Zwischen Plünderung und Wiederaufbau

In der Karibik herrscht nach Hurrikan Irma vielerorts noch das Chaos. Der Wiederaufbau der vom Tourismus lebenden Inseln wird dauern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bevor Hurrikan Irma mit Stärke 4 auf Florida traf und das Wochenende über die Augen der Welt auf sich zog, hatte sich der Monstersturm mit der Stärke 5 bereits über die Karibik hergemacht. Von Antigua & Barbuda, Anguilla, den britischen und amerikanischen Jungferninseln, Haiti, der Dominikanischen Republik, Puerto Rico, St. Kitts & Nevis, Guadeloupe, Turks & Caicos bis nach Kuba wurde die nördliche Karibik vielerorts verwüstet. Während Irma in den Südstaaten der USA noch als Tropensturm weiterzieht, werden die Auswirkungen auf den Inseln nun sichtbar.

Für viele Bewohner war eine Evakuation keine Option, und Notunterkünfte gibt es in den infrastrukturschwachen Regionen kaum, wie Gabrielle Thongs von der Universität der West Indies im «Guardian» schreibt. Besonders betroffen waren deshalb die ohnehin Benachteiligten, die Obdachlosen, Bettler und die ärmsten Bewohner in kaum stabilen Häusern, die teilweise direkt am Meer wohnen.

Die Hilfe für die betroffenen Inseln läuft aber nur langsam an. Getroffen wurden sie bereits Ende letzter Woche, wobei an den meisten Orten fast die gesamte Infrastruktur ausfiel. In der Folge kämpfen die Menschen vielerorts um Lebensmittel, es gibt Plünderungen, Diebstähle und Überfälle, auch weil die Polizei kaum mehr einsatzfähig ist.

Video: Auswirkungen in der Karibik


Viele Karibikinseln sind weitgehend zerstört.

Nun erreichen die ersten Kriegsschiffe aus den USA, Frankreich und Grossbritannien die Karibik. Sie bringen den hungrigen Bewohnern und Touristen die dringend benötigten Lebensmittel und sollen auch für Ruhe sorgen. Auch Kreuzfahrtschiffe sind mit Hilfsgütern auf dem Weg zu den bei Touristen beliebten Inseln. Sie sollen auch Menschen evakuieren, denn viele Inseln sind unbewohnbar geworden:

Antigua & Barbuda

In Barbuda sind praktisch sämtliche Häuser beschädigt, die 1800 Einwohner wurden grösstenteils nach Antigua evakuiert. Von den Zurückgebliebenen hat die karibische Katastrophenbehörde mehrere Berichte von Menschen erhalten, welche sich unter Todesangst in ihren Küchenschränken vor dem Hurrikan schützten. Die Aufräumarbeiten haben erst begonnen, die Bewohner werden noch lange nicht auf ihre Insel zurückkehren können. Der Wiederaufbau soll 9 Monate dauern. Hunde, Katzen, Esel, Schafe, Kühe, Pferde und Schweine irren derweil auf sich alleine gestellt herum.

1300 der 1800 Bewohner von Barbuda harren derzeit noch auf Antigua aus. Dort ist die Solidarität mit den Nachbarn gross, die Leute sammeln Lebensmittel und Kleidung für die Geflüchteten. Freiwillige setzten mit Booten auf Barbuda über, um dort die zurückgebliebenen Tiere zu füttern. Möglichst viele sollen ebenfalls nach Antigua evakuiert werden.

Jungferninseln

Hart getroffen hat es auch die Inseln Tortola und Jost van Dyke, welche zu den britischen Jungferninseln gehören. Als sei eine Bombe eingeschlagen, beschreiben Bewohner die Insel. Auf Tortola könne man kaum noch leben, sagen die Evakuierten. Grossbritannien hat ein Schiff der Royal Navy zu seinen Inseln geschickt. Das Militär soll helfen, Recht und Ordnung zu bewahren, da die Polizei im Chaos kaum noch die Kontrolle hat.

Auch die Vegetation wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Praktisch das gesamte Grün wurde von Irma weggefegt, wie die Bilder der Nasa zeigen:

Etwas weiter südwestlich liegt St. Thomas, eine der amerikanischen Jungferninseln. Das US-Territorium bietet Duty-Free-Shopping und Traumstrände, weshalb die Insel für amerikanische Kreuzfahrttouristen ein Muss ist. Nun merken die US-Amerikaner langsam, dass Florida zwar dem Schlimmsten entgangen ist, dies aber ihr karibisches Paradies genau ereilt hat. Die Bewohner der Jungferninseln St. Thomas und St. John stehen vor zerstörten Häusern und Existenzen, erhalten notdürftig Lebensmittel des US-Militärs und beklagen sich über die fehlende Aufmerksamkeit ihrer Nation. Erst jetzt, wo die Dauer-Live-Sendung aus Florida langsam endet, kommt ein Hilfsprogramm für die Karibikgebiete in Gang. Die USA haben gestern einen Flugzeugträger und 5000 Militärangehörige entsandt, auch Präsident Donald Trump will die Jungferninseln in den nächsten Tagen besuchen.

Bis die Hilfe angelaufen ist und der Wiederaufbau beginnt, müssen die Inselbewohner noch ausharren. Es gibt Berichte von Plünderungen, Bankautomaten würden gestohlen. Die Diebe zündeten zur Ablenkung Autos an, um dann andernorts Geschäfte auszuräumen, heisst es.

