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Akute Gefahr für das Überleben der Demokratie in Brasilien

Das Volk muss nun zwischen einem grossen und einem kleineren Übel wählen.

«Brasiliens Trump» liegt bei Wahl klar vorne. Video: AP/AFP

Die Abscheu vor der brasilianischen Misere ist so gross, dass fast die Hälfte der Wählenden für den rechtsextremen Anti-System-Kandidaten Jair Bolsonaro gestimmt hat. Dies, obwohl der polternde Polemiker wider das Establishment selber zum Establishment gehört und sich während seiner drei Jahrzehnte als Parlamentarier einzig durch primitive Sprüche profiliert hat. Wirtschaftskrise, Korruption, Kriminalität und marode Infrastruktur haben aber quer durch alle Schichten eine Erlösungssehnsucht geweckt, die Millionen auf Bolsonaro projizieren. Dass sie damit das Überleben der Demokratie im grössten Land Lateinamerikas gefährden, nehmen sie in Kauf. Mehr noch: Für viele Bolsonaro-Anhänger ist die Demokratie zu einem Teil des Problems geworden. Hält man sich vor Augen, wie zerrüttet Brasiliens politisches System ist, kann man es ihnen nicht einmal verdenken.

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Bilder: Brasilien wählt neuen Präsidenten

Er wird neuer Präsident: Der ultarechte Jair Bolsonaro kommt in der Stichwahl auf 55,5 Prozent.
Er wird neuer Präsident: Der ultarechte Jair Bolsonaro kommt in der Stichwahl auf 55,5 Prozent.
AP
Bolsonaro im O-Ton: «Die Schwulen sind ein Produkt des Drogenkonsums.» «Der Fehler der Militärdiktatur bestand darin, zu foltern, statt zu töten.» «Frauen sollen weniger verdienen als Männer, weil sie schwanger werden.»
Bolsonaro im O-Ton: «Die Schwulen sind ein Produkt des Drogenkonsums.» «Der Fehler der Militärdiktatur bestand darin, zu foltern, statt zu töten.» «Frauen sollen weniger verdienen als Männer, weil sie schwanger werden.»
AFP
Jair Bolsonaro, presidential candidate with the Social Liberal Party, waves after voting in the presidential runoff election in Rio de Janeiro, Brazil, Sunday, Oct. 28, 2018. Bolsonaro is running against leftist candidate Fernando Haddad of the Workers’ Party. (AP Photo/Silvia izquierdo)
Jair Bolsonaro, presidential candidate with the Social Liberal Party, waves after voting in the presidential runoff election in Rio de Janeiro, Brazil, Sunday, Oct. 28, 2018. Bolsonaro is running against leftist candidate Fernando Haddad of the Workers’ Party. (AP Photo/Silvia izquierdo)
Pilar Olivares, Reuters
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Am 28. Oktober kommt es nun also zum Stichkampf zwischen Bolsonaro und Fernando Haddad, dem Kandidaten der linken Arbeiterpartei. Haddad muss darauf hoffen, alle demokratischen Kräfte hinter sich zu scharen. Aber als Vertreter jener Partei, die tiefer im brasilianischen Korruptionssumpf steckt als alle anderen, verabscheut ihn vor allem der Mittelstand, auf dessen Unterstützung er angewiesen ist. Als Ersatzkandidat für den inhaftierten Ex-Präsidenten Lula gilt er bei dessen Sympathisanten als zweitbeste Lösung, und trotz seiner ansprechenden Bilanz als Stadtpräfekt von São Paulo halten ihn selbst Wohlgesinnte für eine Marionette seines Förderers Lula. Vor allem aber ist Haddad dazu verurteilt, nach einem allfälligen Wahlsieg all jene Anhänger zu enttäuschen, die in der Illusion leben, mit ihm würden die ökonomisch glorreichen Lula-Jahre wiederkehren. Doch die wichtigste Voraussetzung für jenen Glorienschein, nämlich die hohen Rohstoffpreise, gibt es nicht mehr.

Die Stichwahl wird die Zweiteilung Brasiliens vertiefen, sie wird den beidseitigen Hass auf den politischen Gegner noch verschärfen. Bleibt dem Land das grosse Übel namens Bolsonaro erspart, ereilt es das kleinere namens Haddad.

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