michelle Obama gibt die «Oberste Mutter» des Landes.
Video: Jan Derrer

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Gelobt wurden sie danach beide. Ann Romney gab am Parteitag der Republikaner die wohl am einhelligsten gepriesene Rede. Und über Michelle Obamas Rede jubelten gestern Nacht nicht nur die demokratischen Delegierten, sondern auch die TV-Kommentatoren. Die Ausgangslage der beiden Ladys war recht ähnlich: Sie mussten dem nationalen Publikum ihre Männer empfehlen. Ann ihren Mitt, der als abgehoben und kühl gilt. Michelle ihren Barack, der viel von der Aura von 2008 eingebüsst hat.

Redeerfahrung haben sie beide: Ann Romney und Michelle Obama sprechen im Rahmen von Wohltätigkeitsarbeit und Verbandstätigkeit regelmässig vor grösserem Publikum. Die First Lady hielt immerhin 2008 ihre erste Parteitagsrede vor Zehntausenden. Erstaunlich aber, wie ähnlich die beiden Frauen 2012 ihre Aufgabe angehen, obwohl sie sich doch politisch so fern sind.

Erinnerungen an ein «einfacheres» Leben

Beide sprechen von persönlichen Erfahrungen. Von Erinnerungen an ein «einfacheres» Leben kurz nach Gründung ihrer jeweiligen Familien. Von angeblich strengeren Tagen. Beide beschreiben das anstrengende Leben der heutigen Mittelklasse, deren Geldnot und Jobangst. Beide sprechen auch schwere Krankheit an – bei beiden ist es Multiple Sklerose. Zudem betonen Ann und Michelle ihre Herkunft aus Arbeiterfamilien, wobei Ann dabei auf den Grossvater verweisen muss.

Denn auch die Unterschiede sind eben offensichtlich: Das «einfachere» Leben der jungen Romneys bestand darin, dass sie noch in einer Wohnung lebten und noch nicht in einem Haus. Das junge Paar Obama, so betont Michelle, lebte dagegen nicht nur bescheiden, sondern war völlig verschuldet. Immerhin als Folge der üppigen Stipendien für die Elite-Universität Harvard und mit Aussicht auf gute Jobs.

Markenkleider oder Gesundheitsrechnungen?

Wenn Ann Romney von Nöten der Mittelklasse redet, dann geht es bei ihr darum, dass sich die Kinder Markenkleider leisten können. Wenn Michelle Obama vom gleichen erzählt, geht es um Familien, die ihre Gesundheitsrechnungen nicht mehr zahlen können. Erstaunlich auch, dass Michelle Obama detailliert vom körperlichen Zerfall ihres MS-gezeichneten Vaters erzählt, während Ann Romney die Krankheit zwar erwähnt, dann aber dazu schweigt. Wer es nicht weiss, erfährt nicht einmal, dass sie selber es ist, die an MS leidet.

Nicht alle diese Unterschiede sind Taktik. Das meiste ist erklärbar mit dem unterschiedlichen Charakter der beiden Frauen. Ann gilt, wie ihr Mann, als eher distanziert, Michelle als zugänglich. Gut möglich, dass Ann tatsächlich die persönlichen Details ihrer Krankheit für sich behalten wollte. Ein Fehler, wie viele Beobachter sagen. Denn statt bloss davon zu reden, dass sie einst ihr Abendessen auf einem Bügelbrett essen musste, hätte Ann Romney von echten schweren Erinnerungen berichten können: Von Verzweiflung und Todesangst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.09.2012, 20:05 Uhr

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