St. Martin/St. Maarten

Die Insel mit einer holländischen und einer französischen Hälfte wurde von Irma direkt getroffen, vor allem der französische Norden. Touristen berichten von katastrophalen Zuständen auf der Insel und von «biblischer Zerstörung». Bewaffnete Gangs würden um die letzten Lebensmittel kämpfen, während sich die Touristen in ihren Hotelzimmern eingeschlossen haben, berichtet «Daily Mail».

Die Touristen werden nun in Militärflugzeugen nach Puerto Rico geflogen. Frankreich hat wie die USA einen Flugzeugträger in die Karibik geschickt, der heute in St. Martin eintreffen soll. Auch von holländischer Seite rollt Hilfe an, die Menschen hoffen auf die dringend benötigten Lebensmittel. Vom tropischen Paradies ist aber vieles zerstört worden, vom Flughafen über die Luxushotels bis zu den Wohnhäusern muss alles neu aufgebaut werden.

In Mitleidenschaft gezogen wurde auch Anguilla. Die Insel befindet sich direkt neben St. Martin. Mindestens eine Person starb dort, auf St. Martin waren es mindestens vier.

Kuba

Mindestens 35 Tote sind in der Karibik zu beklagen, 10 davon in Kuba. Damit ist Irma der schlimmste Hurrikan auf der Insel seit Dennis im Jahr 2005. Über zwei Millionen Menschen wurden evakuiert, das entspricht knapp einem Fünftel der gesamten Bevölkerung. In Havanna ist das Meer so weit in die Stadt vorgedrungen wie noch nie, bis zu 500 Meter ins Landesinnere stand alles unter Wasser. Sechs Meter hohe Wellen schwappten über die Uferpromenade Malecon.

Der Strom in Havanna ist ausgefallen, die Bewohner befürchten nun, dass es Tage, wenn nicht Wochen dauern könnte, bis die Elektrizität wiederhergestellt ist. Dabei wurde die kubanische Hauptstadt von Irma nur gestreift, die schlimmeren Auswirkungen gab es weiter östlich, wo das Auge des Hurrikans auf Land traf. Dort wurden Häuser zerstört, auch die Hotelanlagen auf den vorgelagerten Cayos erlitten Schäden, das Terminal des Flughafens wurde verwüstet, Hunderte Flamingos starben.

Weitere Inseln

Auch auf St. Kitts & Nevis, Puerto Rico, Turks & Caicos, Haiti, die Bahamas und die Dominikanische Republik wurden vom Hurrikan gestreift. Auf vielen Inseln kam es zu Stromausfällen, in der Dominikanischen Republik wurden 2000 Häuser beschädigt, in Puerto Rico starben mindestens drei Menschen.

Die Hitze macht zu schaffen

Für die Bewohner der betroffenen Inseln sind die dringend benötigten Lebensmittel nun auf dem Weg. Noch länger ein Problem wird aber die Zerstörung sein. Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit sind viele Häuser unbewohnbar, in den Trümmern hat es Müll, verdorbene Lebensmittel und dadurch Ratten und Vögel.

Viele der Inseln leben praktisch ausschliesslich vom Tourismus, ihnen bleibt keine andere Wahl, als die Infrastruktur möglichst rasch wieder aufzubauen. Die Hurrikan-Saison endet offiziell am 30. November, wobei der September der aktivste Monat ist. Spätestens zur Weihnachtszeit werden die Europäer und Amerikaner wieder in die karibische Wärme fliegen wollen.

Einzelne Kreuzfahrtschiffe sollten gemäss Planung bereits am nächsten Wochenende Touristen nach Havanna, Tortola oder St. Thomas bringen. Einige Gesellschaften haben ihr Programm aber bereits umgestellt und fahren statt zu den Jungferninseln in den mexikanischen Golf.

Kann man denn jetzt überhaupt noch auf diesen Karibikinseln Ferien machen? Im britischen TV liefert ein Experte die Antwort: Um der vom Tourismus abhängigen Region zu helfen, soll man dort hin in die Ferien und so die Wirtschaft wieder ankurbeln. Der Hurrikan sei nur die erste Katastrophe, wenn dann die Touristen ausblieben, sei das eine zweite Katastrophe. Möglichst viele Airlines sollten nun deshalb Direktflüge auf die betroffenen Inseln anbieten.

(anf)

Erstellt: 12.09.2017, 17:14 Uhr

Artikel zum Thema

Strom in Altersheim fällt aus – acht Tote

Video Nach einem Stromausfall in Florida sind mehrere Bewohner eines Altersheims gestorben. Ursache könnte die Hitze gewesen sein. Mehr...

6000 Dollar für einen Inlandflug – Ticketsystem dreht durch

Video Und plötzlich schossen die Preise für Flüge ab Florida in die Höhe. Reine Preistreiberei wegen Hurrikan Irma? Mehr...

Halb so schlimm?

Video Irma hat Florida zwar schwer, aber nicht voll getroffen. Rechte Kommentatoren sehen das als Beweis dafür, dass die Klimaschützer masslos übertreiben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Bis zu 20 Prozent Krankenkassenprämie sparen

Mit dem neuen Grundversicherungsmodell KPTwin.easy sparen Sie bis zu 20 Prozent Prämie und eine Menge Zeit.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...