Zwei Tage Demokratie in Kuba

US-Präsident Barack Obama hat mit seinen Worten in Kuba vielen Menschen aus dem Herzen gesprochen. Raúl Castros Nomenklatura hörte versteinert zu.

Trat in Kuba charmant und eloquent auf: Barack Obama bei seiner Rede im Gran Teatro von Havanna. Foto: Getty Images

Trat in Kuba charmant und eloquent auf: Barack Obama bei seiner Rede im Gran Teatro von Havanna. Foto: Getty Images

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Der amerikanische Präsident direkt und live, unkommentiert und unzensuriert. Und in Havanna! Das war für die Menschen in Kuba eine völlig neue Erfahrung. Nicht, dass Gott zu ihnen sprach, aber für viele war das, was Barack Obama in seiner Rede gestern und in den letzten zwei Tagen alles sagte, zumindest teilweise wie eine Offenbarung. Das Volk hörte Worte und Sätze, die in Kuba seit Jahrzehnten nie mehr gesagt wurden – auch nicht gesagt werden durften.

Obama hielt seine gut halbstündige Rede im Gran Teatro von Havanna. Seine ersten Worte: Er sei in Frieden gekommen und «um die letzten Spuren des Kalten Krieges zu beseitigen und etwas Neues zu beginnen». Einmal mehr sagte er, die amerikanische Kubapolitik der Isolation sei falsch gewesen, das Embargo habe nur dem Volk geschadet. Er forderte den US-Kongress erneut auf, das Embargo aufzuheben, sagte aber auch, dass, wenn dieses weg sei und keine Hürden und Limiten mehr bestünden seitens der USA, Kubas Zukunft nicht von alleine besser werde. An die Menschen gewandt, sagte er: «Ihr müsst eure Zukunft selbst in die Hand nehmen und die Probleme Kubas lösen.»

Kubas Errungenschaften

In jedem Satz und jeder Aussage war unüberhörbar: Obama sprach zum Volk, nicht zu Raúl Castros Regierung. Und mit dem, was er sagte und wie er es sagte, machte er deutlich, wie gross die Kluft in Kuba zwischen Volk und Regierung ist, zwischen dem realen Leben und den ideologischen Idealen.

Obama kritisierte die Castros und ihr System nie direkt, sagte aber, dass die Zeiten der grossen Ideologien vorüber seien. Die Wörter Kapitalismus und Sozialismus nahm er nie in den Mund. «Wir müssen die alten, ideologischen Schlachten hinter uns lassen und vergessen.» Man dürfe nicht ewig an Altem festhalten, müsse sich verändern. Sich zu verändern, bedeute nicht, seine Herkunft, Identität und Kultur zu verändern.

Obama anerkannte, dass Kuba viele Errungenschaften aufzuweisen habe, erwähnte das Recht auf Bildung und gesundheitliche Versorgung, auch, dass Kuba und die USA sehr vieles verbinde, man gemeinsame Werte habe – aber auch tiefe Differenzen, vor allem bezüglich des politischen Systems, der Menschenrechte und der Demokratie. Er sei tief davon überzeugt: «Menschen müssen frei sagen dürfen, was sie denken.» Seine Meinung äussern, friedlich auf der Strasse demonstrieren, die Regierung kritisieren, ohne Angst vor Repression – das alles sei existenziell, damit eine Gesellschaft prosperiere und sich weiterentwickeln könne.

Obama räumte ein, auch die USA hätten nicht die perfekte Demokratie, doch nur im offenen, freien und demokratischen Meinungsaustausch könne man diese verbessern. Ja, in der amerikanischen Politik sei zu viel Geld mit im Spiel. Doch man müsse auch anerkennen, «dass ich, ein Afroamerikaner aus normalen Verhältnissen, heute Präsident dieses Landes sein kann, dass eine Frau und Männer mit kubanischen Wurzeln heute für die Präsidentschaft kandidieren». Das sei im Amerika von 1959 unvorstellbar gewesen. Obama erwähnte das emblematische Jahr der kubanischen Revolution, um aufzuzeigen, wie sich die USA seither entwickelt haben – und sagte damit ohne Worte, wie Kuba mit denselben Männern an der Macht seit Jahrzehnten stillsteht.

Obama ging auch auf ein grosses kubanische Trauma ein. «Die Hunderttausenden, die von dieser Insel geflüchtet sind», die auseinandergerissenen Familien, Angehörige, die sich nie mehr oder erst nach Jahrzehnten wiedersehen konnten. Er erwähnte Menschen mit Namen und schilderte kurz ihre leidvolle Geschichte. Er mahnte zur Versöhnung mit den Exilkubanern. «Auch sie lieben ihre Heimat.»

Nur einmal richtete Obama sich direkt an Raúl Castro, der mit seinem Kabinett der Macht hoch oben auf einem Balkon im Gran Teatro sass. «Sie müssen keine Angst mehr haben vor den USA!» Die Kameras des staatliche Fernsehens zeigten die Nomenklatura nur einmal ganz kurz im Bild. Alle sassen mit versteinerter Miene da. Nach Obamas Rede standen sie auf, knöpften mit ernsten Mienen ihre Jacketts zu und gingen.

Nach der Rede traf sich Obama zum Unmut der kubanischen Regierung mit Dissidenten und Menschenrechtsakti­visten. Am Nachmittag besuchte er mit seiner Familie ein Baseballspiel.

Obamas Agenda

Nach dem kühlen Empfang am Sonntag seitens der Regierung hat Obama im Verlauf seines Besuchs mit seinen Auftritten und Worten die kubanischen Herzen wieder kräftig aufgewärmt.

Zum Widerwillen der Regierung wollte Obama so viel Kontakt wie möglich haben mit Personen und Gruppen, die nicht vom Regime im Voraus handverlesen und vorgeschickt werden. Er hat dies geschafft und konnte dadurch Themen ansprechen und Menschen reden lassen, die in Kuba kaum oder nie zur Sprache kommen. Sie erlebten einen amerikanischen Präsidenten, der charmant und eloquent auftrat, zuhörte und sich für ihre Anliegen interessierte. Er traf stets den richtigen Ton, war nie arrogant oder belehrend – doch seine Worte, sein Auftreten und der Austausch mit ihm, das war ein kurzer Hauch von Demokratie in Havanna.

Raúl Castros Auftritte hingegen waren ein harter und für viele Kubaner beschämender Kontrast. Der 84-jährige General glänzte vor allem durch Abwesenheit. Und als er zusammen mit Obama auftrat und kritische Fragen beantworten musste, sah man einen unsicheren und missmutigen General. Er liebt den offenen und kritischen Austausch von Meinungen und Argumenten offensichtlich nicht.

Obama reiste gestern Abend weiter nach Argentinien. Die Castros bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2016, 22:24 Uhr

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